SPD-Politikerin Franziska Giffey Schaut auf diese Frau

Sie will zurücktreten, sollte ihr der Doktortitel aberkannt werden. Doch SPD-Familienministerin Franziska Giffey macht in diesem Sommer nicht den Eindruck einer Gescheiterten - im Gegenteil.

Franziska Giffey auf Sommertour, hier in Eisenhüttenstadt
Patrick Pleul/ DPA

Franziska Giffey auf Sommertour, hier in Eisenhüttenstadt

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Es scheint auf den ersten Blick so, als habe Franziska Giffey ihrer politischen Karriere den Stecker gezogen. Gerade erklärte die frühere Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln und derzeitige Familienministerin, nicht für den SPD-Vorsitz kandidieren zu wollen. Und: Sie werde ihr Ministeramt aufgeben, sollte sie ihren Doktortitel verlieren. Der befindet sich nach Plagiatsvorwürfen noch in der Prüfung.

Die Aberkennung des Doktortitels hat in der Vergangenheit das Ende hoffnungsvoller oder langer Politikkarrieren bedeutet: CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg musste genauso gehen wie CDU-Bildungsministerin Annette Schavan. Und nun Giffey?

Offensiv angekündigte Buße

Tatsächlich ist ihr Fall auf den zweiten Blick ganz anders gelagert. Denn Giffey könnte zwar ihr Ministerium verlieren, danach aber in ihrer Polit-Karriere neu durchstarten.

Die Rücktrittsankündigung war ein kluger Schachzug: Giffey zeigt für den Fall der Fälle schonmal den Verzicht an - um den sie ohnehin kaum herumkäme, sollte sie ihren Titel verlieren. Siehe Guttenberg und Schavan. Sie kündigt offensiv den möglichen Bußgang an. Danach, das ist ja das schöne an der Buße, ist der Mensch frei für den Neubeginn.

Und der könnte für Franziska Giffey in ihrer Heimatstadt liegen. Denn Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller ist politisch angeschlagen. Es ist gegenwärtig nur schwer vorstellbar, dass die SPD bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2021 erneut mit ihm an der Spitze ins Rennen gehen wird. Vielleicht könnte Giffey schon rechtzeitig vorher übernehmen?

Alles Spekulation, klar. Aber die Gerüchte begleiten Giffey jetzt, seitdem sie vor eineinhalb Jahren von der Kommunal- in die Bundespolitik gewechselt ist. Und ausgerechnet der Ärger um ihre Doktorarbeit, der mögliche Verlust des Ministeramts macht dieses Berlin-Szenario nicht gerade unwahrscheinlicher.

Auf ihrer Sommerreise, die sie in der vergangen Woche hauptsächlich durch Sachsen und Brandenburg führt, gibt sich die Ministerin dementsprechend auch nicht wie eine, die vorm Karriereende steht. Ganz im Gegenteil. Sie macht Witze, lächelt viel, ist beinah überschwänglich optimistisch. Und das kommt an bei den Leuten.

  • In brandenburgischen Eisenhüttenstadt geht sie stracks auf die Terrasse einer Bäckerei und fragt einen etwas überfordert wirkenden Herrn, was sie denn an den Kabinettstisch mitnehmen könne?
  • Im sächsischen Radebeul kauft sie im Rahmen eines Stadtprojekts gemeinsam mit drei älteren Damen ein. Eine andere Frau bleibt stehen. Giffey, sagt sie, sei eine ganz tolle Frau. Nicht so hochnäsig. Das mit der Doktorarbeit sei ihr wurscht. Schließlich wisse man doch nicht, welche Fehler sie genau gemacht hat. "Sie kommt von der Basis, sie hat schon alles erlebt", sagt sie. Giffey erkundigt sich währenddessen nach den Einkaufsvorlieben der Damen und ob der Markt die Ostprodukte noch immer im Sortiment führe: Nudossi, Knusperflocken, Spreewaldgurken.
  • Beim Chemiekonzern Wacker im sächsischen Nünchritz unterhält sie sich mit einer alleinerziehenden Mutter. Die sagt, ihr Sohn sei stolz darauf, dass die Mutter die Familienministerin treffe. Giffey macht mit ihr noch ein Foto.

Giffey ist nahbar wie wenige Politiker in Deutschland. Und sie ist machtbewusst, bedient ein breites Wählerpublikum.

Mit ihrer Law-and-Order Politik, mit der sie sich als Neuköllner Bürgermeisterin profilierte, kann sie auch in einem konservativen Milieu punkten. Sie setzt einen Schwerpunkt auf Menschen, die arbeiten, aber dennoch zur unteren Mittelschicht gehören: klassische SPD-Klientel. Im Gegensatz zu den Grünen verliert sie sich fast nie in der verklausulierten Sprache der Intellektuellen.

Und sie versucht, Menschen zurückzugewinnen. Ihre Sommerreise steht unter dem Motto: Warum wählen so viele Menschen im Osten Deutschlands die AfD? Es ist auf ihren Stationen ihre häufigste Frage an die Bürger. Sie versucht zu ergründen, warum der Osten tickt, wie er tickt. Giffey selbst kommt aus Brandenburg, erzählt von ihren Wendeerfahrungen.

Und Berlin? Da hat sie die kommunalen Probleme offenbar weiterhin im Blick. Sie wünsche sich, sagt Giffey, dass die U-Bahn-Linie 7 auch bis zum künftigen Flughafen BER fahre: "Unter dem Motto: Ein Hauptstadtflughafen braucht auch eine Hauptstadtanbindung."

Klingt ja schon nach Bürgermeisterin.



insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
Galluss 24.08.2019
1. Diese Politikerin sitzt noch,
nachdem ihr längst der Stuhl weggezogen wurde.
jkru 24.08.2019
2. Klugscheisser-Modus
Es heißt "die Klientel".
Ottokar 24.08.2019
3. Weitermachen Frau Giffey
Auch ohne Dr.Titel sind Sie sehr vielen Menschen sympathisch.
marcnu, 24.08.2019
4. Durch Abschreiben bei der Doktorarbeit kann man sogar
Verteidigungsministerin und Präsidentin der Europäischen Kommission werden, auch wenn es herauskommt.
ilk 24.08.2019
5. ...Was ist bisher passiert
Beiseite Ihrer Ernennung kann ich mich nicht an eine sinnvolle Aktion der Frau erinnern. ..oder war da was?
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