Frauen und Macht "Die Männer haben etwas zu verlieren"

Warum gibt es immer noch so wenige Frauen in der Politik? Autor Torsten Körner hat in der Bonner "Männer-Republik" nach Antworten gesucht - und erklärt, wie hartnäckig sich Ressentiments gegen mächtige Frauen halten.
Ein Interview von Milena Hassenkamp
Nur Frauen in der Führung: Fraktionsspitze der Grünen im Jahr 1984 in Bonn

Nur Frauen in der Führung: Fraktionsspitze der Grünen im Jahr 1984 in Bonn

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Hermann J. Knippertz/ AP

Als Mann über Frauen zu schreiben - dem haftet immer noch etwas paternalistisches an. Wenn es um Frauen und Gleichberechtigung geht, dann schreibt meistens eine Frau. Der Dokumentarfilmer und Autor Torsten Körner hat es in seinem Buch "In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten" trotzdem versucht. Körner hat sich dafür die Erfahrungen von Politikerinnen aus jener Zeit angehört, in der das Land noch von Bonn aus regiert wurde. Er schreibt die Geschichte der Bundesrepublik aus weiblicher Perspektive.

Körner erzählt von Elisabeth Schwarzhaupt, der ersten Bundesministerin der Bundesrepublik. Von der Abgeordneten Lenelotte von Bothmer, die als erste Frau einen Hosenanzug im Bundestag trug und damit eine neue Kleiderordnung durchsetzte. Vom Feminat, dem rein weiblichen Vorstand der Grünen. Von Rita Süssmuth, Petra Kelly und all den anderen Frauen, die sich gegen Sexismus, Vergewaltigung in der Ehe und für eine stärkere Rolle von Frauen auf der politischen Bühne eingesetzt haben.

Die Geschichten dieser Frauen vermitteln einen Eindruck davon, warum Frauen in wichtigen Machtpositionen bis heute unterrepräsentiert sind. Die Begegnungen und Erfahrungen des Autors flossen auch in seinen Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" ein. Im Interview erklärt Torsten Körner, was sich seit den Bonner Zeiten verändert hat - und wo die Ressentiments gegen weibliche Politiker noch immer aktuell sind.

SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie Szenen, da wird einem fast schlecht: Frauen müssen dafür kämpfen, dass sie als Frauen angesprochen werden, sie müssen sich Sätze anhören wie: "Mit dir will doch eh keiner pennen." Und werden kritisiert dafür, dass sie sich dagegen wehren, dass ein Parteikollege sie am Busen begrapscht hat - im Bundestag. War das normal für die Achtzigerjahre?

Körner: Es wurde lange Zeit mit allen Mitteln versucht, die selbstverständliche Fraglosigkeit von Frauen im politischen Raum zu hintertreiben. Die Männer fragten sich damals: Was will Frau hier eigentlich? Die Frau musste ihren eigenen Körper als politische Angriffsfläche erst überwinden, um zur Politik vorzudringen. Sah sie zu gut aus, stand sie unter Verdacht. Sah sie nicht gut aus, war das ein Malus. Und es waren immer die Männer, die definierten, ob Frau gut aussah oder nicht. Hatte sie keine Kinder, war das ein Thema. Hatte sie welche, galt sie in der Politik als Rabenmutter. Eine Zeit lang war reine Machtorientierung von unverheirateten Frauen sofort mit Ressentiments verbunden. Es hieß dann: 'Die ist eine Lesbe.'

SPIEGEL: Eine andere Szene aus dem Bundestag: Männer reagieren mit lautem Gegröle auf die Rede einer Frau, die über den Abtreibungsparagrafen spricht. Wäre sowas heute noch denkbar, wenn über das Werbeverbot gegen Abtreibungen diskutiert wird?

Körner: Als Waltraud Schoppe am 5. Mai 1983 eine Rede über Sexismus hält, sitzt ihr gegenüber ein formierter Männerblock vor allem aus CDU und CSU, aber auch aus der FDP, der sie mit vielen verletzenden, frauenfeindlichen Sprüchen überzieht. Damit entlarvt Schoppe die Männer in gewisser Weise. Was heute in den Parlamentsdebatten teilweise Frauen entgegenschlägt, ist immer noch hart. Und die AfD bildet auch so einen grölenden, frauenfeindlichen Block. Aber diese vollkommen schamlose Art von Sexismus, wie Frau Schoppe ihn erlebt hat, kann sich eigentlich kein Mann mehr heute im Bundestag erlauben.

SPIEGEL: Also sind Frauen heute mit den Männern in der Politik auf Augenhöhe?

Körner: Rhetorisch und fachpolitisch sind sie auf Augenhöhe, machtpolitisch sicher nicht. Es gibt subtilere Formen der Diskriminierung. Frauen reden deutlich weniger im Bundestag, sie werden bei der Vergabe von Posten übergangen. Mich erstaunt gerade, mit welcher blitzartigen Selbstgewissheit drei oder vier Männer Frau Kramp-Karrenbauer beerben wollen. Wo sind die Frauen?

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Körner, Torsten

In der Männer-Republik: Wie Frauen die Politik eroberten

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 368
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Preisabfragezeitpunkt

07.12.2022 15.26 Uhr

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SPIEGEL: Äußerte sich die subtilere Form der Diskriminierung auch im Umgang mit der früheren SPD-Chefin Andrea Nahles, die für ihre Emotionalität öffentlich gegeißelt wurde? 

Körner: Ja. Und dabei war Andrea Nahles eine extrem gute Rednerin im Bundestag, eine der begabtesten und professionellsten Politikerinnen ihrer Generation - wenn man sie losgelöst von den Momenten betrachtet, in denen sie lächerlich gemacht wurde. Dafür tragen Medien und Partei eine Mitverantwortung. Es wurden Momente herausgegriffen wie ihr Lied beim politischen Aschermittwoch, und diese Momente sollten dann Beleg dafür sein, dass diese Frau Politik nicht kann. Die Politik insgesamt ist im Würgegriff der Momentifizierung.

SPIEGEL: Warum wird mit Frauen heute immer noch so umgegangen?

Körner: Das ist eine Machtfrage. Auch Ursula Männle, die frühere Bundestagsabgeordnete der CSU, sagt das in unserem Film: 'Die Männer haben etwas zu verlieren.' Es geht um Listenplätze, um Direktmandate, um Machtteilhabe. Wenn man sich auf Parität oder auf Quoten einlässt, gibt man freiwillig ein Stück Macht aus der Hand. Frau Männle sagt aber auch  - und da bin ich bei ihr - gemeinsam erreicht man mehr.

SPIEGEL: Müsste diese Angst vor der Macht der Frauen nicht spätestens mit einer Bundeskanzlerin Angela Merkel überwunden sein?

Körner: Diese Angst ist nicht so leicht aus den Köpfen herauszubekommen: Es ist ein wirklich Jahrtausende altes Ressentiment, wenn Männer Frauen Macht- und Gestaltungsansprüche nicht zutrauen. Das zeigt sich in den Diskussionen um mehr Frauen im Bundestag oder auch bei den Direktkandidaturen in den Wahlkreisen, wo vor allem in der Union noch immer deutlich mehr Männer antreten. Und es zeigt sich auch im Umgang mit Annegret Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin von Angela Merkel. Für viele Männer gerade im konservativen Lager war der Gedanke unerträglich: Schon wieder eine Frau als Kanzlerin?!

SPIEGEL: Ein anderes Beispiel dafür, dass Frauen die Macht weniger zugetraut wird, ist aus Ihrer Sicht die Doppelspitze der Grünen: Robert Habeck wird immer wieder als natürlicher Kanzlerkandidat wahrgenommen, während Annalena Baerbock im Hintergrund bleibt. Wie ist diese Wahrnehmung zu erklären?

Körner: Das hat viel mit Projektionen zu tun. Habeck bedient eine große Sehnsucht nach Charisma. Was ich der Titelgeschichte, die der SPIEGEL über Habeck gemacht hat , im Buch vorwerfe ist, dass überhaupt nicht gefragt wird, welchen Anteil denn Baerbock am Erfolg der Grünen und am Glanz des Robert Habeck hat? Letztlich stehen die Grünen auch deshalb so gut da, weil diese Doppelspitze als politische Resonanzpartnerschaft fantastisch funktioniert. Die Wahrnehmung Habecks als natürlicher Kanzlerkandidat ist eine Verlängerung von Frauen ausschließenden Praktiken in die Gegenwart hinein.

SPIEGEL: Frauen wie Baerbock lassen das aber nicht ohnmächtig geschehen.

Körner: Das stimmt. Annalena Baerbock hat beim Grünen-Parteitag in Bielefeld eine mitreißende Rede gehalten, in der sie einen Nachteil, den man Frauen immer zugeschrieben hat, thematisierte: Dass man als Frau schnell darauf reduziert werde, die eigene Stimme oder ihre Emotionen nicht zu beherrschen. Das war eine souveräne Entkräftung eines Stigmas, das Männer definieren.

SPIEGEL: Was bewirkt so eine Rede?

Körner: Plötzlich wurde in den Medien auch die Frage angedacht: Hey, kann diese Frau nicht auch Kanzlerin? Wichtiger aber sind mittelfristig die gesellschaftlichen Resonanzen: Auch Politikerinnen können charismatisch sein, auch Politikerinnen können eine Machtaura entfalten und einen Parteitag rocken. Joschka Fischer hat einmal gesagt, er sei der letzte Live-Rock-'n'-Roller, nach ihm käme nur noch Playback. Das war natürlich auch eine männliche Grandiositäts-Hit-Single. Mittlerweile hat auch Joschka Fischer gemerkt, dass er daneben lag.

SPIEGEL: Vor Kurzem demonstrierten zwei Frauen auf eine andere Weise, was sie von den Machtansprüchen bestimmter Männer halten - durch ihre Gesten. Nancy Pelosi zerriss das Redemanuskript von US-Präsident Donald Trump. Die Fraktionschefin der Linken in Thüringen, Susanne Henning-Welsow, warf dem zum Ministerpräsidenten gewählten Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße.

Körner: Das sind zwei Frauen, die begriffen haben: Wenn ich mich auf einer medialen globalen Bühne bewege, dann muss ich ein starkes, sichtbares Zeichen setzen. Mit diesem Zeichen halte ich gegen diesen Unsinn, den der Mann, also Trump, in seiner Rede verzapft. Natürlich provozieren solche Aktionen auch Kritik, weil sie konfrontativ sind. Das Wegwerfen des Blumenstraußes ist ähnlich doppeldeutig. Es visualisiert ein Skandalon. Man kann diese Tabubrüche, das Zerreißen des Redetextes und das zu Boden werfen des Blumenstraußes kritisieren, aber frauenpolitisch sind beide Gesten wichtige Bezugspunkte. Diese Politikerinnen haben machtvolle Bilder geschaffen, die ins Bildgedächtnis eingehen, Bilder, die ganz plastisch ausdrücken: Die Geduld der Frauen darf nicht länger die Macht der Männer sein. 

SPIEGEL: Braucht es mehr solcher demonstrativen Gesten? Oder welchen Weg empfehlen Sie, um das Ende der politischen "Männer-Republik" zu erreichen?

Körner: Solche Gesten sollte man nicht kalkulieren und ein wirksames strategisches Instrument sind sie nicht, eher situative Entladungen. Wünschen würde ich mir, dass die Parlamentarierinnen im Bundestag die parteipolitische Blockade überwinden und interfraktionell stärker zusammenarbeiten bei Fragen wie dem Paritätsgesetz. Aber jetzt sind vor allem die Männer gefragt: Sie müssen lernen, dass Demokratien absterben, wenn Frauen systematisch ausgeschlossen werden und weltweit reaktionäre Idyllen von sogenannten starken Männern beschworen werden. Die Idee des "starken Mannes" ist der Problembär der Demokratie.

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