Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die deutsche Sarah Palin

Die Wutbürger haben sich eine neue Chefin gewählt. Frauke Petry steht nun also den schlecht Gelaunten mit der nachlassenden Libido vor. Sie ist genau die Richtige: eine Frau für Menschen mit Bestrafungsfantasien.
AfD-Chefin Frauke Petry: Eine Nacht im Gefrierfach

AfD-Chefin Frauke Petry: Eine Nacht im Gefrierfach

Foto: REUTERS

Deutschland hat jetzt seine eigene Sarah Palin. Frauke Petry kommt nicht aus Alaska, sondern aus Schwarzheide in der Niederlausitz, aber das läuft auf dasselbe hinaus. Wie die amerikanische Königin aller Fox-News-Fans verfügt auch die Frau aus dem deutschen Osten über die Fähigkeit, unter ihren Anhängern glühende Gefolgschaft zu stiften. Die AfD ist gelegentlich mit der Tea Party verglichen worden. Seit der Wahl von Petry zur Vorsitzenden ist klar, dass an dem Vergleich mehr dran sein könnte, als man dachte.

Damit man mich nicht missversteht: Ich hatte immer ein Faible für Palin. Frauen, die an Gott, ihr Land und die Jagd glauben, können einen nicht kalt lassen, wie ich finde. Auch Petry verfügt über einen untadeligen Killerinstinkt. Anders als ihr Vorgänger hat sie auch keine Skrupel, sich mit Leuten einzulassen, für die sich Menschen, die ihr Leben in der akademischen Welt zugebracht haben, zu schade sind. Bernd Lucke sollen bei seinem Abgang die Tränen in den Augen gestanden haben. Wenn Petry weint, dann aus Ärger, dass es überhaupt so lange gedauert hat, den braven Wirtschaftsprofessor aus Hamburg aus dem Weg zu räumen.

Am Grunde der AfD liegt das Ressentiment. Das unterscheidet sie von Volksparteien, die bei allem Ärger über die Zumutungen des Alltags immer auch eine positive Idee für die nächsten vier Jahre entwerfen müssen. Man kennt diese Leute, denen plötzlich die Stimme vor Zorn zittert, wenn Sie über Dinge reden, die ihnen am Herzen liegen. Wer einen vergnüglichen Abend verleben will, ist gut beraten, einen weiten Bogen um sie zu schlagen. So ist auch der typische AfD-Anhänger: immer auf der Kippe, alle Zurückhaltung zu verlieren, um dann sehr, sehr intensiv zu werden.

Wohin der AfDler blickt, sieht er nach unten

Die Wut, aus der sich die AfD speist, simmert schon länger. Bislang hatte sie nur kein politisches Vehikel. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit Thilo Sarrazin in der Münchner Reithalle im September 2010 kurz nach Erscheinen seines Buches "Deutschland schafft sich ab". Auf dem Podium saßen außer Sarrazin der Münchner Soziologe Armin Nassehi, den schon sein Name verdächtig machte, und mein Freund Gabor Steingart vom "Handelsblatt". Da der Abend als Diskussionsveranstaltung angekündigt war, versuchten die beiden schwungvoll ihre Gegenpunkte zu setzen. Es ging nicht lange gut.

Schon nach wenigen Gegenargumenten begannen die Ersten im Publikum zu pfeifen und zu johlen. "Holt die beiden da runter", rief hinter mir ein Mann. Als ich mich umdrehte, erkannte ich einen Herrn mit Tweed-Sakko, der mir am Eingang verschwörerisch zugelächelt hatte. Mit dem Begriff Wutbürger sind die Emotionen, die bei manchen Leuten abrufbar sind, die sich als Inbegriff des Bürgertums sehen, nur unzureichend beschrieben.

Der typische AfDler ist um die 60, in erster Ehe verheiratet, eher gut situiert, mit Portfolio bei der Commerzbank und Eigenheim in Hanglage, aber da beginnt vermutlich das Problem. Wohin der AfDler blickt, sieht er nach unten. Alles geht bergab: der Spaß in der Ehe, die beruflichen Aussichten, die eigene Libido und überhaupt die Gesundheit. Nur das Handikap beim Golf scheint sich stetig zu verbessern.

Politik aus dem Ressentiment ist keine Erfindung der AfD

Wenn man die AfD sexualpolitisch deutet, dann erklärt sich auch die Gereiztheit, die durch alle Anträge und Wortmeldungen der Mitglieder schimmert. Könnten sie sich mit einer Affäre ablenken, hätten sie nicht die Zeit, sich gegenseitig mit Änderungsanträgen in Grund und Boden zu verfolgen. Für einen Abstecher in ein neues Leben oder wenigstens einen Porsche als Ersatz fehlt der Mut (und in einigen Fällen auch das Geld). So bleibt nur die Aussicht auf die nächste Parteisitzung, wo man den anderen Parteifreunden mal so richtig die Meinung geigt. Wo der Zorn nicht nach außen gelenkt werden kann, richtet er sich gegen den Mitstreiter im eigenen Lager.

Man muss nicht gleich in Panik darüber verfallen, dass sich nun auch in Deutschland eine Rechtspartei zu etablieren scheint. Politik aus dem Ressentiment ist keine Erfindung der AfD. Auch die Linkspartei lebt ganz einträglich davon, schlechte Laune in Stimmen umzumünzen. Was dem AfDler die faulen Griechen, das sind dem Linken-Anhänger die bösen Reichen. Es ist sicher kein Zufall, dass die AfD bei den Landtagswahlen im Osten von kaum einer Partei so viele Wähler zu sich herüberziehen konnte wie von der Linkspartei.

Dass sich die AfD-Mitglieder nun Frau Petry zur Anführerin bestimmt haben, ist folgerichtig. Wer Bestrafungsfantasien hegt, ist bei einer Frau, die immer so wirkt, als habe sie die Nacht im Gefrierfach verbracht, an der richtigen Adresse.

Im Video: So polarisierte Petry auf dem AFD-Parteitag

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