Afghanischer Flüchtling in Heidenau "Hier sind nur ein paar Menschen gegen uns"

Hassan hat binnen einer Woche zwei Seiten von Heidenau kennengelernt: Bei seiner Ankunft in der Flüchtlingsunterkunft wurde er von Rechten beschimpft. Nun feierte er mit Hunderten ein Willkommensfest: "Ein Geschenk", wie er sagt.

Aus Heidenau berichtet


Das erste, was Hassan in Heidenau gefühlt hat, war Angst. Zusammen mit mehreren Familien war er vergangenes Wochenende von einer Flüchtlingsunterkunft aus Chemnitz in die ostsächsische Kleinstadt gebracht worden. Als der Bus ankam vor der Unterkunft in dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt, da standen die Rechten schon am Supermarkt gegenüber. "Sie waren betrunken, hielten Flaschen in den Händen und schrien uns etwas zu", erzählt der 20-Jährige.

Aus dem Bus aussteigen wollte niemand. Vor allem für die Familien sei die Situation sehr aufwühlend gewesen, einige Frauen und Kinder hätten geweint. "Ich hatte Angst, dass jemand ins Camp eindringt und uns attackiert, vielleicht sogar tötet", sagt Hassan. "Am Ende hatten wir aber keine andere Wahl, wir mussten in die Unterkunft ziehen." Zwei Nächte lang sei die Randale auf der anderen Straßenseite noch weiter gegangen. Hassan konnte vor Lärm und Angst kaum schlafen. Dann wurde es ruhiger.

Mit den Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende war die 16.000-Einwohner-Stadt bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Rechtsextremisten hatten gewaltsam gegen die Unterbringung von 600 Asylbewerbern auf dem Baumarkt-Gelände protestiert; Steine und Böller flogen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Am Mittwoch besuchte Kanzlerin Angela Merkel das Gelände, auch sie wurde von den rechten Demonstranten wüst beschimpft.

Hüpfburg, Musik, Spenden

Jetzt, eine Woche später, hat Hassan auch die andere Seite von Heidenau kennengelernt. Das Bündnis "Dresden Nazifrei" hatte am Freitag ein Willkommensfest vor der Flüchtlingsunterkunft organisiert; es gab Musik, eine Hüpfburg für die Kinder, freiwillige Helfer verteilten Spenden. Hunderte Menschen kamen aus Dresden, Hamburg, München - und natürlich aus Heidenau. "Das war wie ein Geschenk für uns", sagt Hassan. Er sah den anderen beim Tanzen und den Kindern beim Spielen auf der Wiese zu. Viele Menschen seien auf ihn zugekommen und hätten ihm gesagt: "Wir unterstützen euch."

Dabei war es bis kurz vor dem Fest noch nicht klar, ob es überhaupt stattfinden konnte. Am Donnerstagabend hatte das zuständige Landratsamt in Pirna ein Versammlungsverbot über Heidenau verhängt und sich auf den polizeilichen Notstand berufen. Das Verwaltungsgericht erklärte das Verbot in einer Eilentscheidung jedoch für rechtswidrig. Das Bundesverfassungsgericht hat die Entscheidung inzwischen bestätigt.

Zeitgleich hatte eine "Bürgerinitiative Heidenau" zu einer Kundgebung auf dem Platz der Freiheit aufgerufen, bis zu 400 Menschen kamen zusammen. Auch am Abend nach dem Willkommensfest versammelten sich etwa 100 Rechte wieder gegenüber der Unterkunft. Sie wurden von der Polizei eingekesselt, Ausschreitungen gab es nicht.

"Geht zurück nach Afghanistan!"

Für Hassan fühlt es sich in Heidenau nun trotzdem anders an. "Ich dachte, alle Menschen hier seien gegen uns. Aber es sind nur ein paar", sagt er. Während er erzählt, schreit ein Lkw-Fahrer beim Vorbeifahren "Geht zurück nach Afghanistan!" aus dem Fenster. Der 20-Jährige lässt sich mittlerweile aber nicht mehr einschüchtern. Mit einigen Anwohnern sei er schon ins Gespräch gekommen, manche von ihnen hätten sogar angefangen zu weinen, als er ihnen seine Geschichte erzählte.

Dann berichtet er von seinem Leben in Kabul. Dort habe er permanent um sein Leben gefürchtet, er habe nie gewusst, ob er am Abend wieder sicher nach Hause komme, ob er von einer der Explosionen erwischt wird. Seinem Onkel erging es so. Die Angehörigen suchten nach seinen sterblichen Überresten, konnten aber nichts mehr von ihm finden.

Vor mehr als einem Jahr hatte Hassan genug Geld für eine Flucht gespart. Über Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Ungarn sei er zunächst nach Tschechien gekommen, wo er für 70 Tage ins Gefängnis kam. "Wie ein Krimineller", sagt er. Sein Geld nahmen sie ihm ab; nur etwa 50 Euro blieben. Damit kaufte er sich ein Zugticket nach Dresden. Von dort sei er immer wieder in andere Unterkünfte gebracht worden - wie viele es bislang waren, kann er nicht mehr sagen.

Wie soll es in Deutschland für ihn weitergehen? "Ich möchte meine Schule abschließen. Es ist mir wichtig, ein gebildeter Mensch zu sein", sagt er. Schließlich wollte er nach Deutschland, weil er hier die beste Ausbildung bekommen könne. Seit wenigen Tagen lernt er zudem Deutsch. I am - ich bin; You are - du bist, steht in seinem Notizblock. "Tschüss", sagt er zum Abschied. Auch wenn er noch keine konkreten Pläne hat, steht für ihn fest, dass er hier bleiben will. Nicht nur wegen der Schule. "Ich liebe die Menschen hier", sagt Hassan.

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