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Franz Müntefering

Zum Tod von Hans-Jochen Vogel Der Zukunft zugewandt

Franz Müntefering
Ein Gastbeitrag von Franz Müntefering
"Er wollte, dass die Demokratie gelingt": Ex-SPD-Chef Franz Müntefering würdigt seinen kürzlich verstorbenen Parteifreund Hans-Jochen Vogel.
aus DER SPIEGEL 32/2020
Hans-Jochen Vogel (1926-2020)

Hans-Jochen Vogel (1926-2020)

Foto:

Dominik Butzmann / laif

Immer mal wieder rief er an und meldete sich mit diesen Worten: "Guten Morgen. Hier spricht Hans-Jochen Vogel. Die AG 80 plus hat getagt, Erhard Eppler war hier. Ich will dir ein Ergebnis vortragen." Die Telefonate mit ihm führten schnell zu konkreten Fragen und Vorschlägen und zur Bitte um baldige Antwort. Das war 2008/09, ich war ein zweites Mal Parteivorsitzender. Er sprach zu grundsätzlichen und strategischen Dingen, nicht taktisch, nicht über Personen.

Hans-Jochen Vogel und Erhard Eppler waren 1926 geboren. Erhard starb im Oktober 2019, Hans-Jochen am 26. Juli 2020. Viele aus ihrem Jahrgang waren noch im Krieg gefallen. Sie waren Kinder, als die Nationalsozialisten an die Macht gehoben wurden, und noch unter zwanzig, als alles in Schutt und Asche lag. Was für eine Kindheit und Jugend.

Für sie war Politik zu wesentlich, als dass sie ihnen ein Glücksspiel, ein Geschacher um Eitelkeiten, eine papierene Ideologie hätte werden können.

DER SPIEGEL 32/2020

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Als Hans-Jochen Vogel 1960 Oberbürgermeister in München wurde, war unsere neue Demokratie erst elf Jahre alt, aber aus der Trümmerlandschaft wuchs Wohlstandswunderland, gefördert von allen auch als Bollwerk gegen den Kommunismus. Unsere Städte waren dabei, sich neu zu erfinden. Diese konkrete, lebensnahe Aufgabe passte zu Hans-Jochen Vogel, zu seiner Denk- und Arbeitsweise. Und sie prägte ihn. Ideologie und Wolkenschieberei wurden nie seine Sache. Er wollte, dass das Geschehene nicht vergessen wird und dass die Demokratie gelingt.

Sachlich und leidenschaftlich

Er wusste, das Grundgesetz liefert die nötigen Bausteine. Vogel wurde Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Er war Föderalist und Bundes-Kommunal-Minister. Hätte er es lange sein können, wären der Umgang mit Grund und Boden und das diesbezügliche Verfügungsrecht der Kommunen wirkungsmächtiger im Fokus deutscher Politik geblieben. Er wurde bald Bundesjustizminister. Das passte auch zu ihm und war für die SPD und das Land gut. Denn der RAF-Terrorismus baute sich auf. Hans-Jochen Vogel an der Seite Helmut Schmidts in Kompetenz und Verantwortung, sachlich und leidenschaftlich, Orientierung gebend. Vogel wurde zum Anker für vieles und viele, für die ganze SPD.

Vogel, Müntefering beim Festakt zu Vogels 90. Geburtstag 2016 in München

Vogel, Müntefering beim Festakt zu Vogels 90. Geburtstag 2016 in München

Foto: Astrid Schmidhuber/ imago images

1982 verlor Schmidt die Kanzlerschaft an Helmut Kohl, und die Achtziger wurden die Vogel-Jahre. Hans-Jochen Vogel übernahm, aussichtslos, die Aufgabe als SPD-Kanzlerkandidat 1983, folgte Herbert Wehner als Fraktionsvorsitzender und Willy Brandt 1987 als Parteivorsitzender, führte die SPD pragmatisch-zielstrebig durch die Zeit zur deutschen Einheit 1990. Nach der Wahl 1990 wurde er wieder Vorsitzender der Bundestagsfraktion. Angestrebt hatte er das nicht. Das Amt noch einmal zu übernehmen muss Hans-Jochen Vogel viel Überwindung gekostet haben. Denn das von Sozialdemokraten damals kolportierte Wort von den "Sekundärtugenden" – gemeint waren wohl Fleiß, Pünktlichkeit, Korrektheit, Sachlichkeit, mit denen man alles Mögliche betreiben könne, aber nicht programmatische Politik –, dieses böse Wort galt wohl auch ihm und seiner Art. Aber Hans-Jochen Vogel zog den Karren SPD weiter. Bis zum Frühjahr 1991. Die neuen Mitglieder der Fraktion wurden in Gruppen zum "Kennenlern-Gespräch" in Vogels private Wohnung in Bonn eingeladen. Man saß im Kreis, auf Sesseln und Hockern. Lieselotte Vogel hatte eine gute Suppe gekocht und versorgte alle umsichtig (und alle fanden sie freundlicher als ihn). Hans-Jochen Vogel hatte einen Ringblock in der Hand, fragte und befragte und machte sich Notizen.

Der geschäftsführende Fraktionsvorstand tagte oft schon sonntags. An einem dieser Abende Anfang 1991 informierte er uns über seine Absicht, den Fraktionsvorsitz abzugeben. Es war das einzige Mal, dass wir beide uns stehend gestikulierend unterhalten haben. Ich war gegen seinen Rücktritt. Er war 65, kein Alter, schien mir. Aber nun war es so.

Helmut Schmidts Sarkasmus war ihm stets fremd. Schmunzeln, auch über sich selbst, das konnte Hans-Jochen Vogel aber schon. Doch Altersweisheit wurde bei ihm nicht zur Beliebigkeit. Wenn man seine berühmt-berüchtigten Klarsichthüllen, die er als Ausdruck seiner Sachlichkeit immer mit sich trug, mit eigenen Klarsichthüllen bekämpfte, verstand er. Denn er vergaß natürlich auch mal was. Und – in den letzten Jahren – kommentierte er halb ernst die Konsequenzen der Begegnungen der Herren Sütterlin und Parkinson bei ihm.

2009 habe ich Hans-Jochen Vogel ins Willy-Brandt-Haus eingeladen. Er solle im großen Saal zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes den Führungsgremien der SPD dieses Werk noch einmal näherbringen. Das machte er dann auch, und zwar grandios. Auf- und abgehend, mit einem Grundgesetz in der Hand. Zitierend, erläuternd. Begeistert. Und uns begeisternd.

Seit dieser Stunde heißt der große Saal des Willy-Brandt-Hauses, in dem auch die Büste von Helmut Schmidt steht und in dem Bilder von Herbert Wehner hängen, ganz offiziell Hans-Jochen Vogel Saal. Ich hatte den Eindruck, er hat leicht geschmunzelt.

Hans-Jochen Vogel. Immer die Gegenwart gestaltend. Im Kleinen und im Großen. Der Zukunft zugewandt. Europäer. Deutscher. Sozialdemokrat.

Ein stolzes Stück SPD-Geschichte.

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