Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Es heißt jetzt Refugee

Heidenau ist die Ausnahme - Deutschland empfängt Flüchtlinge überwiegend freundlich. Aber auch die Ressource Gutmütigkeit kann versiegen. Deshalb brauchen wir eine andere Abschiebepolitik.
Linke Demonstranten in Heidenau: Krise wird schon irgendwie bewältigt

Linke Demonstranten in Heidenau: Krise wird schon irgendwie bewältigt

Foto: Matthias Rietschel/ Getty Images

Der Ministerpräsident von Thüringen hat vorgeschlagen, Asylbewerber künftig nach Ethnien getrennt unterzubringen. Er reagierte damit auf die Vorfälle in einem Flüchtlingsheim in Suhl, in dem einige Bewohner so über die Stränge schlugen, dass die Polizei anrücken musste. Segregation als Mittel der Ausländerpolitik haben wir lange nicht mehr gehabt. Wenn der Mann nicht von der Linken wäre, müsste man um seine politische Zukunft fürchten. Ich habe mich gefragt, ob Bodo Ramelow auch meint, dass man die Asylbewerber künftig von den Deutschen trennen sollte. Aber vermutlich hat er so weit nicht gedacht.

Bei den Krawallen in Suhl waren 125 Polizisten im Einsatz, darunter ein Spezialkommando. Es flogen nicht Flaschen und Böller, sondern Eisenstangen, Betonklötze und Möbel. Über die Gründe für den Gewaltausbruch war man sich schnell einig: Außer der Enge der Unterkunft und der Thüringer Sommerhitze fand man sie in der Traumatisierung der Flüchtlinge - "alles Opfer", wie Ministerpräsident Ramelow feststellte. Worin genau die Traumatisierung bei jungen Hitzköpfen aus Albanien bestanden haben soll, die sich in derselben Unterkunft Anfang des Monats eine Massenschlägerei geliefert hatten, ist nicht ganz klar. Aber so funktioniert im Augenblick die Debatte: So genau will man es gar nicht wissen.

Es heißt jetzt auch nicht mehr Flüchtlinge, sondern "Refugees". Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, was an dem Begriff "Flüchtling" so problematisch ist, dass man meint, ihn ersetzen zu müssen. Angeblich ist die Endung "ling" negativ besetzt, weshalb man auch von Rohling, Winzling und Fremdling spricht. Vielleicht will man auch einfach seine Weltläufigkeit unter Beweis stellen. In jedem Fall heißt es jetzt "Bündnis Refugees Welcome Leipzig"; auf die Bühne kommt das Asyl-Stück, "in dem Schauspieler*innen die Erlebnisse und Erzählungen der Refugees wiedergeben"; und der Aktivist trägt den "Fairtrade Hoodie Refugees Welcome", erhältlich in vier Größen und den Farben Grau, Blau und Schwarz.

"Deutschland is perfect"

Der Grund, warum 43 Prozent der Asylanträge in Deutschland gestellt werden, ist denkbar simpel: Kaum ein anderes Land in Europa ist so freundlich und großzügig, was die Aufnahme von Fremden angeht. Wer in Italien oder Griechenland landet, versucht auf dem schnellsten Weg, dort wegzukommen, obwohl in Deutschland die Konservativen regieren und im Süden Sozialdemokraten oder Sozialisten. "Deutschland is perfect", sagt der Albaner, der jedem rät, dort Asyl zu beantragen.

Die Menschen, die zu uns kommen, sind klüger als die Medien. Sie wissen, dass Heidenau nicht überall ist, sondern ziemlich genau in Heidenau und Umgebung. Vermutlich haben sie bei der sächsischen Polizei einfach zu viel ins Deeskalationstraining investiert. Wer einmal im Strahl eines Wasserwerfers stand, weiß, dass jeder Krawall bei 10 bar schnell aufhört, zumal wenn der Alkoholkonsum die Standfestigkeit vorher schon beeinträchtigt hat.

"Kein Mensch ist illegal", heißt die Losung derjenigen, die in der Flüchtlingsdebatte den Ton angeben. Das klingt gut, ist aber nicht viel klüger als die Position der Leute, die keine Flüchtlinge haben wollen. Selbst der freundlichste Mitmensch steckt irgendwann auf, wenn er den Eindruck gewinnt, man wolle ihn ausnutzen. Auch Gutmütigkeit ist eine Ressource, die versiegen kann.

Auch die Abschiebepolitik soll sich ändern

Nach allem, was man weiß, ist die Mehrheit der Deutschen der Meinung, dass sich die Flüchtlingskrise schon irgendwie bewältigen lässt. Dazu gehört aber, dass man nicht jeden denunziert, der den Vorschlag macht, statt Bargeld besser Hilfsgüter auszuteilen. Dazu gehört auch, dass man Leute des Landes verweist, die in ihrer Heimat nicht Krieg und politische Verfolgung leiden.

Man muss irgendwann anfangen zu unterscheiden, wen man aufnehmen will und wen nicht. Das hat nichts mit Kaltherzigkeit zu tun, sondern mit Realitätssinn. Nicht einmal 15 Prozent der Ausländer, die in den vergangenen Jahren von den Behörden zur Rückkehr aufgefordert wurden, haben das Land wirklich verlassen. Sollte sich an der Abschiebepolitik nichts ändern, weil man die Flüchtlingsdebatte nicht anfackeln will, wie die Familienministerin das nennt, werden Hunderttausende Asylbewerber in Deutschland bleiben, obwohl ihre Anträge abgelehnt wurden.

Eine Reporterin des Bayerischen Rundfunks hat neulich ausführlich mit dem Busfahrer gesprochen, der den ZDF-Moderator Claus Kleber zu Tränen rührte, weil er so nett zu Flüchtlingen war. Wie sich herausstellte, hat er vor Kurzem noch die AfD gut gefunden und auch sonst einiges auf Facebook geteilt, was jemand wie Kleber eher fragwürdig finden würde. Wie kann das sein, fragt die Reporterin und liefert die Antwort gleich mit: Die Haltung des "besorgten Bürgers" kann zwei Richtungen einschlagen, in Ablehnung oder in Hilfsbereitschaft. Welche Richtung es ist, hängt auch davon ab, ob er den Eindruck hat, dass seine Regierung sich nicht von Sentimentalität leiten lässt.

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