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Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof Start in ein neues Leben

Am Hauptbahnhof in München kommen Tausende Flüchtlinge an. Manche wirken erschöpft, andere strahlen große Zuversicht aus. Die Erstversorgung funktioniert erstaunlich gut, nun müssen die Menschen auf die Bundesländer verteilt werden.

Die Gegensätze am Münchner Hauptbahnhof könnten nicht größer sein: Da sind die Händler, die sich für das Oktoberfest rüsten. An Ständen in der Bahnhofshalle bieten sie Dirndl in Gelb, Rosa oder Hellblau zum Sonderpreis von 29,99 Euro an. Die Lederhosen stapeln sich dutzendweise in den Regalen für das größte Volksfest der Welt.

Und dann sind da die Menschen, die praktisch mit ihrem letzten Hemd in die bayerische Landeshauptstadt kommen: Flüchtlinge, die regelmäßig mit Zügen in München einfahren, nur wenige Meter von den Trachtenständen entfernt.

Sie kommen aus Bürgerkriegsländern wie Syrien, etliche ohne Gepäck, andere haben ihre wenigen Habseligkeiten in Koffer oder einfache Plastiktüten gesteckt. Für Yildiz Ahmad und ihre zwei kleinen Kinder begann die Flucht im syrischen Aleppo. Ihr Haus: zerstört. "Wir haben dort nichts mehr", sagt die 37-Jährige - und trotzdem steckt sie voller Elan: "Erschöpft? Ich bin nicht erschöpft. Wer sein Leben ändern will, darf nicht müde sein." Sie wolle, dass ihre Kinder einmal studieren könnten. Ihr Ziel sei nun Bonn, dort lebe ihr Mann, der bereits vor vier Monaten nach Deutschland geflohen sei.

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Flüchtlinge: Ankunft in Deutschland

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Schon seit Monaten ist die Zahl der täglich in München eintreffenden Flüchtlinge, die über die Balkanroute kommen, hoch. Zuletzt war sie noch einmal deutlich gestiegen, nachdem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr österreichischer Amtskollege Werner Faymann darauf geeinigt hatten, den in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen die Einreise zu gewähren.

Allein am Samstag wurden nach Angaben von Maria Els, Vizepräsidentin der Regierung Oberbayern, 6780 Flüchtlinge in München gezählt. Am Sonntag seien von Mitternacht bis 7 Uhr morgens weitere 1200 gekommen, man rechne für den Sonntag mit zusätzlichen 4000 Menschen.

Bayern war von der Entscheidung Merkels und Faymanns überrascht worden, entsprechend angesäuert reagierte Joachim Herrmann, Innenminister des Freistaats. Es sei schon etwas "merkwürdig" gewesen, von diesem Schritt lediglich per Mitteilung informiert worden zu sein, sagte der CSU-Politiker im Bayerischen Rundfunk. Er hätte sich gewünscht, dass man vorher mit den Bundesländern gesprochen hätte. "Das kann kein Dauerzustand werden", so Herrmann.

Im Video: CSU-Ministerpräsident Seehofer zur Flüchtlingskrise

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kann die Kritik des bayerischen Innenministers nicht verstehen. Die Entscheidung Merkels sei richtig gewesen, sagte Reiter am Sonntag am Münchner Hauptbahnhof im Gespräch mit Journalisten. "Schließlich muss die humanitäre Hilfe aufrecht erhalten werden."

In einer Pressekonferenz mahnte Reiter später eine "uneingeschränkte Solidarität aller Bundesländer" an. Die Flüchtlinge müssten möglichst schnell innerhalb Deutschlands verteilt werden. Oberbayerns Vizeregierungspräsidentin Els zufolge wurden bereits rund 1500 Flüchtlinge ins westfälische Dortmund weitergeleitet, ein anderer Zug mit 650 Personen sei nach Braunschweig (Niedersachsen) weitergeleitet worden. Darüber hinaus habe es Transporte ins rheinland-pfälzische Ingelheim (460 Personen) und ins thüringische Saalfeld (470 Personen) gegeben. Baden-Württemberg habe zuletzt mit 15 Bussen direkt von Österreich aus Asylbewerber in den Südwesten Deutschlands gebracht.

Damit sich die Flüchtlinge in München von den Strapazen ihrer Reise erholen können, wurden an mehreren Orten der bayerischen Landeshauptstadt provisorische Quartiere eingerichtet - so stehen etwa allein auf dem Messegelände 1700 Betten zur Verfügung, es sollen dort schon bald weitere 700 Plätze errichtet werden.

Freiwillige Helfer unterstützen Flüchtlinge bei Ankunft

In der Regel halten sich die Flüchtlinge, die zudem mit Nahrungsmitteln versorgt und medizinisch betreut werden, nur wenige Stunden in München auf. Ziel sei es, sie schnell weiterzuverlegen, sagte Els - entweder in andere Bundesländer oder in andere Regierungsbezirke Bayerns.

Die große Zahl von Flüchtlingen stelle eine Herausforderung dar, so die oberbayerische Vizeregierungspräsidentin. "Ich bin aber überzeugt, dass wir das hinkriegen werden."

Auch an diesem Sonntag sind wieder Dutzende freiwillige Helfer im Einsatz. Manche von ihnen tragen Westen in Signalfarbe. "Interpreter", haben einige in englischer Sprache auf die Weste geschrieben - Dolmetscher also. Einer von ihnen: Massaoud Badr. Der 40-Jährige aus Syrien lebt seit rund 15 Jahren in München. Es seien für ihn "sehr bewegende Momente", wenn er jetzt am Bahnsteig auf viele Landsleute treffe. Seine Eltern seien weiterhin in dem Bürgerkriegsland, sagt er. "Sie sind alt und wollen ihre Heimat nicht verlassen. Wenn ich mit ihnen telefoniere, dann kann ich manchmal im Hintergrund die Geräusche von Schüssen hören."

Im Video: Flüchtlinge werden in München mit Applaus empfangen

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