Journalist als Zeuge in Terror-Prozessen Der Erzähler

In Verfahren gegen deutsche Islamisten tritt immer wieder der Reporter Franz Feyder als Zeuge auf. Dabei gibt es schon lange erhebliche Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.

Journalist Franz Feyder
imago/ Lichtgut

Journalist Franz Feyder

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In seiner Vernehmung beim Staatsschutz der Stuttgarter Polizei kam der Journalist Franz Feyder ins Plaudern - wieder einmal. Einen ganzen Vormittag lang erzählte er von seinen Reisen nach Syrien, von Ausbildungslagern vermeintlicher Gotteskrieger, von Sturmgewehren, Panzerfäusten und konspirativer Kommunikation über tote Briefkästen. Sogar die Codes der Dschihadisten schien er zu kennen: "Heiraten ist mir als Synonym für logistische Operationen begegnet", raunte er den Kommissaren zu. Und "Erdbeeren" seien Handgranaten gewesen. Die Kriminalbeamten waren sicher beeindruckt.

Feyder ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Als Reporter der Regionalzeitung "Stuttgarter Nachrichten" betreibt es der ehemalige Bundeswehroffizier inzwischen beruflich. Sein Chef nennt ihn einen "Glücksfall" für das Blatt. Doch Feyders Sendungsbewusstsein geht über den Kreis seiner Leser weit hinaus, vor allem auf Zuhörer aus den Sicherheitsbehörden scheint er erpicht zu sein.

So lässt sich Feyder allen Gepflogenheiten der Presse zum Trotz immer wieder von Polizei und Justiz als Zeuge befragen. Mehrfach trat er in Terror-Prozessen gegen Islamisten auf. Für weitere Verfahren gegen Syrien-Rückkehrer ist er vorgesehen. Seine Aussagen sind gefragt, weil deutsche Ermittlungsbehörden derzeit nur wenige Möglichkeiten haben, sich ein Bild von den Verhältnissen in dem Bürgerkriegsgebiet zu machen, zugleich aber Hunderte Verfahren führen müssen.

Auch das Oberlandesgericht Stuttgart, das im März 2015 den Dschihadisten Ismail I. und zwei Komplizen für viele Jahre ins Gefängnis schickte, stützte seine Entscheidung auf die Aussage des Journalisten. In seinem Urteil lobte der Senat den Zeugen als "sehr gut informiert" und pries die "hohe Qualität der Angaben".

Fehleinschätzungen und Ungereimtheiten

Dabei gibt es gute Gründe, an Feyders vermeintlichem Wissen zu zweifeln. Nach SPIEGEL-Informationen beinhaltet beispielsweise seine 21-seitige Aussage beim Stuttgarter Staatsschutz über Dienstreisen nach Syrien Fehleinschätzungen und Ungereimtheiten. Beispiele:

  • Feyder berichtete den Kriminalpolizisten, dass die Freie Syrische Armee (FSA) und Dschihadisten gemeinsame Ausbildungslager betrieben hätten. Jahrelange Recherchen des SPIEGEL vor Ort ergeben jedoch ein anderes Bild. Demnach trainierten Islamisten und FSA-Rebellen stets getrennt voneinander.
  • In Feyders Darstellung tragen dschihadistische Kämpfer "in der Regel Tarnbekleidung", was seltsam anmutet. Üblicherweise sind sie in einem sogenannten Shalwar Khameez unterwegs, der afghanisch-pakistanischen Kombination aus weiter Hose und einem Hemd, das bis zum Knie reicht.
  • Ebenfalls fragwürdig erscheinen Feyders Aussagen über einen islamistischen Kommandeur mit dem Kampfnamen Abu Ibrahim. Dessen Einheit habe zum Großteil aus Deutschen bestanden und zunächst mit der Terrormiliz Nusra-Front und später mit dem "Islamischen Staat" (IS) gekämpft. Nach SPIEGEL-Informationen agierte Abu Ibrahim, der im Frühjahr 2013 schwer verwundet wurde, jedoch auf eigene Faust. Seine Truppe bestand aus Syrern.

Insgesamt erscheinen in Feyders Vernehmung jene Tatsachen stimmig, die sich im Netz und aus Gesprächen erfahren lassen. Ungenau wird seine Erzählung an den Stellen, für die vor Ort hätte recherchiert werden müssen. In Sicherheitskreisen hält sich daher das Gerücht, der Reporter habe seine vermeintlichen Erkenntnisse nur aufgeschnappt und nicht selbst erlebt. Trotz intensiver Recherchen in Syrien war es dem SPIEGEL nicht möglich, vor Ort jemanden ausfindig zu machen, der schon einmal von Feyder gehört hatte.

Einen Fragenkatalog von SPIEGEL ONLINE beantwortete der Reporter mit dem grundsätzlichen Hinweis darauf, dass ein Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf die Glaubwürdigkeit seiner Darstellung ausdrücklich betont habe. Alles Weitere wolle er zu einem späteren Zeitpunkt und lieber persönlich erklären. Er freue sich aber, dass dem Thema auf den Grund gegangen werde, so Feyder.

"Sie werden ganz bestimmt beeindruckt sein"

Das aber darf bezweifelt werden. Denn auch Feyders Aussagen vor Gericht und seine Artikel lassen diese Mischung erkennen: Wahres, Halbgares und Falsches. Feyders Masche folgt dabei einem erprobten Muster. "Wenn Sie sich mit einer Sache nicht exzellent auskennen, wird er Ihnen den Eindruck vermitteln, er sei Experte auf dem Gebiet", sagt einer, der ihn lange kennt. "Und Sie werden ganz bestimmt beeindruckt sein." Offenbar geht es auch vielen Ermittlern so.

Der Journalist, der einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr zum zweiten Mal in seinem Leben seinen Namen änderte, trat bereits im Oktober 2004 als Zeuge vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auf. Damals sagte er noch als Franz-Josef Hutsch zu Gunsten des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic aus. Feyders Verschwörungstheorie: Der Krieg um das Kosovo sei die militärische Generalprobe für den Überfall auf den Irak gewesen.

In einem anderen Verfahren vor dem Uno-Gerichtshof versuchte er sich erneut. Doch seine angeblichen Augenzeugenberichte von Kriegsverbrechen in Mazedonien im August 2001 verwies die Kammer in das Reich der Fabeln. Man könne nicht annehmen, so das Gericht, dass der Reporter zu dem behaupteten Zeitpunkt überhaupt in der Gegend gewesen sei. Es gebe weder Belege, die er habe beibringen können, noch habe jemand ihn und sein angeblich so auffälliges Fahrzeug gesehen.

Ein Zeuge mit Fantasie

Ähnlich dann sein Auftritt vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main. In das Verfahren gegen den Islamisten Arid U., der im März 2011 am Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschossen hatte, drängte Feyder in letzter Minute. Dem Gericht berichtete er, seine Recherchen legten nahe, dass U. in einem Terrorcamp im bosnischen Zenica ausgebildet worden sei. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamts konnten das nicht bestätigen. Der Senat urteilte, U.s Aufenthalt in einem solchen Lager sei nicht nachzuvollziehen.

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf sagte Feyder nun in einem Prozess gegen die mutmaßlichen IS-Rückkehrer Sebastian B. und Mustafa C. aus. Wieder erzählte der Journalist von Ausbildungslagern, die er gesehen habe, von einer Kooperation zwischen der Nusra-Front und der FSA, von Kampfgruppen und Checkpoints. "Der Zeuge hat wohl sehr viel Fantasie", so der Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal, der den Angeklagten Mustafa C. vertritt. "Wir haben jedenfalls erhebliche Zweifel, dass er all das wirklich selbst erlebt hat."

Feyder habe angegeben, sagt der Verteidiger, seit 2011 etwa 20-mal in Syrien gewesen zu sein. Jedoch habe er keine Flugtickets etwa in die Türkei vorlegen können oder wollen. Zudem habe der Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", den Günal als Zeugen hatte laden lassen, sich an weniger abgerechnete Recherchereisen Feyders erinnert.

Der Senat will demnächst sein Urteil über die Islamisten B. und C. fällen. Erneut könnten die Feyderschen Erzählungen von Bedeutung sein.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es über die Aussage Feyders im Prozess gegen Arid U.: "Dem Gericht berichtete er, U. sei seinen Recherchen zufolge in einem Terrorcamp im bosnischen Zenica ausgebildet worden." Aus Gründen der Klarstellung haben wir den Satz verändert. Er lautet nun: "Dem Gericht berichtete er, seine Recherchen legten nahe, dass U. in einem Terrorcamp im bosnischen Zenica ausgebildet worden sei."



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