Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Angst müssen Seele nicht aufessen

Kommen mit den Flüchtlingen die Terroristen? Droht die Islamisierung des Abendlandes? Ruhig, Brauner! Deutschland wird Einwanderungsland. Und Angela Merkel ist ein Vorbild - nicht nur für die Deutschen.

Angela Merkel ist nicht bekannt für die klare Rede. Sie bezieht selten Position. Und selten bleibt ein Satz Erinnerung. Aber in der vergangenen Woche, da ließ sie es an Deutlichkeit nicht fehlen.

Es ging um die Angst vor der Islamisierung, und die Bundeskanzlerin schrieb uns allen eine Lektion der Vernunft ins Stammbuch - die sollte jeder beherzigen, dem die Furcht vor den Fremden die Sinne benebelt. Denn, in Abwandlung des Fassbinder-Titels: Angst müssen Seele nicht aufessen!

Die Kanzlerin war in Bern. Sie nahm dort einen Ehrendoktortitel in Empfang. Danach gab es die Gelegenheit Fragen zu stellen. Eine Zuhörerin sagte, mit den Flüchtlingen kämen lauter Muslime nach Europa und es herrsche eine große Angst vor der Islamisierung. Sie fragte die deutsche Bundeskanzlerin: "Wie wollen Sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?" (Sehen Sie hier das Originalvideo vom SRF: Merkel über die Angst vor einer Islamisierung) 

Angst ums Abendland? Selber schuld. So formulierte die Kanzlerin ihre Antwort nicht. Aber das war die Botschaft.

Wer sich um die Kultur des Abendlandes sorge, der solle sich um diese Kultur kümmern, sagte Merkel. Nicht selten sei es bei ihren Landsleuten "mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch." Trocken und wahr.

Diese Nüchternheit tut dem Thema gut. Sie ist das beste Mittel gegen Angst und Rassismus. Das sind nämlich die beiden Sentiments, mit denen vielerorts auf die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg reagiert wird.

Ungarns Premierminister Viktor Orbán hat gesagt: "Wir möchten hier keine zahlenmäßig bedeutsamen Minderheiten haben, die sich von uns in ihren kulturellen Eigenschaften unterscheiden. Wir möchten Ungarn als Ungarn erhalten."

In den USA nennt der Republikaner Michael McCaul, Vorsitzender des mächtigen Homeland-Security-Komitees, den Syrien-Konflikt "die größte Konzentration islamischer Terroristen aller Zeiten".

Und Benjamin Netanyahu, Premierminister des Syrien-Nachbarn Israel, sagt: "Wir werden nicht zulassen, dass Israel von illegalen Einwanderern und Terroristen überflutet wird."

Ungarn den Ungarn, und jeder Flüchtling ein potenzieller Terrorist?

Für solch rechtes Ressentiment ließ die Bundeskanzlerin bei ihrem Auftritt in Bern keinen Zentimeter Raum: "Und insofern finde ich diese Debatte sehr defensiv, gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen. Und ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an so dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen, dass wir sehr vorsichtig sein sollten, uns sofort zu beklagen, wenn woanders was Schlimmes passiert. Wir müssen angehen dagegen, müssen versuchen, das zu bekämpfen, aber wir haben überhaupt keinen Grund zu größerem Hochmut, muss ich sagen. Das sag ich jetzt als deutsche Bundeskanzlerin."

Die Völkerwanderung, die wir brauchen, lösen wir selber aus

Wohlgemerkt: Merkel vertritt dabei auch die deutschen Interessen. Deutschland bekennt sich jetzt zu seiner Identität als Einwanderungsland - und verhält sich darum gerade nicht als "Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird", wie ein verwirrter britischer Politikwissenschaftler gerade gesagt hat.

In Deutschland leben heute rund 45 Millionen erwerbsfähige Menschen, 2050 werden es ohne Zuwanderung nur noch 29 Millionen sein. Die Zahlen der Demografen sind gnadenlos, sie gelten für Fremdenfeinde und -freunde gleichermaßen.

Die Wanderungsbewegungen, die es innerhalb der Europäischen Union gibt, genügen nicht, unseren demografischen Hunger zu stillen. Forscher sagen, dass wir jedes Jahr bis zu einer halben Million Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten brauchen. Wenn das zutrifft, dann ist 2015 Jahr ein gutes Jahr: Wir werden um etwa eine Million Menschen reicher.

Menschen mit Hoffnungen, Sehnsüchten, Träumen und Ängsten. Viele werden bleiben. Und in den Jahren danach wird es nicht anders sein. Ob diese Menschen vor Krieg und Unterdrückung fliehen oder vor Arbeitslosigkeit und Armut - das mag über den Status entscheiden, den die Behörden ihnen verleihen. Aber gebraucht werden sie so oder so.

Es liegt allerdings eine paradoxe, düstere Ironie darin, dass die Kriege, mit denen die westliche Politik den Nahen Osten verwüstet, oder die Armut, für die sie in Afrika verantwortlich ist, dazu beitragen, den großen demografischen Hunger des alten Europas zu stillen. Die Völkerwanderung, die wir brauchen, lösen wir selber aus.

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