Fraktionssprecher Schmitz Von "Bild" direkt zu den Grünen

Ausgerechnet den Chefreporter der "Bild"-Zeitung hat die grüne Bundestagsfraktion zu ihrem neuen Pressesprecher gewählt. Einige Parteilinke halten das für eine schlechte Idee und grummeln.

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Sollen wir unsere Konzeptpapiere dann etwa im 'Bild'-Format abgeben?", frotzelte ein Abgeordneter. Ein anderer wollte wissen, ob der Kandidat den politischen Kurs seines bisherigen Arbeitgebers teile. Gut 45 Minuten zog sich das Kreuzverhör in der vergangenen Woche hin, dann wurde abgestimmt. Und mit einer Mehrheit von genau zwei Dritteln der Stimmen wurde Christoph Schmitz gewählt: Statt "Chefreporter Bild Hauptstadt-Büro" wird demnächst "Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Pressesprecher" auf seiner Visitenkarte stehen.

Noch "Bild", bald Grüne: Christoph Schmitz
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Noch "Bild", bald Grüne: Christoph Schmitz

Ein Mann vom Blatt mit den vier großen Buchstaben mitten in der Fraktion der Ökopaxe? Das klingt wie "Der Feind in meinem Bett". Es ist noch nicht allzu lange her, da hatten "Bild"-Reporter Hausverbot in  der grünen Parteizentrale. Denken Grüne an die Boulevard-Zeitung mit der Millionen-Leserschaft, dann erinnern sie sich an eine üble Kampagne gegen ihren Ex-Umweltminister Jürgen Trittin, ausländerfeindliche Texte oder Schlagzeilen wie "Das Castor-Mädchen hat nichts dazugelernt". An Pressearbeit in ihrem Sinne denken sie weniger.

Entsprechend reflexhaft reagierten einige Fraktionsmitglieder auf die Wahl. Der Rechtspolitiker Jerzy Montag etwa soll der "Bild"-Zeitung antiparlamentarische Tendenzen vorgeworfen und es als "paradoxe Intervention" bezeichnet haben, einen ihrer Journalisten zu den Grünen zu holen, berichtete der "Tagesspiegel". Der Abgeordnete Hans Christian Ströbele sagte SPIEGEL ONLINE: "Die 'Bild' ist sicher keine Empfehlung. Jemand, der jahrelang dort gearbeitet hat, muss schon dicke Gründe vorweisen, die für ihn sprechen."

Geschichten mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen

Fraktionschef Fritz Kuhn ist überzeugt, diese Gründe gefunden zu haben: "Er ist der Beste", sagte er SPIEGEL ONLINE. Schmitz habe sich gegen mehr als 100 Bewerber durchgesetzt. "Ich bin sicher, der beißt sich durch und wird überzeugen." In der Fraktion habe Schmitz "souverän reagiert" - und zwar nicht, indem er sich "billig von der 'Bild' distanziert" habe, sondern indem er begründet habe, warum er dorthin gegangen ist und jetzt gerne wechseln möchte, schwärmt Kuhn. Die Fraktion habe jemanden gesucht, der "Themen erspüren" und mit anderen Journalisten gut umgehen könne. Auch "einfaches Formulieren" würde "uns nicht schaden". Bei der Auswahl habe zudem geholfen, dass Schmitz den Fraktionschefs Kuhn und Renate Künast noch aus der Zeit bekannt sei, als die beiden die Partei führten und der heute 40-Jährige Parlamentsredakteur der "Rheinischen Post" war.

Doch jetzt ist Schmitz seit vier Jahren bei der Boulevardzeitung, seit anderthalb Jahren Chefreporter - und da gehen bei etlichen Grünen die Alarmlampen an. Mehrere Abgeordnete googelten dem Journalisten und seinen vermuteten Anti-Grünen-Stücken denn auch gleich hinterher - sie wurden allerdings nicht fündig. "Immerhin aber hat Schmitz' Name bislang nicht über grob rassistischen oder sonstwie gemeingefährlichen Stücken gestanden", konstatierte selbst die linksalternative "taz". Natürlich prangen auch über den Stücken, die Schmitz zuletzt bei "Bild" geschrieben hat, viele Großbuchstaben und Ausrufezeichen: "Politiker wollen LUXUSPENSIONEN behalten", trompete er etwa kürzlich. Aber dass er kein Scharfmacher der schlimmen Sorte ist, hat sich in der Grünen-Fraktion mittlerweile herumgesprochen.

Vegetarier ohne Auto

Schmitz selbst drückt es so aus: "Freund-Feind-Denken kenne ich nicht." Der studierte Germanist und Musikwissenschaftler gilt als fair - und bewandert in den Themen Soziales, Arbeit und Rente, ein Themengebiet, das er sich schon vor langer Zeit erschlossen und seitdem nicht aus den Augen verloren hat. Er sorgte seinerzeit dafür, dass "Bild" und nicht etwa die "taz" als erstes Blatt die Hartz-IV-Fragebögen komplett über eine Woche abdruckte und erläuterte. Das war nicht gerade anti-aufklärerisch, wie einer der von Grünen gerne vorgebrachte Vorwurf gegen die Springer-Presse lautet.

Natürlich weiß Schmitz, dass er auch wegen seiner Fähigkeit zur Verknappung gewählt wurde. Allerdings legt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE Wert auf die Feststellung, dass das Auf-den-Punkt-Bringen von Botschaften intelligent vor sich gehen kann. "Die Konzepte sind bei den Grünen ja da", sagt er. Es gehe darum, sie zusammenzuführen, weiterzuentwickeln und zu vermitteln. Deshalb sehe er sich auch in der neuen Funktion nicht als "Werbetexter, sondern als Journalist".

Privat hegt Schmitz übrigens einen Lebensstil, der schon jetzt eher zu einem Grünen zu passen scheint als zu den vorherrschenden Klischees über "Bild"-Journalisten: Er lebt in fester Beziehung, er hat kein Auto, er trennt seinen Müll. Und: Aus Gründen der "Lebensmittelsicherheit und der Tierethik" ist Schmitz überzeugter Vegetarier. Zumeist kocht er mit seiner Freundin sogar vegan.

Selbst auf Anti-Pelz-Demos hat Schmitz sich blicken lassen. Welcher grüne Abgeordnete kann das schon von sich behaupten?



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