Forsa-Chef Güllner "Die Linke macht sich selbst überflüssig"

Der Kapitalismus kriselt - und die Linke schrumpft. Wie passt das zusammen? Forsa-Chef Manfred Güllner spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über skurrile Zahlen, die stille Reserve der SPD und die Glaubwürdigkeit von Meinungsumfragen im Zeitalter moderner Kommunikation.


SPIEGEL ONLINE: Erstmals seit zwei Jahren liegt die Linke in Ihrer Sonntagsfrage mit neun Prozent im einstelligen Bereich. Warum profitiert die kapitalismuskritischste Partei nicht vom kapitalismuskritischen Zeitgeist?

Güllner: Weil sie keine Lösungen anbieten kann. Sie mag die Probleme richtig beschreiben. Aber niemand weiß, was die Linke lösen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Linke selbst verweist darauf, dass die anderen Parteien im Zuge der Krise ihre Programmatik übernommen hätten.

Güllner: Aber so denken die Menschen nicht. Die Wählerinnen und Wähler fragen sich in Krisenzeiten: Wer kann politisch überhaupt etwas durchsetzen? Die Linke kann kritisieren - aber nichts ändern. Dazu fehlt ihr die Macht. Und das wissen die Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit dem Argument, immerhin die Programmatik der anderen beeinflusst zu haben?

Güllner: Das ist ein sehr gefährliches Argument der Linken. Denn damit macht sie sich selbst überflüssig. Wenn andere die Inhalte umsetzen, braucht man den Vordenker nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Die Partei wird also in den Meinungsumfragen noch weiter runtergehen?

Güllner: Schwer zu beantworten. Die Linke hat ja irrsinnige Wellenbewegungen hinter sich. Denken Sie mal an die Abgeordnetenhauswahl in Berlin im Jahr 2001: 23 Prozent in der gesamten Stadt mit Gregor Gysi als Spitzenkandidat. Ein Jahr später bei der Bundestagswahl scheiterte die Partei an der Fünfprozenthürde. Inzwischen hat sie den Westsprung geschafft - das hat das Selbstbewusstsein der ostdeutschen PDS-Anhänger und der gesamten Parteielite enorm gestärkt. Aber ob sich das langfristig auch in prozentualen Erfolgen niederschlägt, ist fraglich. Die Stimmung für die Linke ist sehr fragil.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD kommt in Ihrer aktuellen Umfrage auf ein Jahreshoch von 25 Prozent. Nur ein temporärer Ausreißer - oder eine Tendenz?

Güllner: Durch die Vorstellung des Wahlprogramms der SPD und die Reaktion der anderen darauf ist ein Wahlkampfklima entstanden. Und da ist auffällig: Die großen Parteien stabilisieren sich. Die Union hat von der FDP ein paar Wähler zurückgewonnen und die SPD hat ein paar Unentschlossene ins eigene Lager geholt. Aber ein berauschender Wert ist 25 Prozent ja nun noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD rechnet intern mit einem Reservoir von zehn Prozent, das zu Hause auf den Sofas schlummert und aktiviert werden kann.

Güllner: Daran ist richtig, dass das bürgerliche Lager bereits voll mobilisiert ist. Die Gesamtzahlen von FDP und Union sind ungeheuer stabil. Bewegung gibt es nur innerhalb dieses Lagers, sie geben keine Anhänger ans andere Lager ab und unentschlossene Wähler gibt es bei den Bürgerlichen kaum. Die SPD ist in einer anderen Lage: Die Wähler, die sich 2005 in letzter Sekunde dazu durchgerungen hatten, die Sozialdemokraten doch noch zu wählen, sind jetzt in der Enthaltung. Im Lager der Unentschlossenen sind also mehr SPD-Anhänger als CDU-Anhänger. Das ist die Reserve.

SPIEGEL ONLINE: Also wird sich die Schere schließen?

Güllner: Das kann sein, muss aber nicht. Denn 2005 hatte die SPD Gerhard Schröder, der vier Wahlkämpfe hinter sich hatte und überaus populär war. In diesem Jahr ist Kanzlerin Angela Merkel populär - und die SPD hat einen Kandidaten, der nur begrenzt Anziehungskraft entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Ist in Meinungsumfragen nicht die Zahl grundsätzlicher Sympathisanten viel interessanter als die der definitiven Wähler?

Güllner: Nein. Denn eine theoretische Reserve heißt ja noch lange nicht, dass sie auch tatsächlich wählen geht. Ganz abgesehen davon: Ihre Zunft druckt das ja nicht. Da zählt nur die Sonntagsfrage.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollen wir Ihrer Zunft eigentlich noch trauen? Vor der Bundestagswahl 2005 lagen sämtliche Meinungsforschungsinstitute nicht mal im Ansatz im Bereich des Wahlergebnisses.

Güllner: Was die CDU anbelangt. Bei der SPD lagen wir ziemlich richtig. Diese Kritik - mit den gleichen Worten - finden Sie seit 1957. Unsere Zunft muss sich vorhalten lassen, zu suggerieren, wir könnten exakte Prognosen vor einer Wahl treffen. Die Dame vom Bodensee (Renate Köcher vom Institut Allensbach, Anm. d. Red.) veröffentlicht ja gar noch hinter dem Komma eine Zahl. Das gaukelt eine Genauigkeit vor, die wir nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Ist die klassische Sonntagsfrage nicht völlig überholt? Die traditionellen Methoden greifen doch gar nicht mehr. Viele Menschen sind heute nur noch per Handy oder über das Internet zu erreichen.

Güllner: Es ist ja nicht so, dass wir die Kommunikationsgewohnheiten nicht beobachten. Darauf haben wir uns eingestellt, die junge Generation bekommen wir schon ans Telefon. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist: Wie erreichen wir die Alten? Die kriegen wir nicht, weil sie alle genervt sind von den Callcenter-Anrufen. Wenn da noch ein Meinungsforschungsinstitut anruft, wird einfach aufgelegt.

Das Interview führte Veit Medick



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