Umfrage in Bundesländern Zehntausende Flüchtlinge leben noch in Notunterkünften

Obwohl längst nicht mehr so viele Menschen nach Deutschland flüchten, müssen viele weiterhin in Turnhallen und anderen Notunterkünften leben. Wo und warum ist das so - und wann können sie umziehen?

Notunterkunft für Flüchtlinge in Rottenburg (Baden-Württemberg/Archiv)
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Notunterkunft für Flüchtlinge in Rottenburg (Baden-Württemberg/Archiv)

Von Sophie Krause


Rund 20.000 geflüchtete Menschen in Deutschland leben noch immer in Notunterkünften der Bundesländer. Das hat eine Recherche von SPIEGEL ergeben. Allein in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg sind noch rund 17.100 Menschen in solchen Einrichtungen untergebracht.

Aus dem großen Chaos ist mittlerweile ein kleines geworden. Die Zahl der neu ankommenden Asylsuchenden geht zurück. Während im Jahr 2015 rund 890.000 Menschen nach Deutschland kamen, waren es 2016 nur noch 280.000.

Die meisten Bundesländer und Kommunen haben die Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen, Wohnungen oder Gemeinschaftsunterkünften einquartiert und die Turnhallen und Vereinsheime geräumt. Die Menschen, die noch nach Deutschland flüchten, werden in den seltensten Fällen in Notunterkünften, meist Hallen voller Betten, untergebracht. Von den Ländern eingerichtete Notunterkünfte sind größtenteils geschlossen, Ausnahmen sind Berlin, Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen.

Es gibt allerdings auch Notunterkünfte, die von den Kommunen betrieben werden. Eine bundesweite Übersicht liegt nicht vor, die meisten Bundesländer erfassen die Anzahl und Art der Flüchtlingsunterbringungen in den Regionen ebenfalls nicht zentral. Lediglich die ostdeutschen Länder Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben nach eigenen Angaben auch auf kommunaler Ebene keine Notunterkünfte mehr.

Heißt: Die Flüchtlingsunterbringung in Deutschland ist ein Flickenteppich. Die hier angegebenen rund 20.000 Menschen in Notunterkünften beschreiben also nur die gegenwärtige Mindestzahl.

Die meisten angefragten Kommunen verstehen unter Notunterkunft dem Wortsinn nach eine in der Not errichtete Unterkunft, also zum Beispiel Turnhallen, Messehallen, Zelte oder Container, in denen die Betten etwa durch mobile Raumsysteme abgetrennt werden und in denen keine oder wenig Privatsphäre herrscht.

In Bremen zum Beispiel wird unter einer Notunterkunft jede Einrichtung verstanden, "in der die Flüchtlinge nicht selbst kochen können, sondern zentral verköstigt werden", so die Auskunft von Bremens Sozialressort.

Wo leben unter anderem noch Flüchtlinge in Notunterkünften?

  • In Berlin gibt es insgesamt noch 57 Notunterkünfte mit rund 15.900 Bewohnern (Stand: 16. Februar). Darunter die im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof, wo nach Recherchen der "Berliner Morgenpost" derzeit rund 670 Flüchtlinge leben. Zudem werden noch acht Turnhallen für die Flüchtlingsunterbringung genutzt. Zum Höhepunkt der Krise waren es 63. Die verbliebenen Bewohner dieser Turnhallen sollen bald in zwei Gemeinschaftsunterkünfte umziehen: "Wir gehen derzeit davon aus, dass das im März oder April der Fall sein wird", so eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Migration.
  • In Hamburg leben noch rund 1200 Menschen in Hallen und ehemaligen Baumärkten, die als Notunterkünfte eingerichtet wurden (Stand: 16. Februar). Rund 32.500 Menschen wohnen derzeit in Erstaufnahmen und Folgeunterkünften. Drei Erstaufnahmen stehen kurz vor der Schließung.
  • In Bremen leben seit Anfang 2016 keine Flüchtlinge mehr in Turnhallen; jedoch 800 Menschen in anderen Notunterkünften, davon 150 in Hallen. Letztere werden in den kommenden Wochen ausziehen (Stand: 16. Februar).
  • Das Land Niedersachsen unterhält keine eigenen Notunterkünfte mehr. Allerdings gibt es unter anderem in den beiden größten Städten Hannover und Braunschweig noch solche Unterkünfte. In Braunschweig sind es noch zwei, davon eine Sporthalle. Von den dort lebenden 210 Flüchtlingen werden 70 dieser Tage an einen neuen Standort ziehen. In Hannover gibt es noch vier Notunterkünfte mit rund 840 Bewohnern.
  • Das Land Nordrhein-Westfalen betreibt 15 Notunterkünfte, in denen zurzeit 2738 Plätze belegt sind (Stand: 20. Februar). In Zukunft sollen außerdem 15.000 Unterbringungsplätze als Reserve gehalten werden, damit das Land etwa auf kurzfristig steigende Asylbewerberzahlen reagieren kann. Wie die 396 Gemeinden in NRW die Flüchtlinge unterbringen, darüber gibt es offenbar keine zentrale Aufstellung.
  • Auch in Baden-Württemberg wohnen noch 2035 Flüchtlinge in sieben Kreisen in Notunterkünften wie Containern, Zelthallen und Sporthallen. 45 Menschen leben zum Beispiel im Landkreis Göppingen in einer Leichtbauhalle. Laut Landratsamt wurde den Menschen angeboten, in feste Unterkünfte umzuziehen, jedoch: "Mit Blick auf demnächst bevorstehende Anerkennungen als Asylberechtigte bzw. Inanspruchnahme von Integrations- und Sprachkursangeboten vor Ort möchten die Personen einstweilen aber in der Notunterkunft verbleiben."
  • Das Land Hessen hat alle seine Notunterkünfte aufgegeben. Auf kommunaler Ebene gibt es lediglich in Frankfurt am Main noch sechs Notunterkünfte mit 2400 Flüchtlingen, 1400 von ihnen leben in ehemaligen Hotels.
  • In Sachsen leben nur noch 118 Asylsuchende in einer Notunterkunft im Landkreis Mittelsachsen. Das Land selbst betreibt keine solcher Einrichtungen mehr (Stand: 31. Januar).

Fazit: Die meisten Flüchtlinge müssen inzwischen nicht mehr in Turnhallen und ähnlichen Unterkünften leben, das entspannt die Situation für alle Beteiligten - sowohl für die Asylsuchenden als auch etwa für Sportvereine. Auffällig ist, dass die Zahl der Notunterkünfte in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg besonders hoch ist - das liegt natürlich auch am ohnehin angespannten Wohnungsmarkt in solchen Großstädten.

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