Roland Nelles

Flüchtlingskrise Das Ende des Sommermärchens

Streit um Geld, neue Grenzkontrollen in Richtung Süden - die Flüchtlingskrise droht, viele im Land zu überfordern. Sind Deutsche doch nicht flexibel?
Bundespolizisten, Flüchtling: Es wird gemeckert und gestöhnt

Bundespolizisten, Flüchtling: Es wird gemeckert und gestöhnt

Foto: Matthias Schrader/ AP

Schön war's, das Sommerrefugeemärchen. Flüchtlinge wurden an den Bahnhöfen mit Applaus und Schokolade begrüßt. Die Kanzlerin appellierte an die "deutsche Flexibilität" und rief ihrem Volk zu: "Wir schaffen das." Und sogar Yanis Varoufakis, in seiner Zeit als griechischer Finanzminister ein Dauerkritiker der Bundesregierung, lobte Deutschlands Einsatz für die geschundenen Syrer.

Doch die schöne Zeit ist womöglich schon wieder vorbei, die Realität holt uns ein. Und sie ist grausam: Das Land ist in weiten Teilen auf die Zahl von Menschen, die da kommen, schlicht nicht eingestellt - weder mental noch organisatorisch.

Es wird Großartiges geleistet. Zugleich wächst die Aufgabe vielen über den Kopf. Etliche Bürger, Vereine oder Kommunen sind ehrlich überfordert. Andernorts wird nach schlechter deutscher Sitte schnell gemeckert und gestöhnt. Die Bedenkenträger und Stimmungsmacher wollen das Kommando übernehmen. Deutsche Flexibilität? Naja.

Die Länder zanken sich mit dem Bund ums Geld, man hat das Gefühl, sie wollen quasi nur noch gegen Vorkasse aus dem Bundeshaushalt helfen. Horst Seehofer und seine CSU machen mehr oder weniger offen Stimmung gegen die Fremden, das konnte die Partei bekanntlich schon immer gut. Frei nach dem alten Motto des deutschen Spießbürgers: "Wir haben nichts gegen Ausländer, aber…" Man wendet sich mit Grausen ab.

Kanzlerin Merkel und ihr Innenminister Thomas de Maizière fahren einen Zickzackkurs. Zunächst gaben sie die entschlossenen Flüchtlingsfreunde. Nun beugen sie sich dem Druck von Seehofer und Co. und führen Grenzkontrollen ein. Ob das etwas bringt, wissen sie auch nicht. Es ist wohl mehr ein Beschwichtigungssignal an alle Bremser und Bedenkenträger.

Dass es so weit kommen konnte, hat Merkel vor allem ihrem Innenminister zu verdanken. De Maizière hat den Beginn der Flüchtlingskrise schlicht verschlafen. Wenn er früher und energischer reagiert hätte, wären längst viel mehr Aufnahmekapazitäten vorhanden. Wie schon bei seiner Arbeit im Verteidigungsministerium zeigt sich: Dieser Mann ist vielleicht ein anständiger Verwalter, aber Krisenbewältigung kann er nicht. Merkel täte gut daran, ihn von der Liste der Kronprinzen zu streichen.

Und es wird Zeit für etwas mehr Ehrlichkeit, auch bei Frau Merkel. Bislang erweckte sie beim Wahlvolk den Eindruck, die Flüchtlingskrise sei zwar schwierig, aber (irgendwie mit ein paar Milliarden) zu bewältigen. Das stimmt aber nur halb.

Es muss wohl eher heißen: Die Aufnahme der Flüchtlinge ist schwierig, sie dauert lange und sie wird richtig teuer. Aber: Das ist uns die Sache wert. Wir sind ja flexibel.