Frankreichs Premier in Deutschland Der stolze Monsieur Valls

Premier Valls wirbt in Deutschland für Vertrauen in die Pariser Reformpolitik. Die französische Presse spottet über einen Bittgang des Regierungschefs - aber davon will er nichts wissen: Frankreich sei nicht das kranke Kind Europas.

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Berlin - Manuel Valls hat die Kommentare in den deutschen Medien, von deutschen Politikern gelesen. Mehr Reformen wurden von Frankreichs Regierung gefordert. Er registriere "die Zweifel, die Fragen" der deutschen Wähler, ihrer politischen Vertreter, der deutschen Presse, sagt Valls. "Ich bin nicht hierher gekommen, um um irgendeine Nachsicht zu bitten", betont der Premierminister bei einer Pressekonferenz mit Angela Merkel. Frankreich werde seiner Verantwortung "gerecht werden", es sei "auf dem Weg zu Reformen", auch aus eigenem Interesse.

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Heft 39/2014
Die entfesselte Seuche

Der 52-Jährige ist auf Werbetour für sein angeschlagenes Land. Er sei gekommen, um Deutschland "zu überzeugen", dass es Paris ernst meine mit den Reformen. Die Reise von Valls ist eng getaktet: Er hat sich am Montagmorgen mit dem DGB-Chef getroffen, am Vormittag ist er im Kanzleramt, am Nachmittag in Hamburg, um dort nicht nur das Airbus-Werk, das Paradebeispiel erfolgreicher deutsch-französischer Kooperation zu besuchen, sondern auch um mit Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zusammenzukommen. Schließlich folgt am Dienstag noch in Berlin ein Auftritt beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Das eigentlich noch längere Besuchsprogramm musste wegen eines geplanten Auftritts in der Nationalversammlung gekürzt werden.

Zeitungen in Paris spotten über einen angeblichen "Bittgang" des Premiers nach Berlin, in der Großen Koalition in Berlin sind es vor allem Politiker von CDU und CSU, die radikalere Reformen von Paris verlangen.

Frankreich, wo die Arbeitslosigkeit steigt und auf absehbare Zeit die Eurodefizitgrenze nicht eingehalten werden kann, steht in der Kritik. In Berlin wehrt sich Valls gegen "simplizistische" Darstellungen. So habe er etwa über einen Artikel, der sich einer von ihm kürzlich gehaltenen Rede mit kritischen Tönen an die Adresse der Bundesregierung widmete, die Überschrift gelesen: "Deutschland ist schuld". Das, sagt Valls, sei falsch, gebe nicht den Inhalt seiner Überlegungen wider. Deutschland und Frankreich, betont er, seien "essenziell" für Europa, von Deutschland erwarteten die Franzosen aber auch, dass es sich stärker für das Wirtschaftswachstum einsetzt.

"Niemals werde ich sagen, dass ich mich für mein Land schäme"

Merkel bewertet die französische Reformpolitik nicht. Sie spricht lediglich von einem "ambitionierten" Programm, wünscht Valls dabei viel Erfolg. Die Kanzlerin erinnert daran, dass es auch in Deutschland noch drei Millionen Arbeitslose gibt. Von einem Abrücken vom EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt hält sie allerdings nichts. "Mir geht es darum, dass Europa glaubwürdig ist, dass wir uns daran halten, was wir miteinander vereinbart haben."

Berlin erlebt einen demütigen, aber auch stolzen französischen Premierminister. In Anspielung auf einen früheren Spruch aus den Neunzigerjahren - "Deutschland ist der kranke Mann Europas" - , sagt Valls in Berlin: "Frankreich ist nicht das kranke Kind Europas." Sein Land, erinnert er, sei die fünftgrößte Industrienation der Welt und die zweitgrößte in Europa. Die Meinung Frankreichs werde - etwa in Afrika und im Irak - international gehört.

In der Heimat von Valls hat derweil Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sein Comeback angekündigt. Dabei rechnete er scharf mit seinem sozialistischen Nachfolger François Hollande ab. Eigentlich will sich Valls in Berlin nicht zur Innenpolitik seines Landes äußern. Doch dann wird er von einem französischen Journalisten zu einer Bemerkung Sarkozys gefragt. Sarkozy hatte erklärt, er schäme sich, weil "sich Frankreich in Europa wie ein schlechter Schüler aufführt, der den Klassenbesten bitten muss, weniger zu lernen, um mithalten zu können".

Da kann Valls im Land des vermeintlich Klassenbesten dann doch nicht an sich halten. Er sei "Patriot", sagt er an der Seite Merkels im Kanzleramt - vor allem wenn er sehe, welche Anstrengungen den Franzosen abverlangt werden. "Niemals, niemals", sagt Valls, "werde ich sagen, dass ich mich für mein Land schäme."

insgesamt 63 Beiträge
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hotgorn 22.09.2014
1.
Metaphern und Merkel machen nicht satt.
bookwood74 22.09.2014
2.
In ein Paar Jahren, wenn Sarkozy oder gar Marine Le Pen als Vertreter Frankreichs nach Deutschland kommen werden, wird man sich nostalgisch an diesen kleinen Mann erinnern.
nachtmacher 22.09.2014
3. tja, Herr Valls, daheim
groß auf die Pauke hauen und uns in die Pfanne hauen, und hier einen auf: "Das habe ich nicht so gemeint" machen... Politiker halt. Bloß ist der Schaden schon angerichtet. Wie man es so mitkriegt, sind die Franzosen seiner Meinung. Le Boche ist Schuld, weil er partout nicht zahlen will. Und le Boche erdreistet sich auch noch gegen die Schuldenunion zu sein. Gegen die endgültige Plünderung der Rentenkassen zu sein... Versailles ohne Krieg stand zum Euro in der französischen Presse zu lesen. Bloß blöd, dass wohl mehrere europäische Staaten so gedacht haben. das Dilemma besteht doch wohl nur darin, dass zur Erfüllung aller Forderungen der deutsche Michel einfach nicht mehr genug in der Tasche hat...
seneca55 22.09.2014
4. Frankreich scheint zu Schwächen
Aber im Gegensatz zu Deutschland haben sie zumindest eine intakte Armee, die die Nation erfolgreich verteidigen würde- was in Deutschland undenkbar wäre, mit seiner konkursreifen BW, die nur zum Kuchen essen und Kinderkrippen-Aufbau neben der Lieblingsbeschäftigung: "Nasen bohren" taugt. Es ist gut, das Frankreich heute Freund und Partner für die Deutschen ist !
Fürstengruft 22.09.2014
5. Valls wirbt in Deutschland für Vertrauen in die Reformpolitik
Zitat Valls: "Frankreich sei nicht das kranke Kind Europas." Also ist das Kind gesund, hat nur paar Probleme in der Schule, mag keine Hausaufgaben? Wie sagte doch Herr Schäuble vor paar Monaten: "Griechenland ist auf gutem Weg". Bisher haben wir noch nicht gehört, dass auch Frankreich auf gutem Weg ist.
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