Florian Gerster wechselt zur FDP "Die SPD ist in Gefahr, zu einer Sekte zu werden"

Mehr als fünf Jahrzehnte war Florian Gerster in der SPD, war Landesminister und Chef der Bundesagentur für Arbeit. Nun wechselte er in die FDP. Im SPIEGEL-Interview spricht er über die Gründe.
Florian Gerster (in seiner Wohnung in Frankfurt): "Das Problem ist die Bundespartei"

Florian Gerster (in seiner Wohnung in Frankfurt): "Das Problem ist die Bundespartei"

Foto: Thomas Pirot

SPIEGEL: Herr Gerster, Sie waren über fünf Jahrzehnte in der SPD, jetzt sind Sie in die FDP eingetreten. Warum?

Gerster: Das war ein schleichender Entfremdungsprozess. Ich war ja beteiligt an den Reformen der Agenda 2010, habe als Vorstandsvorsitzender die Bundesagentur für Arbeit neu aufgestellt. Als 2005 im Bundestagswahlkampf Gerhard Schröder vorübergehend einen sehr konventionellen sozialpolitischen Wahlkampf geführt hat, da wurde mir klar: Die SPD schafft es nicht, eine moderne Partei der Arbeit zu werden.

Zur Person
Foto: Karlheinz Schindler/ dpa

Florian Gerster,Jahrgang 1949, war viele Jahre SPD-Minister in unterschiedlichen Funktionen (Arbeit, Soziales, Gesundheit) in Rheinland-Pfalz. Von 2002 bis 2004 arbeitete er als Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit und sorgte dort für die Umsetzung der Agenda 2010. Seit 2004 ist er Unternehmensberater. Nach 53 Jahren in der SPD wechselte er im Januar 2020 zur FDP. Gerster ist der Bruder der ZDF-Moderatorin Petra Gerster.

SPIEGEL: Was sagen frühere Genossen zu Ihrer Entscheidung?

Gerster: Manche sind enttäuscht, andere verstehen das. Mir ist selbst der Schritt nicht leichtgefallen, ich habe ja noch viele Freunde in der SPD. Manche sagen: Wenn Du gehst, an wem sollen wir uns denn noch orientieren in der Partei? Gerade auf kommunaler Ebene machen viele eine sehr solide Politik der Mitte. Das Problem ist die Bundespartei, die nicht mehr diese Botschaft an die Mitte senden kann. Deswegen fällt die SPD inhaltlich auseinander.

SPIEGEL: Was wollen Sie in der FDP nun bewirken?

Gerster: Ich bin jetzt 70 Jahre alt, ich strebe keine Ämter mehr an, arbeite aber gern in der FDP mit und setze darauf, dass Menschen, die in der FDP sozialliberal denken oder diese Facette zumindest unterstützen wollen, mit mir ins Gespräch kommen.

SPIEGEL: Was macht für Sie sozialliberal heute aus?

Gerster: Zunächst einmal der Ansatz, dass sich Arbeit lohnen muss. Dazu gehört auch der Respekt vor Menschen aus allen Sozialschichten, die sich bemühen. Und für mich zählt dazu auch die Hilfe zur Selbsthilfe für Benachteiligte, zudem bleibt eine integrative Bildungspolitik die beste Sozialpolitik.

SPIEGEL: Hat Sie Christian Lindner zu Ihrem Wechsel in die FDP ermutigt?

Gerster: Das habe ich aus freien Stücken getan. Ich habe Christian Lindner, den ich seit vielen Jahren kenne, im Dezember einen Brief geschrieben, zuvor natürlich auch dem SPD-Bundesvorstand mitgeteilt, dass ich austreten werde.

SPIEGEL: Gibt es persönliche Bezüge zur FDP?

Gerster: Ich hatte Christian Lindner in meinem Brief mitgeteilt, dass meine verstorbenen Eltern beide in der FDP waren, ich komme sozusagen aus einem sozialliberalen Haushalt. Ich denke, meine Eltern sitzen auf einer Wolke sieben und sind jetzt zufrieden mit der Entscheidung ihres Sohnes.

Florian Gerster als Chef der Bundesagentur für Arbeit (2003): Die Agenda 2010 mit umgesetzt.

Florian Gerster als Chef der Bundesagentur für Arbeit (2003): Die Agenda 2010 mit umgesetzt.

Foto: FRITZ REISS/ AP

SPIEGEL: Lindner hat Ihren Eintritt wirkungsvoll auf dem Dreikönigstreffen seiner FDP in Stuttgart verkündet. War das abgesprochen?

Gerster: Ja. Ich wollte nicht, dass mein Eintritt plakativ über eine Presserklärung erfolgt. Christian Lindner hat mich gefragt, ob er das in Stuttgart - sozusagen als Beifang - mitteilen dürfte. Damit war ich einverstanden, zumal er mich als Ehrengast eingeladen hatte. Die große Aufmerksamkeit hat mich dann schon ein wenig überrascht, ich habe mich ja politisch seit Beginn meiner Arbeit als freier Unternehmensberater 2004 sehr zurückgehalten.

SPIEGEL: Warum sind Sie einst zur SPD gekommen?

Gerster: Ich bin 1966 in die SPD eingetreten, weil die Partei sich damals nach dem Godesberger Programm gegenüber dem Bürgertum, der Mitte, geöffnet hatte. Es war eine optimistische Partei, nicht zu vergleichen mit heute. Die SPD hat sich derart weit vom damaligen Ansatz entfernt, dass ich heute keinen Sinn mehr darin erkenne, in ihr länger zu verbleiben.

SPIEGEL: Die SPD distanziert sich weitgehend von der Agenda 2010, die Sie einst als Chef der Bundesagentur mit umgesetzt haben. Ist das auch ein Grund für Ihren Austritt?

Gerster: Ja, auch. Dabei kann die Agenda 2010, bei einigen Nachbesserungen, als Modernisierung unseres Gemeinwesens fortgeführt werden. Ich bin mit FDP-Chef Lindner der Meinung, dass ein moderner Sozialstaat nicht unbedingt mehr Geld aufwenden muss, sondern die richtigen Anreize für die Betroffenen bieten sollte, aus ihrer Lage wieder herauszukommen.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Zukunft der SPD unter dem Duo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken ein?

FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke und Christian Lindner in Stuttgart

FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke und Christian Lindner in Stuttgart

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Gerster: Spätestens mit diesem merkwürdigen Doppelspitzen-Wahlkampf war mir klar: Die SPD ist nicht mehr reformierbar. Ich fürchte, die SPD wird sich nicht einmal mehr in einer komfortablen Zehn-Prozent-Region einrichten können.

SPIEGEL: Die neue Führung setzt mit einem Linkskurs auf 30 Prozent.

Gerster: Das ist utopisch. Wie soll das geschehen? Die Linken werden immer linker als die SPD sein, die Grünen grüner als die SPD. Ich fürchte, die neue Führung unterliegt einer großen Selbsttäuschung.

SPIEGEL: Wohin wandert die SPD?

Gerster: Die SPD ist in Gefahr, zu einer Sekte zu werden. Noch stärker dürfte sie eine strukturkonservative Partei werden, die nur noch für bestimmte, aus ihrer Sicht gefährdete Milieus da ist, aber nicht mehr für die Mitte der Gesellschaft, für die Facharbeiter, die Aufstiegswilligen und -fähigen.

SPIEGEL: FDP-Chef Lindner hat Sie stellvertretend für viele SPD-Anhänger einen politisch Heimatlosen genannt, der den Weg zur FDP gefunden hat. In der SPD aber ist die FDP ziemlich verschrien. Kann das Konzept Lindners aufgehen?

Gerster: Der Grundgedanke Lindners ist richtig. Schon als früherer Arbeitsminister in Rheinland-Pfalz wusste ich, dass etwa ein Gesamtkonzernbetriebsrat von BASF keinesfalls als Wähler-Reservoir der SPD dienen konnte. Das sind heute Leute, die den Spitzensteuersatz zahlen müssen, die den Eindruck haben, die SPD kümmert sich zwar um die Verlierer, ist aber nicht mehr die Partei des sozialen Aufstiegs.

SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich von der FDP?

Gerster: Ich wünsche mir, dass die FDP nicht nur eine Partei der Individualisten ist und bleibt, sondern eine gestaltende Kraft in der Mitte wird, sich auch etwa Facharbeitern gegenüber öffnet. Das gilt nicht nur für das frühere SPD-Milieu. CDU und CSU haben einen Wirtschaftsflügel, auch der ist heimatlos. Ich sehe durchaus Potenzial für die FDP.

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