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Hausmitteilung Flutkatastrophe

aus DER SPIEGEL 30/2021
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Jessica Schäfer

Als der Winzer Lukas Sermann (l.) ihm seinen von der Flut zerstörten Betrieb zeigte, hörte SPIEGEL-Redakteur Max Polonyi vorerst auf , Fragen zu stellen, und griff zur Schaufel. Sermanns Kelterhalle und sein Gutshaus liegen in Altenahr, direkt an der Ahr; das Wasser reichte bis weit in den ersten Stock. Mit Sermanns Freunden und Familie schippte Polonyi Schlamm und Wein in die Ahr. »Auf dem Dach lag eine Wohnwagenachse, Flusskrebse liefen zwischen Schutt herum, Hubschrauber kreisten«, sagt er. »Der Mut der Betroffenen und die entschlossenen Helferinnen und Helfer haben mich tief beeindruckt.« Polonyi ist einer von einem Dutzend SPIEGEL-Leuten , die zum Teil schon seit Donnerstag voriger Woche in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz unterwegs waren, wo das Hochwasser Häuser und Existenzen vernichtet hat und mindestens 170 Menschen ums Leben gekommen sind.

Foto: DER SPIEGEL

Zu den Toten zählen auch zwölf Menschen mit Behinderung in Sinzig. Sie ertranken im Erdgeschoss des Lebenshilfehauses, als der Pegel der Ahr binnen einer Viertelstunde von 80 Zentimetern auf mehr als acht Meter stieg. Redakteurin Maria Stöhr verbrachte fünf Tage in dem Ort. Anwohner wie Wolfgang Häßel, der gegenüber dem Haus lebt, zeigen sich erschüttert. Sie fragen sich: Wie konnte das passieren? Hätte man die Einrichtung evakuieren müssen? Stöhr traf auf eine Person, die dort wohnte, überlebt hat – und trotz allem möglichst schnell zurück ins Lebenshilfehaus will.

Foto: Marcus Simaitis

Auch für die professionellen Helfer von Bundeswehr, Polizei, THW und Feuerwehr ist die Katastrophe ein Extremeinsatz. SPIEGEL-Redakteur Roman Lehberger (r.) sprach mit Martin Lübke an Bord seines Helikopters. Lübke, Pilot beim Flugdienst der Bundespolizei in St. Augustin, brachte Bergungstrupps ins Ahrtal. Ein Problem war, im Chaos Landeplätze zu finden. Das Fundament eines zerstörten Gebäudes diente als Anlaufstelle. »Erst aus der Luft wird das Ausmaß der Verwüstung deutlich. An den Kuppen des Tals ist noch heile Welt. Und plötzlich blickt man ins Verderben«, sagt Lehberger.

Für Armin Laschet ging es in den vergangenen Tagen auch um die eigene Karriere. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und CDU-Kanzlerkandidat besuchte Notunterkünfte, stand vor kaputten Häusern und sprach mit Flutopfern, denen der Matsch im Gesicht klebte. Redakteur Lukas Eberle beobachtete , wie sich Laschet als tröstender Landesvater versuchte. »Er ist kein Menschenfänger«, sagt Eberle, »aber wenn ihm die Leute im Katastrophengebiet erzählen, dass sie Bautrockner brauchen, um ihre Häuser von der Feuchtigkeit zu befreien, dann macht er sich Notizen und verspricht, sich darum zu kümmern.«

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