Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Der dunkle Deutsche

Die Flüchtlinge kommen weiterhin, und das Sommermärchen vom freundlichen Empfang ist vorüber. Längst hat sich die Islamverachtung der Gebildeten mit dem Rassismus der Unterschicht vereint. Ihr Wortführer: Horst Seehofer.
Horst Seehofer: Triumph der Politik liegt im Sieg über die Realität

Horst Seehofer: Triumph der Politik liegt im Sieg über die Realität

Foto: Marc Müller/ dpa

Wenn es um die Flüchtlinge geht, sagt Angela Merkel: "Wir schaffen das". Aber immer mehr Menschen in Deutschland fragen : "Wollen wir das?"

Ihnen gibt Horst Seehofer eine Stimme. Die Naturwissenschaftlerin Merkel hat in dieser Krise entweder das Gefühl oder das Interesse dafür verloren, was eine wachsende Zahl von Deutschen denkt. Seehofer nicht.

Angela Merkel sagt, man könne nicht Deutschlands 3000 Kilometer lange Grenze einzäunen. Horst Seehofer nannte das "eine Kapitulation des Rechtsstaats vor der Realität". Das war ein vielsagender Satz. Für Merkel ist die Realität die Richtschnur des Handelns. Für den Populisten Seehofer dagegen liegt der Triumph der Politik im Sieg über die Realität.

Die Union sorgt für ein seltenes Schauspiel. Nicht oft sieht man den Zusammenprall zweier gegensätzlicher Prinzipien so deutlich.

Die Flüchtlingskrise stürzt Deutschland in einen sonderbaren Dualismus. Schon im August hatte der Bundespräsident die Deutschen geteilt in jene des Lichts und jene der Dunkelheit. Er hatte gesagt, es gebe ein "helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören." Das klang damals ein bisschen simpel. Aber Joachim "Yoda" Gauck sprach Wahres.

Inzwischen stehen die Chancen nicht gut für die Kräfte des Lichts - aber die Wohlmeinenden sind vom eigenen Strahlen so geblendet, dass sie ihre kommende Niederlage nicht wahrnehmen.

Herbst der Wahrheit

"Die Deutschen blinzeln zuversichtlich in die Sonne." Da ist sie wieder, die Lichtmetapher. Nils Minkmar hat das im SPIEGEL geschrieben, in einer Erwiderung auf einen Essay von Botho Strauß, dem großen Trüben aus dem Norden. Minkmar findet: "Es gibt kein besseres Deutschland als jenes der Gegenwart, und es gibt wenig Grund, sich vor der Zukunft zu fürchten." Aus ihm spricht eine große Sehnsucht, die es in Deutschland gibt. Sie haust in den Redaktionen mancher Zeitungen. Sie schwebt durch die Altbauwohnungen in Charlottenburg, Eppendorf und Bogenhausen. Es ist die Sehnsucht, endlich die Schuld hinter sich zu lassen, aus der Rolle des Täters zu schlüpfen.

Das meinte Strauß, als er schrieb: "Das Gutheißen und Willkommen geschieht derart forciert, dass selbst dem Einfältigsten darin eine Umbenennung, Euphemisierung von Furcht, etwas magisch Unheilabwendendes auffallen muss." In diesem Sommer des Selbstvergnügens wollten ganz viele Deutsche endlich mal die Guten sein. Aber in diesem Herbst der Wahrheit zeigt sich: Es sind längst nicht alle. Die anderen fühlen sich in der Rolle der Bösen ganz wohl. Und täglich werden es mehr.

Der Rassismus der Unterschicht hat sich ein neues Ziel gesucht: die Flüchtlinge. Es sind vor allem Muslime. Darum gesellt sich dieser Rassismus nun zur wachsenden Islamophobie, die unter den Gebildeten schwelt.

Die Islamophobie ist das Gerücht über die Muslime

Es sind Leute wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der im Januar lakonisch twitterte: "Dass der Islam ein Teil Deutschlands sei, ist entweder eine Banalität (es gibt Muslime in Deutschland) oder eine Kapitulationserklärung." Oder die Schriftstellerin Monika Maron, die freimütig bekannte: "Welchen Grund hätte ich, eine Islamfreundin zu sein? Ich kann die Freundin von Muslimen sein, aber nicht Freundin dieser unaufgeklärten Religion mit politischem Anspruch, deren Hasspotenzial offenbar so groß ist, dass es gerade die ganze Welt erschüttert." Oder der Journalist Henryk M. Broder, der gut gelaunt das Gerücht weiterträgt, dass "Weihnachtsmärkte" in "Wintermärkte" umbenannt werden, "um die Gefühle der in Deutschland lebenden Muslime nicht zu verletzen".

Überhaupt die Gerüchte. In Anlehnung an ein Adorno-Wort lässt sich sagen, die Fremdenfeindlichkeit ist das Gerücht über den Ausländer. Das Landratsamt Gotha dementierte Meldungen, wonach Einzelhändler Flüchtlinge aufforderten, ihren Einkauf der Behörde in Rechnung zu stellen. In Schwerin ging der NDR dem Gerücht nach, Ausländer hätten Pferde geschlachtet: Es war nichts dran. Und dort soll außerdem eine Frau von mehreren Schwarzen vergewaltigt worden sein. Auch diese Geschichte: erfunden.

Kein Landeskriminalamt hat bisher auffällig viele von Flüchtlingen begangene Straftaten gemeldet - nur die Zahl der gegen sie gerichteten Straftaten, die ist geradezu explodiert.

Aber die dunklen Deutschen sitzen ja längst schon wieder auch in der Justiz. Nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Nordrhein-Westfalen müssen die mutmaßlichen Täter - darunter ein Feuerwehrmann - nicht in Haft. Der zuständige Staatsanwalt sagte: "Hintergrund ist eine persönliche Überzeugung, keine politische." Die Täter seien nicht rechtsradikal, sondern hätten lediglich "Angst vor Flüchtlingen" gehabt, hieß es.

Der Populist Horst Seehofer sollte darüber nachdenken, mit seiner neuen CSU bundesweit anzutreten.

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