Typologie der Bundespräsidenten Prediger und Polterer

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist offiziell im Amt. An welchem seiner Vorgänger wird er sich orientieren, wie könnte er Akzente setzen? Die Typologie.

Altes und neues Präsidentenpaar vor Bellevue
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Altes und neues Präsidentenpaar vor Bellevue

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Die Wahl des Bundespräsidenten ist mehr als nur ein symbolischer Akt: In der Vergangenheit hatte sich bei der Wahl eines neuen Staatsoberhaupts mehrfach ein späterer Machtwechsel im Bund angedeutet, und immer nutzten Parteien die Abstimmung in der Bundesversammlung für Ränkespiele, Provokationen, Machtproben.

Nun ist an diesem Mittwoch ein Kandidat der Großen Koalition als Staatsoberhaupt vereidigt worden. Wie könnte die Amtszeit Frank-Walter Steinmeiers aussehen, inwiefern wird er sich von seinen Vorgängern unterscheiden, wem nacheifern? Die bisherigen Amtsinhaber lassen sich einteilen in fünf Typen:

  • Typ 1: Der Prediger

Der Bundespräsident mag wenig Macht haben. Aber er hat das Wort, aus dem sich seine Autorität ableitet. Joachim Gauck war einer von diesen Staatsoberhäuptern, die behutsam und gezielt ihr rhetorisches Geschick einsetzten. Dem parteilosen Gauck mag dabei ebenso wie Johannes Rau in die Karten gespielt haben, dass sie schon bei Amtsantritt ein Weisheit ausstrahlendes Alter erreicht hatten.

Im Gegensatz zu Gauck, der zuvor 35 Jahre lang als Pfarrer arbeitete, hatte Rau zwar keine Berufserfahrung als Prediger. Dennoch lief er nie Gefahr, akademisch verquaste Reden zu halten: Immerhin war er der einzige Bundespräsident ohne Abitur.

  • Typ 2: Der Oppositionelle

Auch Richard von Weizsäcker nutzte die Macht der Worte - zum Beispiel, um die verbreitete Geisteshaltung in der Bonner Republik unter Kanzler Helmut Kohl anzuprangern. Herausragend war seine Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, mit der er sich gegen eine verbreitete Geschichtsvergessenheit wandte. Dass er damit womöglich weniger ein Anliegen Kohls als der linken Opposition vertrat, zeigte sich bei seiner Wiederwahl 1989: SPD und Grüne waren so angetan von ihrem konservativen Staatsoberhaupt, dass sie nicht einmal einen Gegenkandidaten aufstellten.

Prinzipientreue brachte auch Gustav Heinemann Respekt ein: 1950 trat er als Innenminister der ersten Adenauer-Regierung zurück, aus Protest gegen die geplante Wiederbewaffnung. In den Folgejahren sammelte Heinemann Remilitarisierungs-Gegner um sich, gründete die - letztlich erfolglose - Gesamtdeutsche Volkspartei, trat dann der SPD bei und stieg bis zum Bundesjustizminister auf. So oft er auch Ämter und Parteien wechselte, so unbeirrt trat er bis zuletzt für den Pazifismus ein: Heinemann ist der einzige Bundespräsident, der einen militärischen Zapfenstreich zum Ende seiner Amtszeit ablehnte.

  • Typ 3: Der Volkstümliche

Es ist eine dieser Anekdoten, die über die Amtszeit Heinrich Lübkes weithin bekannt ist: Im afrikanischen Liberia soll er seine Gastgeber 1962 als "liebe Neger" angesprochen habe. Was an der Geschichte stimmt, ist bis heute unklar, aber sie zeigt: Eine - wenn auch mitunter streitbare - Volkstümlichkeit hat so manchem Bundespräsidenten nachhaltig Ruhm beschert. Lübkes verunglückte Wortbeiträge erschienen später auf einer Schallplatte.

Ähnlich populär war Karl Carstens, der sich vor allem als begeisterter Wanderer volksnah inszenierte.

Der Popstar unter den deutschen Staatsoberhäuptern aber ist Walter Scheel: Mit dem Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" schaffte der Liberale den Sprung in die Top Ten der Charts. Er hatte das Lied wenige Monate vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten Ende 1973 mit dem Düsseldorfer Männergesangsverein aufgenommen - und kurz darauf in der TV-Show "Drei nach neun" aufgeführt.

  • Typ 4: Das Sensibelchen

Zwei Bundespräsidenten werden wohl vor allem wegen des Endes ihrer Amtszeit in Erinnerung bleiben. Im Mai 2010 trat Horst Köhler wegen eines umstrittenen Interviews über den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan überraschend zurück, 19 Monate später tat es ihm sein Nachfolger gleich: Im Februar 2012 zog Christian Wulff nach der bislang kürzesten Amtszeit eines Bundespräsidenten die Konsequenzen aus einer Affäre um Korruptionsvorwürfe.

Dass Wulff zur Würde des Präsidentenamtes womöglich ein spezielles Verhältnis hatte, war schon bei seiner Wahl deutlich geworden: Als amtierender niedersächsischer Ministerpräsident erschien er in der Bundesversammlung - zurückgetreten war er wohl deshalb noch nicht, um am Ende nicht ohne Amt dastehen. Weil aber sein Vorgänger Köhler mit sofortiger Wirkung zurückgetreten war, wäre Wulff mit Annahme der Wahl direkt Staatsoberhaupt geworden. Seine Lösung: Nach dem Sieg im dritten Wahlgang eilte Wulff zum niedersächsischen Landtagspräsident Hermann Dinkla, der ebenfalls im Saal saß, überreichte ihm sein Rücktrittsschreiben und nahm erst dann die Wahl an.

  • Typ 5: Der Vollprofi

"Der Bundespräsident darf weder der Regierung noch einer gesetzgebenden Körperschaft des Bundes oder eines Landes angehören" - so schreibt es Artikel 55 des Grundgesetzes vor. Formal erfüllten alle Staatsoberhäupter bislang diese Bedingung; zuvor aber waren etliche von ihnen jahrelang in politischen Schlüsselpositionen.

Theodor Heuss etwa, der erste Präsident der Bundesrepublik, war schon 1924 in den Reichstag eingezogen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Vorsitzender der FDP und prägte im Parlamentarischen Rat 1949 das Grundgesetz entscheidend mit.

Beträchtliche Erfahrung hatte auch Roman Herzog, als er 1994 Bundespräsident wurde: Der Jurist hatte zuvor unter anderem das Kultus- sowie das Innenministerium von Baden-Württemberg geleitet, bevor er Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts wurde.

Im Video: Steinmeiers Antrittsrede

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Auch Frank-Walter Steinmeier ist ein politischer Vollprofi - er ist aber noch mehr als das: Der Sozialdemokrat, der lange Jahre als Büroleiter, Staatssekretär und Kanzleramtschef im Hintergrund die Strippen zog, ist der erste Bürokrat in Bellevue.



insgesamt 6 Beiträge
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horst brack 22.03.2017
1. Köhler ist kein Sensibelchen
Ich breche mal eine Lanze für Horst Köhler. Das mit dem Sensibelchen ist natürlich totaler Quatsch, aber er hat einfach nur die Klappe gehalten. Man muss wissen, das der magna Cum Laude Ökonom als Staatssekretär im Finazministerium unter Helmut Kohl als höchster Vertreter der BRD die Stabilitätskriterien für den EURO aushandelte. Ja genau die Kriterien, die heute permanent unterlaufen werden und den Euro irgendwann demnächst platzen lassen werden. U.a. der Euro Rettungsschirm und alle weiteren beteiligten Werkzeuge zum unbegrenzten Drucken von weitenem Geld, waren sicher die Hauptgründe. Der Afganistan Einstz war als Rücktrittgrund sicher nur vorgeschoben. Fazit: Horst Köhler wollte sicher *nicht* in den Geschichtsbüchern stehen, als der Präsident, der wider besseren Wissens diesen Unfug unterzeichnet hätte. Das hat er dann ja auch nicht getan, wenn ich mich recht erinnere.
Putenbuch 22.03.2017
2. Einmal Heinemann, bitte....
Aus der Antrittsrede von Gustav Heineman 1969: "„Wir stehen erst am Anfang der ersten wirklich freiheitlichen Periode unserer Geschichte […] Überall müssen sich Autorität und Tradition die Frage nach der Rechtfertigung gefallen lassen […] Nicht weniger, sondern mehr Demokratie – das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschrieben haben. Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.“ So richtig viel weiter sind wir heute auch nicht. Daran sollten unsere Politiker denken, wenn mal wieder für Demokratieabbau zugunsten Konzernen entschieden wird (s. Autobahnprivatisierung, TTIP/Ceta, etc.)
ketzer3 22.03.2017
3. Das Sensibilchen Köhler:
„Im Mai 2010 trat Horst Köhler wegen eines umstrittenen Interviews über den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan überraschend zurück.“ Na ja, ich habe das anders in Erinnerung. Während eines Fluges – ob mit/wegen etc. Afghanistan tut überhaupt nichts zur Sache – hatte Köhler gegenüber Journalisten geäußert, dass er sich durchaus einen Einsatz der Bundesmarine auch „out of area“ vorstellen könne, um internationale Schifffahrtsrouten zu sichern. Ich hatte damals keinen Grund gesehen, den Bundespräsidenten wegen dieses Gedankens zu kritisieren. Darüber kann man ja mal reden, ob es nicht sinnvoll sein könnte, dass eine deutsche Korvette vor dem Horn von Afrika herumkreuzt und auf Hilferufe von Handelsschiffen – egal unter welcher Flagge sie fahren – reagiert, wenn diese von Piraten angegriffen werden. Die hierauf folgende Empörung der Journaille hatte ich nie so richtig begriffen. Und jetzt war Köhler beleidigt, anstatt (offensiv) zu antworten oder antworten zu lassen. Und statt dessen ist zurückgetreten. Hätte er nicht machen müssen / sollen. Insoweit: Sensibelchen: ja. Aber er hatte wohl eh keine Lust mehr.
merluzzo 22.03.2017
4. Fakten sollten stimmen
Scheel "hatte das Lied wenige Monate vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten Ende 1973 mit dem Düsseldorfer Männergesangsverein aufgenommen - und kurz darauf in der TV-Show "Drei nach neun" aufgeführt." Es mag sein, dass Bremer Fernsehshows Hamburger Journalisten geläufiger sind als andere. Doch eine sorgfältige Recherche oder Faktenprüfung sollte ergeben haben, dass es Radio Bremens "3 nach 9" erst seit 1974 gibt, und Walter Scheel seine Sangeskunst im Dezember 1973 erstmals in Wim Thoelkes "Drei mal Neun" im ZDF präsentiert hatte. Ja, das ist kein 'kriegsentscheidendes' Faktum, aber die Menge an sachlichen Fehlern verweist auf den Grad journalistischer Sorgfalt. Und diese Menge ist mir auf Spiegel Online zu hoch.
ketzer3 23.03.2017
5. Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterl
Eine ganz wichtige Aussage, die bis heute womöglich in ihrer Tragweite nicht recht begriffen worden ist. Diese Aussage 1. bedeutet, dass WIR (die deutschen Vaterländer) eben unsere Geschichte haben und diese akzeptieren müssen, auch wenn es uns heute nicht gefällt;. dass wir uns nicht nur unter dem Licht von Goethe und Schiller, Kant und Hegel sonnen können (Kleist und Heine nicht zu vergessen – Letzterer einer der allergrößten, meine ich), sondern dass wir uns auch mit den weniger schönen Dingen beschäftigen müssen. Warum: weil wir sie ERERBT haben! 2. bedeutet, dass wir hinsichtlich dieses ERBE Verpflichtungen haben. Da geht es nicht um „Schuld“! Welche „Schuld“ soll denn schon ein 1945 Geborener haben? Aber er hat die Geschichte seines Vaterlandes nun mal geerbt und hat damit Verpflichtungen. Auch wenn ich diesen Pietisten Heinemann manchmal als etwas „sauertöpfisch“ empfunden habe: Es gibt nur zwei wirklich große Bundespräsidenten der Bundesrepublik: Lassen wir mal Heuß beiseite (da gibt es noch das eine oder andere Fragezeichen – na gut, ich glaube, er hat sich nachträglich auch etwas geschämt über sein Abstimmungsverhalten bei dem Ermächtigungsgesetz): Heinemann und von Weizsäcker; Letzterer war ja bei seiner eigenen Partei nun nicht soooo beliebt – aber das mag eher für ihn (als Überparteilichen) gesprochen haben. Ach ja, doch noch etwas: Rau hatte gegen Herzog kandidiert, hatte aber so gut wie keine Chance. SPD-Partei-Chef Scharping hatte aber die Parole ausgegeben: Wir bleiben bei Rau. Hätte er gesagt: Wir verzichten, wir unterstützen die FDP-Kandidatin Hamm-Brücher, dann wäre – mit Stimmen der SPD, FDP und wohl auch etlichen der CDU – Hamm-Brücher Bundespräsidentin geworden. Dies wäre zu wünschen gewesen! Nichts gegen Herzog: der hat sich ja auch gut gemacht – auch ein paar Jahre später hätte er sich gut gemacht. Und Rau hätte dann ja auch mal noch kandidieren können. Aber die SPD – bzw. Scharping – haben die große Chance vertan, einer Frau zur Bundespräsidentschaft zu verhelfen, die dieses Amt großartig hätte ausfüllen können – und das vielleicht auch als Dankeschön an eine überragende Persönlichkeit, die aus ihrer sozial-liberalen Position nie eine Hehl gemacht hat und der die SPD viel zu verdanken hatte. Ewig schade! Zum Abschluss, lieber Putenbuch: Woran „sollten unsere Politiker denken, wenn mal wieder für Demokratieabbau zugunsten Konzernen entschieden wird (s. Autobahnprivatisierung, TTIP/Ceta, etc.)“ Dafür rufen Sie Heinemann als Zeugen an? Das erscheint mir recht mutig bzw. ziemlich spekulativ.
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