Sabine Rennefanz

Frauen auf dem Arbeitsmarkt Papa verdient die Kohle, Mama kümmert sich

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Längere Arbeitszeiten, späterer Renteneintritt: Die Debatte darum scheint in Deutschland von Männern für Männer geführt zu werden. Wo bleibt der politische Ehrgeiz, die Frauenerwerbstätigkeit zu steigern?
Metallbauerin im Betrieb: In kaum einem europäischen Land arbeiten so wenig Frauen wie in Deutschland

Metallbauerin im Betrieb: In kaum einem europäischen Land arbeiten so wenig Frauen wie in Deutschland

Foto: K. Schmitt / Fotostand / IMAGO

Wieder mal typisch Deutschland, dass die Diskussion um längere Arbeitszeiten und Personalmangel bisher komplett ohne die entscheidende Bevölkerungsgruppe geführt wird: die Frauen. Vor allem Mütter sind in Deutschland so wenig auf dem Arbeitsmarkt präsent wie kaum sonst irgendwo in Europa. Viele von ihnen würden gern mehr erwerbsarbeiten, können es aber aus verschiedenen Gründen nicht. Das ist der blinde Fleck in der Debatte über Mehrarbeit, die bisher vor allem von westdeutschen mittelalten Männern geführt wird.

Den Anfang machte Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Industrie, der eine Verlängerung der allgemeinen Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden forderte. Erwartungsgemäß stimmte FDP-Chef Christian Lindner zu , kürzlich nahm der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel die Idee auf. Der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf, sprang ebenfalls auf und forderte die Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre.

Dass es an Arbeitskräften mangelt, ist bekannt. Wenn ich durch Berlin laufe, sehe ich fast an jedem Laden das Schild »Mitarbeiter/in gesucht«. Aber wer einfach einen Soundbyte hinwirft und sagt, wir alle müssten mehr und länger arbeiten, macht es sich zu einfach. Forderungen wie diese sind weder praktikabel noch zeitgemäß. Außerdem sind sie frauen- und familienfeindlich.

Denn wenn alle mehr arbeiten, wer kümmert sich dann um die Kinder und die Alten? Über 70 Prozent der unter Dreijährigen in Westdeutschland werden zu Hause überwiegend von ihren Müttern betreut, um vier von fünf Pflegebedürftigen kümmern sich Angehörige, auch meistens Frauen. Wer soll das machen, wenn alle arbeiten? Und was macht das mit der mentalen und physischen Gesundheit?

Haben die Herren, die mehr Schuften für alle fordern, schon vergessen, was wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren kollektiv gelernt haben über die Bedeutung von Hausarbeit und das Kümmern um Kranke, Alte und Kinder? Als die staatliche Betreuung plötzlich wegfiel – sei es wegen Kita- und Schulschließungen oder Quarantänen – waren es überwiegend die Frauen, die mehr Fürsorge und Betreuung übernommen haben. Mit drastischen Folgen für den Arbeitsmarkt: Jede fünfte Frau hat laut Hans-Böckler-Stiftung im Januar 2022 ihre Arbeitsstunden reduziert (nur fünf Prozent der Väter taten das). Frauen ziehen sich also wegen der Doppel- und Dreifachbelastung vom Arbeitsmarkt zurück. Womöglich ist das auch ein Grund für den Arbeitskräftemangel, das müsste man noch mehr untersuchen.

Wer jetzt Mehrarbeit fordert, ohne Maßnahmen, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen, empfiehlt im Prinzip eine Rückkehr zum traditionellen Rollenmodell: Papa verdient die Kohle, Mama kümmert sich zu Hause um alles. Welche desaströsen finanziellen Folgen das westdeutsche Alleinverdienermodell für Frauen hat, vor allem, wenn die Ehe nicht hält, ist dokumentiert. Wer das dennoch fordert, macht sich zum Sprachrohr eines antifeministischen Backlashs.

SPD-Mann Gabriel könnte es besser wissen, er ist in zweiter Ehe verheiratet mit Anke Stadler, Zahnärztin aus Magdeburg. Im Osten Deutschlands wusste man wie auch in Frankreich, Schweden oder Dänemark besser, was es braucht, um Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Die DDR war kein feministisches Paradies und es geht auch nicht darum, die Diktatur zu verharmlosen. Es geht um die ökonomischen Fakten.

Vor 73 Jahren standen die ostdeutschen Staatsgründer vor ganz ähnlichen Problemen wie heute: Es fehlte nach dem Krieg an Arbeitskräften, um den neuen Staat aufzubauen. Schon in der sowjetischen Besatzungszone gab es ein Förderprogramm, das Frauen in die Fabriken holen sollte. 1960 wurde eine Frauenkommission beim ZK der SED eingerichtet, die sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf befassen und die Einrichtung von Kindertagesstätten generalstabsmäßig planen sollte. Eine jüdische Kommunistin aus Wien, Eva Schmidt-Kolmer, baute das Krippensystem auf.

In der Bundesrepublik leitete von 1953 bis 1962 ein Mann namens Franz-Josef Wuermeling das Ministerium für Familienfragen, und sagte Sätze wie: »Das Mutterwirken ist durch nichts zu ersetzen.« Bis in die Siebzigerjahre brauchten westdeutsche Frauen eine Genehmigung ihres Mannes, um eine Stelle annehmen zu dürfen.

Selbst Staatschef Erich Honecker mahnte 1971 bereits: »Ohne die wachsende Mitarbeit der Männer in der Familie etwa gering schätzen zu wollen – die Hauptlast liegt immer noch bei der Frau.« Im Jahr 1976 wurde ein bezahltes Babyjahr für Frauen eingeführt – ein Vorläufer der Elternzeit.

Nicht alles lief perfekt, es wurden Fehler gemacht. Das Wochenkrippensystem musste zurückgefahren werden, weil die Kinder sich darin nicht gut entwickelten. Ende der Achtzigerjahre wurden die Eingewöhnungen verändert, weil sich Kleinkindpsychologinnen verstärkt mit der Bindungstheorie befassten .

Die DDR-Politik schuf eine größere ökonomische Unabhängigkeit von Frauen und die Selbstverständlichkeit, sein eigenes Geld zu verdienen. Bis heute handelt es sich zwischen Ost und West um geteilte Länder, was Frauenerwerbstätigkeit angeht: Während im Osten 51 Prozent der Mütter spätestens 15 Monate nach der Geburt wieder in Beschäftigung sind, sind es im Westen nur 36 Prozent. Ostdeutsche Mütter beginnen mit im Schnitt 16 Stunden pro Woche, westdeutsche Mütter mit nur 8,5 Stunden. Westdeutsche Frauen kommen kurz vor dem 18. Geburtstag des Kindes auf ein Arbeitsvolumen von 22 Wochenstunden, ostdeutsche Frauen erreichen das, wenn ihr Kind etwa drei Jahre alt ist. All die Zahlen stammen vom Arbeitsmarktexperten Michael Behr, der lange für die Uni Jena arbeitete und inzwischen im Thüringer Arbeitsministerium tätig ist.

Behr sagt auch, dass bei westdeutschen Müttern von Jahr zu Jahr die Einkommenslücke im Vergleich zu ihren Männern wachse, karrieretechnisch würden sie oft abgehängt. Im Osten sei der Gender Pay Gap mit sechs Prozent wesentlich geringer als im Bundesdurchschnitt, achtzehn Prozent.

Frauen haben in den vergangenen Jahren viel aufgeholt, besonders Mütter mit kleinen Kindern würden gerne mehr arbeiten, es klappt aber nicht, weil die Versorgung fehlt. Besonders im Westen Deutschlands fehlt es an Kita- und Hortplätzen. Erst 2026 soll es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung geben. Im ganzen Land fehlen Erzieherinnen und Lehrerinnen.

Die Letzte, die Ehrgeiz beim Ausbau von Betreuungsplätzen zeigte, war die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, die von 2005 bis 2009 das Familienministerium leitete. Auf ihren Erfolgen ruht sich das Ministerium bis heute aus. Diesen Dienstag trat eine neue EU-Regelung in Kraft, die berufstätigen Vätern in der EU zehn Tage Urlaub zugesteht. Deutschland setzt das aber erst später um, weil die deutschen Regelungen angeblich darüber hinausgehen. Damit widerspricht das Familienministerium dem Koalitionsvertrag der Ampel, der eine 14-tägige Freistellung beider Elternteile nach der Geburt anstrebt.

Und mal ganz ehrlich, vor 15 Jahren war die Einführung der Vätermonate revolutionär, aber die Zahlen zeigen auch, dass die Revolution gescheitert ist. Rollenmodelle haben sich längst nicht so verändert, wie man sich das erhofft hatte. Die Zahl der Väter, die bereit sind, für ihr Kind auch Karriereeinschnitte hinzunehmen, so wie viele Frauen das tun, ist immer noch sehr gering. 75 Prozent der Väter nehmen nach der Geburt eines Kindes nur für die üblichen zwei Monate Elternzeit, die man beantragen muss, um die volle Summe des Elterngelds ausgezahlt zu bekommen. Die Mehrheit der Väter – rund 60 Prozent – nimmt laut Väterreport 2021 gar keine Elternzeit.

Dänemark hat die Neuregelung der EU genutzt, eine paritätische Elternzeit einzuführen. Warum macht man das in Deutschland nicht auch: Bezahlte Elternzeit gibt es nur, wenn jeder Partner zum Beispiel vier Monate nimmt? Das löst die Arbeitsmarktprobleme nicht komplett, würde aber verhindern, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes so stark wie bisher zurückstecken und in der Folge häufig benachteiligt werden.

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