Flüchtlinge Was "besorgte Bürger" sagen wollen

Was treibt "besorgte Bürger" um, die an Stammtischen und in sozialen Medien über die Flüchtlingskrise reden? Ihre Argumentation ist widersprüchlich - weil sie sich nicht trauen zu sagen, was ihnen wirklich Angst macht.
Transparent bei Pegida-Demonstration in München: Vernebelter Blick

Transparent bei Pegida-Demonstration in München: Vernebelter Blick

Foto: Marc Müller/ dpa

Furcht kann die Sinne schärfen. Wer ohne Furcht durch die Welt geht, sieht, hört, riecht vielleicht eine Gefahr nicht. Ein gewisses Maß an Furcht lässt uns in bedrohlichen Situationen achtsam sein. Übersteigerte Angst aber vernebelt den Blick und kann zu Argumentationsschwierigkeiten führen.

Die "besorgten Bürger", die sich in Internetforen, an Stammtischen, in den sozialen Medien und in Leserbriefen äußern, führen das vor Augen.

Sie schreiben über Flüchtlinge: "Es kommen NUR junge Männer! Alleine! Wo sind die Frauen und Kinder, die Alten und Gebrechlichen? Wie kann man nur so egoistisch sein und die ALLEIN zurücklassen, wo doch angeblich Krieg herrschen soll in ihrer Heimat?" Sie schreiben aber auch: "Wenn wir diese Muselmanen ins Land lassen, erleben wir eine Invasion von Großfamilien! Sechs Kinder sind bei denen nicht ungewöhnlich! Es sind viel zu viele, die kommen!" Deshalb: "Kein Familiennachzug!"

Sie fordern, dass die Flüchtlinge "endlich Deutsch lernen", "sich integrieren" und "unsere Leitkultur akzeptieren und sich daran orientieren". Dann wieder fragen sie in ihren Zuschriften und Kommentaren: "Warum lernen die Deutsch? Die sollen doch gar nicht hierbleiben, sondern wieder zurück nach Hause, sobald es da wieder friedlich ist!" und wünschen sich, "dass diese kulturell Fremden höchstens ein Jahr in Deutschland bleiben dürfen und dann ruckizucki abgeschoben werden".

Manche verlangen, "die sollen sich in unsere Gesellschaft einfügen und nicht in ihren Parallelwelten leben, sonst hätten sie auch gleich zu Hause bleiben können". Im selben Moment ist ihnen auch wieder nicht recht, dass "sie uns unsere Frauen wegnehmen". "DIE WOLLEN UNSERE TÖCHTER! DAS MÜSSEN WIR VERHINDERN!"

Wenn Migranten staatliche Leistungen erhalten, die ihnen ein menschenwürdiges Leben in Deutschland ermöglichen sollen, "liegen sie uns monate-, manchmal jahrelang auf der Tasche" und sind "Sozialschmarotzer". Bemühen sie sich um Jobs, heißt es: "Die nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg! Wir haben schon genug Arbeitslose in Deutschland, zuerst müssen wir DIE in Lohn und Brot bringen!"

Einerseits sollen Flüchtlinge "gefälligst in sicheren Drittstaaten bleiben! Warum kommen die nach Deutschland, wenn sie genauso gut in Griechenland oder Italien leben können?!" Andererseits wollen manche von "Luxusasylanten" erfahren haben, "die sich ein teures Flugticket besorgen, damit sie über ein sicheres Land einreisen und damit unser großzügiges Asylrecht missbrauchen. Wie kann das sein? Warum haben die so viel Geld? Wie können sie sich einen Flug, womöglich Businessclass, leisten?"

Alles taugt zum vermeintlichen Argument gegen Flüchtlinge - und das Gegenteil davon ebenso. Die Rechtfertigungen für die ablehnende Haltung sind ähnlich verquer wie das deutsche Asylrecht, das im Grundgesetz als Grundrecht verankert ist, aber im nächsten Absatz faktisch wieder aufgehoben wird.

Wer die Ängste nicht teilt, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß, das widersprüchliches Gerede zur Folge hat, ist in ihren Augen ein "Gutmensch", "linker Träumer", "Kanakenliebhaber" oder ein "Ausländerfreund, den man am besten gleich mit abschieben" sollte.

Dabei müssten diese Leute sich gar nicht in all diese Widersprüche verstricken. Sie müssten nur sagen, was sie wirklich denken, nämlich: Wir wollen keine Flüchtlinge, wir wollen nichts von unserem Wohlstand abgeben, wir haben kein Interesse an dem Rest der Welt, Hauptsache, uns geht es gut, und wenn jemand zu uns kommt, soll er genauso sein wie wir! Aber am besten kommt niemand zu uns! Und vergesst Nächstenliebe. Wir singen an Weihnachten zwar "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all", aber in Wahrheit sollen die uns bloß vom Leib bleiben.

Das wäre wenigstens ehrlich.

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