Aus Syrien geflohener Kurde "Diese Zeit hat uns kaputt gemacht"

Nach Zeiten der Unterdrückung, nach Jahren des Krieges, nach einer anstrengenden und gefährlichen Flucht ist Azad Suleyman körperlich und psychisch erschöpft: Wann er seine Familie wiedersieht, weiß er nicht.

Azad Suleyman: "Zum Glück gibt es das Internet"
Stanley Kroeger

Azad Suleyman: "Zum Glück gibt es das Internet"

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Azad Suleyman ist ein Mann mit kräftigen Händen. In seiner Heimat Syrien hat der 40-jährige Kurde Fliesen gelegt, er war selbstständig, lebte mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung. Jetzt sitzt er in einem kahlen Raum in der Hamburger Flüchtlingsunterkunft Grüner Deich. Azad spricht leise, ein Freund übersetzt. Als es um die Familie geht, kommen ihm die Tränen.

"Ich wohne hier in Hamburg mit meinem Bruder in einem Zimmer. Er ist mit mir aus Syrien gekommen. Das macht es mir leichter. Trotzdem: Ich bin unendlich traurig, dass meine Familie nicht bei mir ist. Meine Frau, mein Sohn und meine beiden Töchter warten noch in der Türkei. Dorthin sind wir vor zwei Jahren zuerst geflohen.

Ich schreibe oft mit ihnen - zum Glück gibt es das Internet. Und ich habe Fotos, die ich mir immer wieder ansehe. Ich weiß nicht, wann meine Familie nachkommen kann. Immer wieder gehen sie in Ankara zum deutschen Konsulat, fragen nach einem Visum. Die Chancen stehen gut, dass es klappt. Aber es dauert einfach alles sehr lange.

Bis es soweit ist, versuche ich Deutsch zu lernen, auch wenn die Sprache sehr schwierig ist. Einen offiziellen Kurs des Jobcenters besuche ich noch nicht. Aber es gibt auch hier in der Unterkunft Unterricht - zweimal in der Woche. Außerdem nutze ich ein Internet-Programm, das mir beim Übersetzen hilft.

Gerne würde ich wieder als Fliesenleger arbeiten, wie in Syrien, in unserer Stadt an der Grenze zur Türkei. Ich war damals selbstständig, das Geschäft lief gut. Diese Arbeit macht mir Spaß. Allerdings bin ich jetzt sehr ausgelaugt. Ich bin 40 Jahre alt, aber im Moment fühle ich mich viel älter. Die Flucht über Bulgarien und Serbien hat unheimlich viel Kraft gekostet. Auch die Erinnerungen an Syrien belasten mich sehr. Wir hatten dort große Probleme - weil wir Kurden sind, weil Krieg war. Diese Zeit hat uns kaputt gemacht. Warum wir Syrien verlassen haben, kann man fast jeden Tag in den Nachrichten sehen. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Eigentlich wollte ich mit meiner Familie in der Türkei bleiben. Doch wir hätten dort nur für einen sehr begrenzten Zeitraum leben dürfen. Ich musste an die Zukunft denken. Meine Schwester wohnt in Essen. Sie erzählte mir, dass in Deutschland die Perspektiven besser sind. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um später meine Frau und die Kinder nachzuholen. 8500 Euro habe ich an eine Schlepperorganisation bezahlt. Für uns alle hätte ich das niemals bezahlen können. Meine Familie zurückzulassen, war wahnsinnig schwer. Noch heute kann ich kaum darüber sprechen.

Am liebsten würde ich die Uhren zurückdrehen - auf die Zeit vor dem Krieg. Damals hatten wir in Syrien zwar wenig Rechte - trotzdem haben wir gelebt. Jetzt muss ich irgendwie nach vorne blicken. Mein Asylantrag wurde bewilligt, ich darf nun erst einmal bis 2018 hier bleiben. In Deutschland haben wir Chancen, wir sind sicher, als Kurden werden wir akzeptiert. Ich hoffe einfach, dass meine Kinder eine schöne Zukunft haben werden."



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