Franz Josef Jung Kochs Standleitung ins Kabinett

Franz Josef Jung hat schon schwere Zeiten hinter sich. Im Frühjahr 2000 musste er als Minister in der hessischen Staatskanzlei zurücktreten, weil in der Schwarzgeld-Affäre der Druck auf ihn zu groß wurde. Jetzt hat der enge Vertraute von Roland Koch gute Chancen, Verteidigungsminister zu werden.

Hamburg - Die hessischen Christdemokraten pflegen ihre ehernen Traditionen, eine davon ist die Weinlese an den Hängen des Rheingaus. Jedes Jahr im Herbst lädt CDU-Fraktionschef Franz Josef Jung Parteifreunde und Journalisten ein, auf dem familiären Winzergut die ein oder andere Bütt zu füllen und bei einem selbst gekelterten Tropfen über Hessen und die Welt zu reden.

Vor einigen Tagen war es wieder so weit, und diesmal wollten alle eigentlich nur eines wissen: Geht Jung nach Berlin? Als er auf Platz eins der hessischen Landesliste für den Bundestag kandidierte, beeilte er sich zu verkünden, für ihn komme nur ein Platz "in der ersten Reihe" in Frage.

Den wird er nun wohl bekommen. Jung hat gute Chancen auf ein Ministeramt, wahrscheinlich an der Spitze des Verteidigungsressorts. Wenn er ins Kabinett einzieht, dann verdankt er das vor allem seinem langjährigen Freund Roland Koch. Der hessische Ministerpräsident, der sich in diesen Tagen betont loyal zu Angela Merkel gibt, hält sich eigentlich für die bessere Besetzung im Kanzleramt. Da er einstweilen keine Chance hat, seinen Lebenstraum zu verwirklichen, bleibt er lieber in Wiesbaden. In die Hauptstadt schickt er seinen Vertrauten, den Franz Josef.

Es ist ein Personalangebot, das Merkel kaum ablehnen kann. Richtig freuen wird sich die designierte Kanzlerin nicht darüber, dass mit einem Minister Jung zugleich eine Standleitung direkt aus dem Kabinett in die Staatskanzlei ihres ehrgeizigsten und talentiertesten Konkurrenten gelegt würde.

Kochs bester Mann?

Ist der 56-jährige Jurist aus dem Rheingau Kochs bester Mann? Auf jeden Fall ist er ihm eng verbunden, im Guten wie im Schlechten.

Ihr gemeinsames annus horribilis war das Jahr 2000. Koch war seit einem Jahr Ministerpräsident, Jung sein Minister in der Staatskanzlei. Nachdem Altkanzler Helmut Kohl bereits seine Spendenaffäre am Hals hatte, kämpfte nun auch die hessische CDU unversehens mit Schwarzgeld-Millionen. Bedrängt von einer SPIEGEL-Recherche traten der frühere Landesvorsitzende Manfred Kanther und sein Nachfolger Koch am 14. Januar die Flucht nach vorn an. Auf einer spektakulären Pressekonferenz erklärten sie, dass die Partei seit Anfang der achtziger Jahre einen illegalen Schatz in der Schweiz und in Liechtenstein gebunkert hatte. Teilweise war das Geld als "Vermächtnisse" getarnt wieder nach Wiesbaden und Frankfurt zurückgeflossen.

Außer Kanther, dem langjährigen Schatzmeister Casimier Prinz zu Sayn-Wittgenstein und ihrem Finanzberater Horst Weyrauch hatte angeblich niemand etwas davon gewusst. Als im Dezember 1999 erstmals kritische Fragen zu den "Vermächtnissen" gestellt wurden, fabulierte die Hessen-CDU in schriftlichen Erklärungen etwas von reichen Juden, die dann und wann ein paar Millionen Mark für die Christdemokratie übrig gehabt hätten. Es war, als die Sache aufflog, ein faustdicker Skandal.

Mittendrin im Spendenskandal

Franz Josef Jung steckte mittendrin. Denn ausgerechnet Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, als besonders viele Schwarzgeld-Millionen unter der Rubrik "Vermächtnis" wieder in den legalen Finanzkreislauf der hessischen CDU eingespeist wurden, war Jung Generalsekretär der Landespartei. Und zufällig leisteten sich die Konservativen unter Jungs Ägide eine stattliche Villa in Wiesbaden als neues Hauptquartier "im Kampf gegen den Sozialismus zu Wasser, zu Lande und in der Luft", wie es damals hieß.

In Zeiten, als die hessische Union noch eine Bastion erzbürgerlicher Tugenden zu sein schien, hatte Jung gelegentlich behauptet, er wisse über alle Interna der Partei bestens Bescheid. Das erwies sich jetzt, Anfang 2000, als unklug. Denn auf einmal stand Jung als Mittäter bei verbotenen und außerdem höchst unappetitlichen Geldgeschäften da, wenigstens aber als Mitwisser.

Er dementierte stets, in Interviews, vor Untersuchungsausschüssen, vor Gericht. Der frühere CDU-Landesvorsitzende und Bundesinnenminister Kanther wurde wegen Untreue verurteilt, aber Jung bleibt dabei: Nein, er habe keine Ahnung gehabt, dass rings um ihn das Schwarzgeld schwappte. Als Generalsekretär sei er in erster Linie für die Politik zuständig gewesen, in zweiter Linie für die Ausgaben. Um Spenden und andere Einnahmen habe er sich nicht gekümmert, so sei es von Kanther angeordnet worden: "Das macht der Prinz" - Schatzmeister Wittgenstein.

Mit Geschick und starken Sprüchen ("brutalstmögliche Aufklärung") lavierten sich Jung und Koch monatelang durch die Affäre, doch irgendwann wurde es selbst der stets treuen und gutgläubigen Hessen-FDP zu viel. Der Koalitionspartner verlangte ein Opfer, nachdem aus den Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft Briefe aufgetaucht waren, die Jung erneut belasteten. Im September 2000 trat er von seinem Ministeramt zurück.

Mitglied im Andenpakt

Ein Versprechen seines Freundes Roland hatte er an diesem Tag schon bekommen: Bei nächster Gelegenheit würde er rehabilitiert. Einen ersten Versuch unternahm Koch im Frühjahr 2002: Er brachte Jung als Wahlkampfmanager des damaligen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber ins Gespräch. Doch Stoiber und Merkel zuckten zurück. Im Jahr darauf, nachdem die Hessen-CDU bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit erobert hatte und damit den Schwarzgeld-Makel weitgehend los war, wurde Jung Fraktionschef in Wiesbaden.

Wenn Jung jetzt in die erste Reihe der Bundespolitik vorstößt, begegnen ihm viele alte Bekannte. Der persönlich umgängliche, im Parlament mitunter scharf und verletzend argumentierende Politprofi ist in der Union sehr gut vernetzt. Im CDU-Vorstand sitzt Jung seit vielen Jahren, und er ist Mitglied im sogenannten Andenpakt, einem einflussreichen christdemokratischen Männerclub.

Mit den Problemen der Militärtechnik, der Nato-Planung oder der Landesverteidigung am Hindukusch hatte der Landespolitiker Jung bisher allenfalls am Rande zu tun. Aber seine Vorgänger waren auch keine Fachleute, als sie ins Amt kamen. Immerhin wäre er nach Peter Struck, Rudolf Scharping und Volker Rühe das erste Mal seit vielen Jahren wieder ein Befehlshaber an der Spitze des Wehrressorts, der wenigstens gedient hat.

Und sollte für Jung dann doch nur das Landwirtschaftsministerium übrig bleiben, hätte das für ihn auch seine Vorteile. Denn von den Sorgen derer, die beim Broterwerb vom Wetter und von Subventionen abhängig sind, versteht er schon etwas. Schließlich ist er Winzersohn.

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