Bruchlandung des Kanzlerjets Fehler von Lufthansa-Technikern lösten Unfallflug aus

Nach der Bruchlandung eines Regierungsflugzeugs sieht ein Bundeswehrbericht nach SPIEGEL-Informationen die Hauptverantwortung bei der Wartungsfirma. Erstmals wird der dramatische Verlauf geschildert.

Notlandung des Regierungsjets (April 2019): "Handwerkliche Fehler bei Einbau- und Einstellarbeiten"
Marcel Russ/ DPA

Notlandung des Regierungsjets (April 2019): "Handwerkliche Fehler bei Einbau- und Einstellarbeiten"

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Der schwere Flugunfall eines Regierungsfliegers vom Typ Global 5000 im April 2019 wurde laut dem abschließenden Untersuchungsbericht der Bundeswehr durch gravierende Fehler einer Tochterfirma der Lufthansa ausgelöst. Lufthansa Bombardier Aviation Services (LBAS) hatte den Jet mit dem taktischen Kennzeichen 14+01 vor dem Unglücksflug umfangreich überholt. Das Unternehmen ist ein Joint Venture von Bombardier und Lufthansa.

Die Zusammenfassung des Abschlussberichts zur Ursache der Bruchlandung in Berlin-Schönefeld am 16. April liest sich eindeutig. Demnach waren "handwerkliche Fehler bei Einbau- und Einstellarbeiten" an der Jet-Steuerung "zweifellos das den Unfall auslösende Moment". Geschrieben hat die Zeilen Brigadegeneral Peter Klement, der in seiner Rolle als General Flugsicherheit der Bundeswehr alle Flugunfälle der Truppe untersucht.

Laut Bericht bauten die Mechaniker ein zentrales Teil der Steuerung falsch ein. Stark vereinfacht gesagt übersetzt das Roll Control Input Module die Lenkbefehle der Piloten und steuert die Spoiler-Klappen auf den Tragflächen an. Diese sind für Lenkbewegungen maßgeblich, sie lösen die Rollbewegung des Jets aus. Sowohl der falsche Einbau als auch fehlende Kontrollen danach waren ein "direkt wirkender Faktor" für den Unfall, so der Bericht.

Durch den Fehler reagierten die Spoiler "seitenverkehrt". Die Folge: Als die Piloten eine Linkskurve einschlagen wollten, neigte sich der Jet nach rechts. Dies führte dazu, dass die Piloten nach Erreichen der Flughöhe das erste Mal die Kontrolle über ihren Jet verloren. Kurz darauf kippten sie in einen Sturzflug mit einer Neigung von fast 40 Grad ab, verloren schnell 1100 Meter Höhe. Erst rund 600 Meter über dem Boden konnten sie den Jet abfangen. Passagiere waren nicht an Bord.

Der General Flugsicherheit hat den Vorfall intensiv untersucht. Dazu wertete er die gespeicherten Daten des Unglücksflugs aus, sprach mit den Piloten und den Technikern des Lufthansa-Tochterunternehmens. Klement betont, ihm sei es um die Aufklärung der Unfallursache gegangen, die Schuldfrage müssten andere bewerten. Sein Bericht wird nun die Staatsanwaltschaft Cottbus interessieren, dort laufen Ermittlungen wegen des Unfalls.

Checks vor dem Start "nicht mit der erforderlichen Sorgfalt"

Neben der Wartungsfirma sieht Klement auch die Bundeswehrpiloten in der Verantwortung. So seien die Checks vor dem Start "nicht mit der erforderlichen Sorgfalt" erfolgt. Statt die Spoiler von außen anzusehen, hätte man sich auf die Anzeigen verlassen, die aber keinen Fehler meldeten. Zudem hätten die Piloten die Fehlfunktion in der Luft genauer analysieren sollen, so wäre die dramatische Bruchlandung möglicherweise zu verhindern gewesen.

Die spätere Notlandung der Global, die auch Kanzlerin Angela Merkel in den letzten Jahren regelmäßig benutzt hat, auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld war brandgefährlich. Zwar konnten die Piloten die Global nach dem Sturzflug zunächst wieder stabilisieren und den Flughafen ansteuern. Kurz vor dem Aufsetzen aber verloren sie in nur 100 Meter Höhe wegen der fehlerhaft eingestellten Steuerung erneut die Kontrolle über das Flugzeug.

Die nächsten Sekunden hätten in einer Katastrophe enden können. Kurz vor dem Aufsetzen schwankte der Jet plötzlich von links nach rechts, zog überraschend wieder leicht nach oben. Die angepeilte Landebahn wurde verfehlt, abwechselnd touchierten beide Tragflächen den Boden. Das Flugzeug setzte schließlich neben der Landebahn auf, rumpelte über unbefestigte Rasenflächen. Mit dem Bugrad steuerten die Piloten wieder gen Landebahn.

Video: Planespotter fotografiert Notlandung (17.04.2019)

Marcel Russ

Bei der Bruchlandung wurde der Jet so schwer beschädigt, dass eine Reparatur nicht mehr wirtschaftlich ist. Klement schildert in seinem Bericht, dass beim Hochziehen nach dem Sturzflug Beschleunigungskräfte von bis zu 5,8 g auftraten. Laut erfahrenen Piloten hätte die Besatzung bei dieser Belastung das Bewusstsein verlieren können. Techniker stellten später fest, dass die starken G-Kräfte die Zelle des Jets in ihrer Struktur stark beschädigt hatten.

Der Bericht dürfte die Diskussion um Lufthansa Technik als Dienstleister der gesamten Regierungsflotte erneut anheizen. Erst kürzlich hat die Bundesregierung wegen der vielen Ausfälle der Regierungsflugzeuge sechs weitere Flugzeuge bei Lufthansa Technik bestellt, jeweils drei neue Global 6000 für Kurz- und Mittelstrecken und drei nagelneue A-350-Langstreckenjets für Reisen in die USA oder nach Afrika.

"Zeitdruck und hohes Arbeitsaufkommen"

In dem Bericht finden sich jetzt über die Lufthansa-Tochter LBAS harte Urteile. So sei das Fachpersonal teilweise bei mehreren Projekten gleichzeitig eingesetzt gewesen. Dies habe zu einer "Verantwortungsdiffusion" geführt, notwendige Kontrollen blieben aus. Die Wartung des Regierungsjets, so das Urteil, sei "durch Zeitdruck, Arbeitsunterbrechungen, unzureichende Aufsicht und hohes Arbeitsaufkommen" geprägt gewesen.

Lufthansa Technik wollte den Bericht der Bundeswehr nicht kommentieren, da er ihr noch nicht vorliegt. Ein Sprecher sagte auf SPIEGEL-Anfrage, man habe es bei dem Unglücksflug aus Lufthansa-Sicht "nicht mit einem Systemfehler zu tun, sondern mit einzelnen Arbeitsfehlern", die trotzdem inakzeptabel seien. "Als Gesellschafter der LBAS bedauern wir das sehr und sind sehr froh, dass der Vorfall nicht schlimmer ausgegangen ist", sagte er.

Lufthansa Technik hat bereits Konsequenzen aus dem Beinahe-Crash gezogen. So seien "zusätzliche Elemente des Qualitätssicherungssystems" bei der LBAS in Berlin-Schönefeld eingeführt worden. Qualität und Sicherheit seien das wichtigste Produkt, die hohen Standards würden "weltweit geschätzt", so der Sprecher. Man kann es auch knapper sagen: Für die Lufthansa ist der Unglücksflug der Global ein schmerzhafter Gesichtsverlust.

insgesamt 63 Beiträge
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Ein_denkender_Querulant 25.11.2019
1. Anschlag?
Dann sollte in Ruhe beleuchtet werden, ob die Verantwortlichen der Tat nur schlampig waren, ober ob ein System dahinter steckt. Bei der Häufigkeit und der Schwere der Taten, halte ich bewusste Manipulation für möglich.
capote 25.11.2019
2. Outsourcen
....nennt man das. Die Bundeswehr ist eigentlich personell total überfressen, trotzdem rechnen irgendwelche Schlaumeier vor, wenn man das outsourced, kommt es billiger als mit den eigenen Leuten. Dass man die eigenen Leute dann trotzdem fürs Nichtstun bezahlen muss, haben die nicht auf dem Schirm. Dann kommt dazu, die Firmen, an die man das outsourced haben gar nicht das Personal, sondern leihen das Personal für den jeweiligen Zweck und das Leihpersonal ist mehr mit dem nächsten Job beschäftigt, als mit der Arbeit.
iris b. 25.11.2019
3.
Ich frage mich, ob bei diesem und anderen (vergleichbaren) Vorfällen untersucht wird, ob es sich dabei um Sabotage handeln könnte. Ggfs. aus dem Inland gesteuert?
makromizer 25.11.2019
4. Kein Systemfehler?
"man habe es bei dem Unglücksflug aus Lufthansa-Sicht "nicht mit einem Systemfehler zu tun, sondern mit einzelnen Arbeitsfehlern"" Nun, offensichtlich gibt es kein System, was solche Arbeitsfehler entdeckt, das hört sich schon stark nach einem Systemfehler an.
abudhabicfo 25.11.2019
5. Das wird ja mindestens Schadenersatz geben
Ich hoffe, dass Spiegel Online uns weiter informieren wird, damit wir erfahren, ob am Schluss der Steuerzahler zahlt. Ist ja auch sehr bedenklich, dass es ein JV von Lufthansa und Bombardier gibt. Da gibt es doh Interessenkonflikte. Der Airbus A220 kam von Bombardier und dieser Flieger verursacht bei der Lufthansa Gruppe (Swiss) einige Probleme.
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