Roland Nelles

Kanzlerin in der Flüchtlingskrise Die wahre Angela M.

Bemerkenswertes tut sich: In der Flüchtlingskrise zieht Angela Merkel ihre Linie gegen alle Widerstände durch - und offenbart dem Publikum damit einen Teil ihres echten politischen Denkens.
Kanzlerin Merkel, Kontrahent Seehofer: Wer will sich schon ewig verbiegen?

Kanzlerin Merkel, Kontrahent Seehofer: Wer will sich schon ewig verbiegen?

Foto: © Michael Dalder / Reuters/ REUTERS

Taktikerin, Strategin, Pragmatikerin. Angela Merkel wurden in ihrer politischen Laufbahn schon viele Etiketten angeheftet - von uns Journalisten und von ihren Parteifreunden. Vor allem galt sie aber immer als die Ungefähre, als eine Frau also, die sich nicht in die Karten schauen lässt. Alles richtig - und doch wieder nicht.

Bei aller Unschärfe gab es in Merkels zehnjähriger Kanzlerschaft immer wieder diese kurzen, klaren Momente, in denen ihr politisches Denken, ihre politische Erdung offensichtlich wurden: Der Einsatz für den Klimaschutz war der gelernten Physikerin sicher stets eine Herzensangelegenheit. Die Rolle der schwäbischen Hausfrau in der Griechenlandkrise, die nie mehr ausgibt, als sie einnimmt, auch das war durch und durch Merkel - denn es passte zu ihrem bescheidenen privaten Lebensstil.

Nun ist sie die Flüchtlingskanzlerin, die empört reagiert, wenn ihr vorgehalten wird, sie lasse zu viele Flüchtlinge ins Land: "Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Dieser bemerkenswert emotionale Satz, kühl ausgesprochen, wird lange in Erinnerung bleiben.

Da spricht nicht die politische Taktikerin, sondern die mitfühlende Pastorentochter aus der Uckermark, eine Politikerin, die sich noch genau daran erinnert, warum ihre Partei das C im Namen trägt. Sie steht damit in einem angenehmen Gegensatz zu Horst Seehofer und seiner CSU, für die Nächstenliebe offenbar eine Tugend ist, die (mehr oder weniger) am eigenen Gartenzaun endet.

Das heißt natürlich nicht, dass es die Realpolitikerin Angela Merkel nicht mehr gibt. Auch Merkel wird in der Flüchtlingskrise Zugeständnisse machen, ihren Kurs korrigieren. Die Grenzkontrollen sind ein solches Zugeständnis. Deutschland kann nicht alle Flüchtlinge dieser Welt aufnehmen, das weiß auch Merkel.

Aber nun ist klar, an der Generallinie ändert sie nichts: Sie setzt ein Signal gegen dumpfe Xenophobie. Der krachlederne Konservatismus der Bayern und in Teilen ihrer eigenen Partei war Angela Merkel immer schon fremd, selten wurde das so deutlich wie in diesen Tagen. Das Amt, die zehnjährige Amtszeit, haben Merkel eindeutig verändert, sie fühlt sich so stark, so frei, dass sie ihre persönliche Meinung klarer ausspricht, auch wenn sie dafür von den eigenen Leuten verhauen wird.

Letztlich zeigt das auch, dass sie im Herbst ihrer Kanzlerschaft angekommen ist: Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Helmut Kohl, alle diese Kanzler haben zum Ende ihrer Kanzlerschaft freier gesprochen, haben sich auch immer wieder gegen den Mainstream in ihren eigenen Parteien gestellt - und damit die Entfremdung zwischen sich und den eigenen Leuten befördert.

Letztlich ist das ein menschlicher Ur-Instinkt: Wer hat schon Lust, sich ewig zu verbiegen?

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