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20. Juni 2015, 12:34 Uhr

Gedenktag für Vertriebene

Gauck mahnt Deutsche zu mehr Offenheit für Flüchtlinge 

Zum ersten Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung hat Joachim Gauck Europa ins Gewissen geredet: Es sei moralische Pflicht, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu schützen. Gerade die Deutschen sollten sich um Verständnis bemühen.

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen aufgefordert, aus der bitteren Erfahrung mit Flucht und Vertreibung von damals heraus großherziger gegenüber heutigen Flüchtlingen zu sein. "Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen", sagte Gauck am Samstag bei der zentralen Gedenkfeier im Historischen Museum in Berlin.

"Wir stehen vor einer großen Herausforderung, einer Herausforderung von neuer Art und neuer Dimension", sagte Gauck. Es sollte eine selbstverständliche moralische Pflicht aller Staaten Europas sein, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten und Menschen eine sichere Zuflucht zu gewähren. "Einen derartigen Schutz halte ich nicht für verhandelbar", betonte Gauck. Dies sei so lange verpflichtend, bis diese Menschen gefahrlos in ihre Heimat zurückkehren oder hierzulande oder anderswo sicher leben könnten.

Bei der Gedenkrede zog Gauck explizit eine Verbindungslinie zwischen den deutschen Flüchtlingen vor sieben Jahrzehnten und den heutigen Flüchtlingen, die über das Mittelmeer oder auf dem Landweg in die EU kommen wollen. "Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen - die Schicksale von damals und die Schicksale von heute", sagte das Staatsoberhaupt laut vorab verbreitetem Redetext.

Umgekehrt könne "die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals fördern". Gauck erinnerte an das furchtbare Leid von Millionen deutschen Kriegsflüchtlingen zum Beispiel aus Ostpreußen, Pommern, Böhmen, Schlesien und Mähren - ein Albtraum aus Erschöpfung, eisiger Kälte, Wehrlosigkeit, Vergewaltigung und Tod. Oft spürten Heimatvertriebene eine lebenslange Wunde, ihr Kummer sei lange zu wenig beachtet worden.

So viele Menschen entwurzelt wie seit 70 Jahren nicht

Heimatverlust sei weitgehend als vermeintlich zwangsläufige Strafe für deutsche Verbrechen akzeptiert worden, kritisierte Gauck. So wie anfangs das Leid von Deutschen die deutsche Schuld übertönen sollte, sei dann im Bewusstsein der Schuld jedes Mitgefühl für Opfer verloren gegangen. Insgesamt hätten am Ende des Zweiten Weltkriegs zwölf bis 14 Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. Die Bevölkerung in beiden Teilen Deutschlands sei um nahezu 20 Prozent gewachsen.

"Das sollten wir uns gerade heute wieder bewusst machen: Flucht und Vertreibung verändern nicht nur das Leben der Aufgenommenen, sondern auch das Leben der Aufnehmenden", sagte Gauck. Er rief die Bundesbürger auf, "Offenheit für das Leid des Anderen" zu zeigen. Dies führe zu Verständnis und Nähe. "Daran sollten wir auch heute denken, wenn in unserem Ort, in unserem Stadtteil oder in unserer Nachbarschaft Fremde einquartiert werden, die des Schutzes bedürfen." Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien so viele Menschen entwurzelt gewesen.

Rund 25.000 Menschen sind nach Schätzungen in den vergangenen 15 Jahren im Mittelmeer ums Leben gekommen. Im aktuellen SPIEGEL kritisiert EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scharf die Flüchtlingspolitik der EU-Staats- und Regierungschefs. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

"Es reicht nicht, abends vor den Fernsehschirmen zu weinen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, und am nächsten Morgen im Rat eine Gedenkminute abzuhalten", sagte Juncker.

fdi/dpa/AFP

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