Weihnachts-Kontroverse (3) "Es kommen nur junge Männer zu uns"

Flüchtlinge vor der Insel Lesbos: Lebensgefährliche Flucht über das Meer
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Flüchtlinge vor der Insel Lesbos: Lebensgefährliche Flucht über das Meer

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Oft wird dieser Satz mit dem Einwurf verknüpft, die "jungen Männer" sollten doch lieber in ihrer Heimat beim Wiederaufbau helfen. Aber viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen Krieg herrscht. Dort zu bleiben, bedeutet Lebensgefahr. Und gerade Menschen, die sich für Frieden, gegen die Regierung oder andere Kriegsparteien einsetzen, geraten zusätzlich in Gefahr.

Außerdem stimmt es nicht, dass nur Männer kommen: Zwar waren in Deutschland im Jahr 2015 bis Ende November rund 70 Prozent der Asylantragsteller männlich, ein Viertel von ihnen waren aber Kinder und Jugendliche. Und in den letzten Wochen und Monaten sind immer mehr Frauen und Kinder über das Mittelmeer nach Europa gekommen, obwohl die Flucht für sie noch mehr Risiken birgt. Mehr als ein Drittel der Menschen, die die Überfahrt zwischen der Türkei und Griechenland nicht überleben, sind unter zwölf Jahre alt.

Häufig müssen Kinder und Frauen auf der Flucht auch sexuelle Gewalt fürchten. Dass sich immer mehr trotzdem auf den Weg machen, hat wohl unterschiedliche Gründe: Die Lage in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten wird schwieriger. Viele Flüchtlinge haben außerdem schlicht Panik, dass mehr europäische Länder Zäune an den Grenzen bauen. Oder sie fürchten, dass weiter Gesetze verschärft werden, zum Beispiel beim Familiennachzug. Denn darauf haben viele Männer gehofft: Dass sie ihre Frauen und Kinder später nachholen können und denen so die lebensgefährliche Flucht über das Meer erspart bleibt.

Vor dem Krieg in ihren Heimatländern fliehen Familien übrigens oft gemeinsam - die Behauptung, Männer würden ihre Frauen und Kinder im Kampfgebiet zurücklassen, stimmt nicht. Für Syrer etwa ist das Geschlechterverhältnis in den Flüchtlingslagern im Libanon, in der Türkei oder in Jordanien laut Uno ausgeglichen. Es ändert sich erst, wenn es um die Flucht über das Mittelmeer geht. Da wird, auch weil Familien oft nur Geld haben, um für eine Person den Schlepper zu bezahlen, häufig abgewogen: Für wen ist der Weg riskanter, wer hält körperlich besser durch? Oft ist das dann der Mann oder erwachsene Sohn.


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