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Gestorben Frank Elbe, 81

aus DER SPIEGEL 25/2022
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privat

Als die russischen Truppen am 24. Februar die Ukraine überfielen, kamen ihm die Tränen: »Es war alles umsonst.« Jahrelang hatte der enge Vertraute von Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) für einen Ausgleich mit dem Kreml geworben. Doch in Russlands Präsident Wladimir Putin täuschte sich Frank Elbe, wie so viele aus dem Establishment der alten Bundesrepublik: »Einen Angriff habe ich nicht für möglich gehalten.« Elbe entstammte einer deutsch-baltischen Familie; die Erinnerungen an Luftangriffe auf seine Heimatstadt Iserlohn 1945 begleiteten ihn zeitlebens. Der Jurist begeisterte sich als junger Diplomat für die Ostpolitik Willy Brandts (SPD); er leitete von 1987 bis 1992 das Ministerbüro Genschers und zählte zur Bonner Delegation bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die deutsche Einheit. Später vertrat er die Bundesrepublik als Botschafter in mehreren Ländern, darunter Polen. Elbe war Mitverfasser der Tutzinger Rede Genschers vom Januar 1990. Genscher schlug darin einen Verzicht der Nato auf eine Osterweiterung vor, um Moskau die Zustimmung zur deutschen Einheit zu er­leichtern. Mehrfach kamen westliche Politiker 1990/91 gegenüber den Sowjets auf die Tutzing-Formel zurück. Dennoch bestritt Elbe die Behauptung Putins, die Nato habe mit der Osterweiterung gegen Zusagen von 1990 verstoßen. Der FDP-Mann verwies auf Moskaus Zustimmung zur Nato-Russland-Grundakte 1997: »Damit war das Thema erledigt.« Frank Elbe starb am 15. Juni in Bonn.

klw
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