Integrationsreport Es geht nicht voran

Sie sind ärmer, weniger gebildet und öfter ohne Job: Noch nach Jahrzehnten geht es Migranten in Deutschland wirtschaftlich schlechter als dem Rest. Trotzdem sind sie oft zufriedener.

Flüchtling aus Somalia bei der Arbeit
DPA

Flüchtling aus Somalia bei der Arbeit

Von


Es gibt diese Statistiken immer wieder: Darüber, wie es Migranten in Deutschland geht, wie es gelingt, sie in den Arbeitsmarkt, in Schulen zu integrieren.

Meistens ist das Ergebnis: Entscheidend geht es nicht voran, das ist fatal. Migranten machen einen immer größeren Anteil der deutschen Gesellschaft aus. Schon im Jahr 2014 hatte bereits jeder Fünfte in Deutschland einen Migrationshintergrund - von den unter sechsjährigen Kindern bereits jedes Dritte. Und 2015 sind noch einmal Hunderttausende Menschen als Flüchtlinge neu nach Deutschland gekommen.

Wie soll es besser laufen mit diesen neuen Migranten, wenn es schon für die Alteingesessenen schwierig ist? Und wo genau gibt es die größten Probleme bei der Integration? Wie lief es mit dem "Hier-Ankommen" für die ältere Generation der Zugewanderten?

Auf mehr als 450 Seiten haben Wissenschaftler vom Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in ihrem "Datenreport 2016" Material dazu gesammelt - harte Fakten und weichere Umfrageergebnisse nebeneinander gestellt. "Wir wollten den Lebensverlauf von Migranten nachverfolgen, um daraus zu lernen" - etwa, was man jetzt bei den Flüchtlingen anders und richtiger machen könne, so WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger.

Die wichtigsten Befunde des Reports:

  • In Bezug auf Armut, Arbeit und Ausbildung bleibt es dabei: Migranten, also Menschen, die im Ausland geboren wurden oder ihre Kinder, stehen durchschnittlich sozial schlechter da. Ein Beispiel: Der Anteil der Migranten im Alter von 25 bis 64 Jahren ohne berufsqualifizierenden Abschluss ist viermal so hoch wie in der Restbevölkerung, bei Gastarbeitern oder deren Nachkommen hat sogar die Hälfte keine derartige Qualifikation. ( mehr Daten dazu finden Sie hier )
  • Auffallend aber: Unter den nach dem Jahr 2000 Zugewanderten ist der Anteil derer, die Abitur oder einen Hochschulabschluss haben sogar etwas höher als in der Gesamtbevölkerung. Die Folgerung der Wissenschaftler: Von 2000 bis 2014 sei Deutschland - entgegen oft anders lautender Analysen - ein attraktives Zielland für hochqualifizierte Einwanderer gewesen.

Dass die Mehrheit der Migranten trotzdem schlechter in der Bildung abschneidet - obwohl Bildung das entscheidende Merkmal für Integration ist - liege an strukturellen Problemen des deutschen Bildungssystems, so WZB-Präsidentin Allmendinger. Immer noch würden Migrantenkinder, die gleiche Leistungen und gleiche Fähigkeiten hätten, seltener auf höhere weiterführende Schulen geschickt, es gebe Diskriminierung. Dabei sei die Bildungsmotivation in der Gruppe aller Migranten eher höher als in der Mehrheitsgesellschaft.

  • Haben anerkannte Flüchtlinge bessere Chancen auf einen sozialen Aufstieg? Bislang zeichnet sich das nicht ab. Zwar werden anerkannte Asylbewerber in den Arbeitsmarktstatistiken nicht gesondert geführt. Aber die Wissenschaftler haben in dem Datenreport die Angaben zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit nach Staatsangehörigkeit ausgewertet. Das Ergebnis: Setzt man die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Relation zur Zahl der Arbeitslosen, so kamen 2015 in Deutschland insgesamt elf Beschäftige auf einen Arbeitslosen. Viel schlechter ist dieses Verhältnis für die großen Flüchtlingsgruppen: Bei den Irakern gab es etwa gleich viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie Arbeitslose, bei den Syrern waren die Arbeitslosen sogar in der Mehrheit. Seit 2011 hat sich diese Beschäftigten-Arbeitslosen-Relation für die wichtigen Flüchtlingsgruppen deutlich verschlechtert. "Dies steht in deutlichem Gegensatz zum Trend in Deutschland insgesamt, der aufgrund der günstigen Konjunktur positiv war", so Wissenschaftlerin Mareike Bünning vom WZB.

Woran liegt dieser Negativtrend? "Wir wissen sehr wenig über Flüchtlinge, die zu uns kommen", so Forscherin Bünning. Bildungsabschlüsse und Qualifikationen würden nicht statistisch erfasst, Probleme gebe es auch durch mangelnde Sprachkenntnisse, zudem seien Geflohene oft durch lange Flucht und lange Asylverfahren raus aus dem Arbeitsmarkt - der Wiedereinstieg werde immer schwieriger.

Alles nur schlecht? Nein, etwas ganz Wesentliches nicht: Zwar beurteilen Migranten ihren Lebensstandard und ihr Haushaltseinkommen negativer als der Rest der Bevölkerung - das entspricht ja auch der nüchternen Realität. Trotzdem sind sie insgesamt mit ihrem Leben zufriedener und schauen optimistischer in die Zukunft.

Natürlich hilft ein optimistischer Blick auf die Zukunft nicht unmittelbar dabei einen Job zu finden. Ein wichtiger Faktor kann diese Befindlichkeit aber trotzdem sein, zumindest für eines: Wenn auch die neue Generation der Migranten, also die Flüchtlinge, zufrieden ist und Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat, dann - da sind sich alle Experten einig - sind sie weniger empfänglich für die Botschaft etwa von islamistischen Gruppen.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.