Stefan Kuzmany

Deutsche Gastfreundschaft Guter Flüchtling, böser Flüchtling

Sind die Deutschen plötzlich zum Volk der Ausländerfreunde geworden, und das völlig zu Recht, weil nur die Guten hier Zuflucht suchen? Wohl kaum.
Flüchtlinge am Hauptbahnhof in München, 5. September 2015

Flüchtlinge am Hauptbahnhof in München, 5. September 2015

Foto: Nicolas Armer/ dpa

Was für ein schöner Spätsommer. Herzenswärme vom Münchner Hauptbahnhof flutete die Timeline, Applaus der Münchner für die ankommenden Flüchtlinge, mit dem Handy gefilmt, mehrere Videos machen die Runde, und dann noch ein Clip von der BBC: Die Deutschen sind jetzt offiziell ausländerfreundlich. Danke, München.

Aber gleichzeitig brennen in Thüringen Häuser, in denen Flüchtlinge untergebracht werden sollen. In Neckargemünd in Baden-Württemberg werfen Unbekannte eine Rauchbombe in den Hof einer Flüchtlingsunterkunft, in Rottenburg am Neckar bricht in einem Wohncontainer Feuer aus, hier ist die Ursache noch unklar. Wohl doch keine so schönen Tage. Und die Deutschen - etwa doch alles Ausländerfeinde?

Es gibt weder "die Deutschen" noch "die Flüchtlinge"

Beides falsch. "Die Deutschen" gibt es nicht, leider und zum Glück. Es gibt 80 Millionen Deutsche, und von denen hat wohl jeder seine ganz eigene Haltung in der Flüchtlingskrise: Manche eine verabscheuungswürdig hasserfüllte, einige mehr eine von Skepsis geprägte, und bei vielen herrscht menschenfreundliche Hilfsbereitschaft.

Und so ist das auch mit den Flüchtlingen. Gerne erzählen sich wohlmeinende Deutsche nun Geschichten, in denen hervorragend ausgebildete und hochmotivierte Syrer vorkommen, die sich hier nicht nur in kürzester Zeit integrieren, sondern die deutsche Gesellschaft mit ihrem Fleiß vor dem Fachkräftemangel bewahren werden. Die Ausländerfeinde berauschen sich derweil an Schreckensvisionen von Abertausenden Habenichtsen, die sich hier bestenfalls nur bedienen wollen, wahrscheinlicher jedoch die hiesige Gesellschaft mit ihrer fremden Religion und ihren seltsamen Sitten unterwandern werden, bis nichts mehr vom schönen, sauberen, christlichen Deutschland übrig ist.

Auch diese Bilder sind falsch. Es sind Vorurteile, die der Unterschiedlichkeit und den vielfältigen Geschichten der Menschen, die zur Zeit zu uns kommen, nicht gerecht werden. Es wird den dringend gebrauchten Ingenieur darunter geben, es werden aber auch Leute darunter sein, die dem deutschen Arbeitsmarkt wenig zu bieten haben, die Demokratie und Freiheit erst noch lernen müssen, wenn sie das denn überhaupt wollen.

Freude und Furcht sind unerheblich

Es ist unerheblich, ob wir freudig oder furchtsam auf die Flüchtlinge reagieren. Es spielt keine Rolle, ob diese Menschen unseren Vorstellungen entsprechen oder nicht. Es zählt nur eins: Sie mussten ihr Land verlassen, weil dort Krieg herrscht, sie mussten fliehen, weil ihr Leben in Gefahr war. Und wir müssen ihnen Schutz gewähren, denn Moral und Gesetz verlangen es.

Nach der Flüchtlingseuphorie wird die Ernüchterung kommen, wenn niemand mehr am Hauptbahnhof steht und applaudiert, wenn nur noch die sich um Migranten kümmern, die das schon getan haben, bevor es alle taten, weil die anderen denken, dass es langsam genug ist, wenn der Hype verflogen ist, aber trotzdem immer noch immer mehr kommen, und am nächsten Tag noch mehr. Aber auch dann wird gelten: Es ist unsere Pflicht zu helfen. Nicht mehr und nicht weniger.

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