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Markus Feldenkirchen

Doktortitel und Spitzenpolitiker Frau Giffeys Jodeldiplom

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Andreas Scheuer hat nachdrücklich bewiesen, dass schlampige Politik schlimmer ist als eine schlampige Doktorarbeit. Auf Leistungen und Inhalte kommt es an. Auch bei Franziska Giffey.
aus DER SPIEGEL 21/2021
Berliner SPD-Spitzenkandidatin Giffey

Berliner SPD-Spitzenkandidatin Giffey

Foto:

AXEL SCHMIDT/ REUTERS

Nachdem sich angedeutet hatte, dass die Freie Universität Berlin ihr den Doktortitel bald aberkennen könnte, ist Franziska Giffey in dieser Woche als Bundesfamilienministerin zurückgetreten. Nun steht die Frage im Raum, ob sie Spitzenkandidatin der SPD für die Wahl in Berlin bleiben kann.

CSU-Generalsekretär Markus Blume, in moralischen Fragen stets eine Instanz, hält den Rücktritt als Ministerin für ebenso »zwingend wie konsequent«. »Weniger konsequent ist dagegen, dass sie an ihrer Spitzenkandidatur für die Abgeordnetenhauswahlen in Berlin festhält.«

Dass Blumes Parteifreund Andreas Scheuer seinen Doktortitel (erworben an der Prager Karls-Universität) wegen verschärfter Abkupferei schon länger nicht mehr führt und trotzdem seit Jahren das Bundesverkehrministerium, nun ja, leitet, erwähnte Blume übrigens nicht. Auch nicht, was die »Welt« über Scheuers Arbeit schrieb: »Ein Sammelsurium aus stets wiederkehrender Parteipropaganda, umständlich formulierten Banalitäten, abseitigen Besinnungsaufsätzen und orthografischer Originalität – kurzum: ein wissenschaftlicher Witz.«

Jeder, der sich jetzt zum moralischen Scharfrichter aufplustert, könnte das Pfingstwochenende vielleicht nutzen, um die verstaubte Kiste mit der eigenen Magister- oder Doktorarbeit zu suchen – und mit seiner eigenen Zitiertechnik in Klausur gehen. Dann lässt sich danach noch schärfer richten. Oder auch nicht.

Die Hauswartmentalität ist genauso verstörend wie die Schludrigkeit mancher Doktoranden.

Ich bin mir auch nicht sicher, was Menschen antreibt, die Wochen oder Monate ihrer Freizeit opfern, um die Fußnoten anderer Leute mit der Lupe abzusuchen. Gewiss geschieht all das nur, um einer Verwässerung wissenschaftlicher Standards im Lande vorzubeugen. Aber irgendwie werde ich den Verdacht nicht los: Wer das macht, ruft auch die Polizei, wenn eine Minute nach Beginn der Nachtruhe noch ein Hammergeräusch aus der Nachbarwohnung kommt. Diese Hauswartmentalität ist mindestens so verstörend wie die Schludrigkeit mancher Doktoranden.

Ob Franziska Giffey nun einen Doktortitel oder ein Jodeldiplom besitzt, ist für mich als Bürger und (Berliner) Wähler nicht entscheidend. Ich habe andere Probleme mit Giffey. Als Familienministerin hätte sie sich in der Pandemie viel stärker um die Probleme von Kindern und Familien kümmern sollen. Auch ihre Pläne für die Hauptstadt finde ich seltsam. Wer allen Ernstes eine weitere Autobahn mitten durch die Stadt planieren will, hat von Klimaschutz und menschenfreundlichen Innenstädten noch nicht viel gehört. Eine Kandidatin, die sich mit Law-and-Order-Pose um den Otto-Schily-Gedächtnispreis bewirbt und kein Interesse an einem modifizierten Mietendeckel zeigt, finde ich ebenfalls wenig attraktiv. Ob seltsame Positionen mit oder ohne Doktortitel vertreten werden, ist mir ziemlich schnuppe.

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