Ein Jahr Flüchtlingskrise Läuft doch

In Deutschland entspannt sich die Lage in der Flüchtlingskrise. Die Aufnahme funktioniert besser, die Notunterkünfte leeren sich. Vielerorts hat man gelernt.
Flüchtlinge beim Vereinssport

Flüchtlinge beim Vereinssport

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

1000 Flüchtlinge auf 100 Einwohner. So lauteten die Schlagzeilen über den kleinen Ort Sumte vor einem Jahr. Daraus sprach die große Sorge: Wie soll das gut gehen?

Anruf in der Notunterkunft in Sumte heute. Ein Mann meldet sich, nicht mal ein Büro gebe es mehr, sagt er, nur dieses eine Telefon. Die Möbel wurden rausgetragen, alle Flüchtlinge haben das Heim bereits verlassen. Für die Mitarbeiter gibt es am Wochenende eine Abschiedsfeier.

Ein Ort sagt Tschüs zur Flüchtlingskrise. Wer hätte das gedacht, noch im Herbst 2015?

Sumte ist kein Sonderfall. Ein anderes Beispiel: In der Kleinstadt Meßstetten in Baden-Württemberg ziehen die Asylsuchenden ebenfalls in Scharen aus den Unterkünften. Die Folge: Um 278 Flüchtlinge, so hat es die "FAZ" kürzlich berichtet , kümmern sich dort derzeit 270 Mitarbeiter.

Ähnliche Geschichten lassen sich aus vielen weiteren Orten Deutschlands erzählen. Dabei sind natürlich die meisten der rund eine Million Asylsuchenden, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, noch im Land. Und es kommen auch noch weitere - wenn auch viel weniger als noch vor einem Jahr.

Natürlich gibt es Probleme mit der Integration, fehlenden Sprachkursen, den Behörden, es gibt Spannungen und Hass in der Bevölkerung. Und natürlich kann von einem Ende der Flüchtlingskrise weltweit niemand reden. In Syrien tobt der Krieg weiter, Hunger und Armut treiben die Menschen aus Afrika nach Europa.

Aber vieles in Deutschland funktioniert inzwischen besser: Es wurden neue Wohngebäude in Betrieb genommen oder gebaut. Als Folge leeren sich in vielen Regionen Deutschlands die Notunterkünfte. Turnhallen werden wieder frei. Darüber freuen sich nicht nur Schüler oder Vereinssportler, sondern auch Flüchtlinge. Sie können in bessere Unterkünfte umziehen, sind dezentraler untergebracht, haben abschließbare Zimmer oder sogar eine eigene Wohnung - so wie zum Beispiel 550 Menschen in Oberfranken, die seit dem 1. Januar 2016 als Flüchtling anerkannt wurden.

Eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage in mehreren Bundesländern - darunter auch den sieben bayerischen Regierungsbezirken - hat ergeben: Turnhallen sind oft gar nicht mehr mit Asylsuchenden belegt. Nordrhein-Westfalen etwa hat zum Schulbeginn alle 73 vom Land betriebenen Notunterkünfte in Sporthallen aufgegeben. Aus Oberfranken heißt es, "die Notunterkünfte sind bereits alle vom Netz genommen". In Niederbayern leben derzeit nur noch 21 Personen in Notunterkünften. In den regulären Erstaufnahmeeinrichtungen gibt es wieder freie Plätze.

Das war vor einem Jahr an vielen Orten Deutschlands unvorstellbar. "Wir sind damals regelmäßig nachts nach Hause gegangen und haben gedacht, am nächsten Morgen müssen wir kommunizieren, dass wir keinen einzigen Flüchtling mehr aufnehmen können", sagt ein Sprecher des Innenministeriums in NRW. Irgendwie wurde dann immer doch noch ein Schlafplatz gefunden. Und trotzdem: Es war ein "absoluter Krisenmodus". (Lesen Sie hier, wie die Bundesländer die Flüchtlingskrise im Winter gemanagt haben.)

Große Probleme bei der Unterbringung gibt es noch immer in Stadtstaaten wie Hamburg und Berlin. Hier leeren sich die Not- und Erstunterkünfte langsamer, es gibt zu wenig Wohnungen oder andere Folgeunterkünfte. In Berlin leben Ende September noch knapp 22.000 Asylsuchende in Notunterkünften, das sind sogar mehr als im vergangenen Winter. Aber selbst in der Hauptstadt, wo das Management in der Flüchtlingskrise zeitweise katastrophal war, sind nach offiziellen Angaben immerhin ein Drittel der Turnhallen wieder frei - 21 von 63 . "Der Wahnsinn vom vorigen Herbst liegt hinter uns", sagt auch Christiane Kuhrt vom Zentralen Koordinierungsstab für Flüchtlinge in Hamburg.

Länder planen Reserven für den Krisenfall

Inzwischen hat Deutschland umgesteuert, neue Strukturen wurden geschaffen, wie in Berlin das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten. Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, in der Berliner Verwaltung gibt es nach Senatsangaben inzwischen fünfmal so viele Beschäftigte im Flüchtlingsbereich wie Ende 2014. Auch die Ausgabe von Unterstützungsleistungen wurde vereinfacht: In Berlin haben bis heute rund 8000 Flüchtlinge ein Konto bekommen.

Vielerorts hat man aus der Krise auch gelernt und plant nun vor. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Dort soll es 10.000 freie Plätze für Flüchtlinge auf Reserve geben. "Unterkünfte, die wir nur noch aufschließen und in denen wir nur noch die Heizung andrehen müssen, dann können die Asylsuchenden sofort einziehen", sagt Oliver Moritz vom NRW-Innenministerium. Und nicht nur die Behörden stellen sich besser auf. In der Charité in Berlin sind 42 Mitarbeiter derzeit nur für Flüchtlinge im Einsatz.

Mutmachende Fortschritte bei der Integration

Vieles im Aufnahmesystem für Flüchtlinge ist also auf gutem Wege. Bei der Integration aber geht es deutlich langsamer voran. "Die Aufnahme im vergangenen Jahr war eher ein Sprint, die Integration ist jetzt die Langstrecke", sagt Christiane Kuhrt vom Hamburger Flüchtlingsstab. Die wenigen Flüchtlinge, die bisher Arbeit gefunden haben, belegen, wie zäh der Fortschritt ist. Die 30 im Dax gelisteten Konzerne etwa haben bis Mitte September nur 125 Geflüchtete eingestellt.

Aber auch hier gibt es Mutmacher - kleine Initiativen, die viel bewegen. So bildet die Organisation Ipso derzeit in drei deutschen Städten 100 Flüchtlinge aus, die wiederum andere Asylsuchende psychologisch beraten sollen. Oder an den Schulen: Zwar besucht die große Mehrheit der Flüchtlingskinder noch spezielle Deutschlernklassen, aber es werden immer mehr, die auch schon am Unterricht in den Regelklassen teilnehmen können.

Viele finden, es geht viel zu langsam - aber auch die Rückkehr abgelehnter Asylbewerber in ihre Herkunftsländer läuft, es gibt immer mehr Abschiebungen. Und noch mehr Menschen kehren freiwillig in ihre Heimat zurück. In NRW waren es bis Ende August schon deutlich mehr als im gesamten vergangenen Jahr - nämlich rund 14.000.

Ein großes Rad in der Maschine der deutschen Flüchtlingspolitik klemmt allerdings noch gewaltig: Die Bearbeitung von Asylanträgen, für die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zuständig ist. Trotz anderslautender Versprechen kommen immer mehr nicht abgeschlossene Verfahren dazu. Ende August türmten sich weiter eine halbe Million unbearbeiteter Anträge in der Nürnberger Behörde.

Ein konkretes Beispiel: Eine junge Afghanin, über die SPIEGEL ONLINE berichtete, ist seit einem halben Jahr in Deutschland. Schon zweimal sollte sie ihre Asylgründe beim Bamf schildern, wurde zum Interview eingeladen. Zweimal wartete sie umsonst darauf, zu einem Mitarbeiter vorgelassen zu werden. Für die Afghanin bedeutet das: Sie hat keinen Zugang zu einem Integrationskurs, Aussicht aus ihrer Massenunterkunft zu ziehen, gibt es bis zu einem Entscheid für sie auch nicht.

Das Nadelöhr Bamf bremst den Fortschritt in der Flüchtlingspolitik - noch immer.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.