Buch des Ex-SPD-Chefs Müntes Weisheiten

Was macht eigentlich Franz Müntefering? Der Ex-SPD-Chef hat ein Buch geschrieben - über seine Partei, Willy Brandt, Oskar Lafontaine und "Adolfittla".
Franz Müntefering

Franz Müntefering

Foto: Getty Images/ Photothek

Vor knapp zehn Jahren gab er den Posten des SPD-Chefs auf: Franz Müntefering, in der Partei schlicht "Münte" genannt, war Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender, Arbeitsminister und Vizekanzler. 2005 versprach Müntefering seiner Partei noch: "Ich schreibe nie ein Buch. Ich halte nichts von diesen psychopathologischen Bemühungen, alles aufzuschreiben und aufzuarbeiten."

Mittlerweile ist Müntefering 79 Jahre alt - und nun hat er es doch getan: "Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit" lautet der etwas unbestimmte Titel des Buches, das der Ex-SPD-Chef am Montag in Berlin vorstellte. 224 Seiten, dem Vernehmen nach auf seiner geliebten, alten Schreibmaschine getippt.

Das Buch ist vor allem deshalb spannend, weil Müntefering sich - im Gegensatz zu manch anderem Ex-Parteichef - in den vergangenen Jahren mit öffentlicher Kritik an seinen Nachfolgern zurückhielt. Hat er sich die Abrechnung für sein Buch aufgespart? Eher nicht. "Unterwegs" ist ein persönlicher Rückblick, eine Analyse von Politik und Partei im typischen "Münte"-Stil: knappe, nüchterne Sätze ohne Pathos. Lediglich Oskar Lafontaine, einst Gegenspieler von Gerhard Schröder, bekommt von Müntefering persönlich einen mit.

Das steht drin in Müntes Buch:

Kindheits- und Kriegserinnerungen

Müntefering wurde im Januar 1940 geboren, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wegen der Geburt habe sein Vater nicht nach Stalingrad gemusst, so Müntefering, sondern habe mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel im Süden gekämpft. Lakonisch schreibt er weiter: "Ich denke, Krieg ist Krieg, aber auch im Krieg ist warm besser als eiskalt."

Ihm sei als Kind länger bewusst gewesen, "dass dieser Kriegsmist etwas mit Adolfittla zu tun hatte". Erst als Müntefering das Buchstabieren lernte, sei ihm bewusst geworden, dass es sich um einen Mann handelte: "Ich hatte mir darunter was anderes vorgestellt, irgendwas, Adolfittla eben. Keinen richtigen Menschen."

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Müntefering, Franz

Unterwegs: Älterwerden in dieser Zeit

Verlag: Dietz, J H
Seitenzahl: 224
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Preisabfragezeitpunkt

06.02.2023 21.55 Uhr

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In der Nachkriegszeit wuchs Müntefering auf und wurde politisch geprägt. Er habe nicht verstanden, warum man mit "den Amis und den Tommys" Krieg gehabt habe. Die US-Amerikaner schenkten ihm "eine dicke Scheibe weißes Brot oder ein Kaugummi, "sie sagten 'Fackingbasta' zu uns und wir grüßten so zurück. Darüber freuten die sich und lachten."

Münteferings Vater kam im Juni 1946 aus der Gefangenschaft in Bengasi frei. Auf eine geplante Auswanderung nach Jacksonville, Florida, verzichtete die Familie. Als Industriearbeiter würde er schon Arbeit finden, habe der Vater gesagt und ab 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik, habe es auch "wieder hinreichend zu essen" gegeben.

Warum SPD?

Aus Enttäuschung über Willy Brandts Wahlniederlage bei der Bundestagswahl 1965 sei er in die Partei eingetreten, schreibt Müntefering. In seiner ersten Ortsvereinsversammlung habe er erfahren, dass Brandts Zeit nach zwei Niederlagen "endgültig vorbei" sei. Fritz Erler galt als kommender Mann.

Als sich wenig später die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger abzeichnete, sei er dagegen gewesen, so Müntefering, wie die Jusos generell. Er habe auch an die "Baracke in Bonn", so hieß die damalige Parteizentrale, geschrieben - aber keine Antwort bekommen.

Willy Brandt sei dann nach Erlers Tod Anfang 1967 wieder unbestritten gewesen: "Ob wir, wenn Fritz Erler gelebt hätte, Willy je in seiner Bestform gesehen hätten, ist Spekulation." Ihm sei damals bewusst geworden, schreibt Müntefering, wie viel in der Politik von Zufälligkeiten abhängt.

Der Machtwechsel 1998

Spannend ist, wie Müntefering die Zeit nach dem Wahlsieg von Gerhard Schröder beschreibt. Lafontaine weist er dabei die Rolle eines schlechten Verlierers zu. Der damalige SPD-Chef habe 1998 auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, weil Schröder bessere Chancen hatte.

"Als er am Wahlabend dann das Ergebnis sah, wusste er (Lafontaine), dass er nicht mutig genug gewesen war, und meinte: Er hätte auch Helmut Kohl schlagen können. Dann versuchte er, die Wirklichkeit doch noch seinem Wunsch anzupassen. Das war ein schwerer Fehler, bitter für die deutsche Sozialdemokratie, wie sich 2005 endgültig zeigen sollte."

Lafontaine hatte im März 1999 überraschend alle Ämter aufgegeben und fortan die Rolle als ein führender Kritiker von Schröders rot-grüner Regierung übernommen. 2005 wechselte er zur WASG, aus der später im Bündnis mit der PDS die Linkspartei entstand.

Müntefering sieht Lafontaine als Schuldigen der Wahlniederlage 2005. Diese sei ein "Verhängnis" für die SPD gewesen, "hellsichtig-destruktiv eingestielt von einem ehemaligen Parteivorsitzenden. Ohne seine Grätsche hätten wir mit Gerhard Schröder noch ein gutes Jahrzehnt soziale und demokratische Politik machen können."

Die Agenda 2010

Müntefering wurde bei seinem Abgang 2009 für den Absturz der SPD entscheidend verantwortlich gemacht. Hartz IV, Rente mit 67, Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: Für diese unpopulären Entscheidungen steht Müntefering wie sonst nur noch Altkanzler Gerhard Schröder.

Podcast Cover

In seinem Buch verteidigt er die Reformen. Für einige sei die Agenda 2010 zum "wohlfeilen Schimpfwort" geworden, schreibt Müntefering. Aber es habe damals in der Partei klare Mehrheiten dafür gegeben - was manche heute gern verschweigen würden.

Zur Abkehr von Hartz IV, die seine Partei gerade vollzieht, äußert sich Müntefering skeptisch: So wollten manche, die den Begriff Hartz IV erfunden hätten, um das Gesetz zu diskreditieren, die Bezeichnung abschaffen, weil sie diskriminierend sei. "Und so Wahlen gewinnen. Darf man sich wundern?"

Die Krise der SPD

Müntefering beendet sein Buch mit der Krise der Partei. Um sich wieder zu erholen, reiche es für die SPD nicht, lediglich für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Für die große Mehrheit der Bevölkerung sei dies "nicht primär eine Nothilfefrage, sondern eine umfassende Gestaltungs- und Perspektivfrage". Es gehe um Stabilität von Wohlstand, Innovationskraft, Nachhaltigkeit. Im Klartext: Die Sozialdemokratie könne nur wieder Mehrheiten gewinnen, wenn sie wieder Volkspartei sei. Münteferings Kritik: "Die SPD macht sich zu gerne schmal statt breit."

Auch von der immer wieder beschworenen Erneuerung der Partei hält der Ex-Chef wenig. Was sei damit gemeint? Die Grundwerte nicht, das Wahlprogramm nicht, der Koalitionsvertrag auch nicht. Also das Grundsatzprogramm. Das mache die SPD immer wieder mal. "Dass daraus ein Wahlhit geworden ist, habe ich noch nicht erlebt."

Münteferings abschließende Sätze lesen sich wie eine Parteitagsrede - und wie ein Appell an die aktuelle Parteiführung: "Entschlossen handeln. Sammeln und führen. Es gibt Themen und Bedarf. Noch mal: Fangt an!"

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