Anzeige

Wahlkämpferin Frauke Petry

Kurz vor dem Aus

Sie führte die AfD nach rechts - bis sie selbst den radikalen Kräften unterlag. Fürs Comeback gründete Frauke Petry die "Blauen". Bei der Landtagswahl in Sachsen steht sie nun vor der Polit-Pleite.

Von Martin Debes

Robert Michael/ DPA

Ex-AfD-Chefin Frauke Petry bei der Präsentation ihrer Wahlkampagne im Juli in Dresden

Montag, 05.08.2019   06:47 Uhr

Anzeige

Gerade hat Frauke Petry offiziell ihren Wahlkampf gestartet. Am Mittwoch vergangener Woche stand die frühere AfD-Vorsitzende vor der Dresdner Semperoper, dort, wo zuweilen Pegida aufmarschiert. Hinter ihr: die Plakate ihrer "Blauen Partei".

Atomkraft, weniger Windräder, Sprüche wie "Make Sachsen scheen again": Damit will Petry CDU und AfD bei der sächsischen Landtagswahl in vier Wochen Wähler abwerben. Vor allem aber will Petry mit Petry punkten. Die Frau, die auf AfD-Veranstaltungen einst schon mal als künftige deutsche Kanzlerin angekündigt wurde.

Lang ist's her. Die "Blauen", die Petry nach ihrem Austritt aus der AfD gründete, interessieren in Sachsen heute kaum jemanden. Die Gruppierung findet so gut wie nicht statt, weder in den Medien noch in den sozialen Netzwerken. In den jüngsten Umfragen laufen sie unter den "Sonstigen".

Dennoch übt sich Petry in Optimismus. Ja, man habe es als kleine Partei nicht leicht, in den Medien und der breiten Öffentlichkeit vorzukommen, sagt sie dem SPIEGEL. "Auf der anderen Seite sehen wir aber mit jeder neuen Umfrage, dass der Platz für eine echte konservative Partei da ist. Deshalb machen wir unbeirrt weiter."

Unbeirrt weitermachen. Die 44-Jährige hat bereits einen langen Weg hinter sich.

Petry wirkte an der Radikalisierung der AfD mit, als sie Lucke stürzte. Die Partei rückte weiter nach rechts, bald darauf konnte Petry die nun endgültig entfesselten Kräfte nicht mehr kontrollieren. Jetzt war sie es, die wie zuvor Lucke vergeblich zur Mäßigung aufrief und ein Parteiverfahren gegen Höcke anstrengte. Schrittweise wurde sie kaltgestellt. Doch im Unterschied zu Lucke ging Petry selbstbestimmt.

Sie behielt ihre Mandate im Bundestag und im Landtag, sie sollten die Basis für ihr Comeback sein. Es war der Traum von einer regierungsfähigen Rechtspartei diesseits der AfD. "Konservativ, aber anständig", plakatiert Petry jetzt im Wahlkampf.

Plötzlich sprach sie sogar positiver über die Kanzlerin: "Die angekündigten Schritte von Angela Merkel sind mit Respekt aufzunehmen", bekannte sie nach Merkels Rückzug vom CDU-Vorsitz im vergangenen Jahr.

DPA

Einstige Parteifreunde Petry, Meuthen, Weidel auf dem AfD-Parteitag im April 2017

Zumindest in Sachsen verfügen die "Blauen" über eine parlamentarische Basis: Neben Petry wechselten vier AfD-Abgeordnete, zwischenzeitlich hielt mancher Beobachter einen Sprung über die Fünfprozenthürde nicht für ausgeschlossen.

In der AfD-Führung war die Nervosität über die mögliche Konkurrenz in Sachsen durchaus zu spüren. Immerhin hatte Petry bei der Bundestagswahl 2017 ihren Wahlkreis mit 37,4 Prozent gegen einen CDU-Bewerber gewonnen, im Freistaat war sie eine der bekanntesten Politikerinnen. Auch AfD-Chef Alexander Gauland witterte im Sommer 2018 eine strategische Gefahr für seine eigene Partei in Sachsen: Petry wäre "bei einem Einzug in den Landtag ein potenzieller Koalitionspartner für die CDU", so Gauland damals zum SPIEGEL.

Nebenher wurden Parteitage abgehalten, Unterschriften gesammelt, Listen gewählt. Im Höcke-Land Thüringen, wo sich Petry neben Sachsen zu Beginn die größte Chancen für ihre "Blauen" ausrechnete, gelang ihr sogar ein kleiner Coup: Sie gewann den früheren CDU-Landeschatzmeister Jens Krautwurst als Landeschef.

Die Hoffnungen aber währten nur kurz. Petry tingelte durch Sachsen, um gegen Windräder und Wölfe zu agitieren - doch oft hörten ihr nur ein, zwei Dutzend Menschen zu.

Petry schonte sich nicht. Im Mai, wenige Tage nach der Geburt ihres sechsten Kindes, gab Petry schon wieder eine Pressekonferenz. Kurz darauf, bei der Kommunalwahl in Sachsen, testete sich ihre Partei erstmals beim Wähler - in gerade mal zwei Städten. In Pirna gewann sie gemeinsam mit einer Bürgerinitiative drei Sitze, in Zwickau nicht einmal einen.

Knapp zwei Jahre nach ihrer Gründung hat die Partei in Sachsen nach eigenen Angaben keine hundert Mitglieder, in Thüringen sind es nicht einmal 30. Landeschef Krautwurst hat sich mittlerweile wieder zurückgezogen, aus "privaten Gründen", wie er der "Thüringischen Landeszeitung" sagte.

Sachsens CDU hat eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Aber eine Kooperation der CDU mit Petrys "Blauen", wie sie einst AfD-Chef Gauland befürchtete? Das spielt keine Rolle mehr. Die Idee hat sich als Luftnummer erwiesen, Petry wird es wohl nicht in den Landtag schaffen.

DPA

Frühere AfD-Rivalen Petry, Lucke auf dem Essener Parteitag im Juli 2015

Für die Europawahl mussten die "Blauen" sogar ihren Wahlvorschlag zurückziehen, weil die erforderliche Zahl an Unterschriften fehlte. Zuletzt bekam Petry vor allem deshalb Aufmerksamkeit, weil sie wegen fahrlässigen Falscheids zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Und nun? "Wenn wir in Sachsen in den Landtag kommen, wird es in Thüringen auch klappen", sagt sie dem SPIEGEL, unbeirrt. Und wenn nicht: Unabhängig vom Ausgang der Wahlen werde die Erosion der anderen Parteien weitergehen. Damit erhöhten sich die Chancen für eine Partei rechts der Union, die aber im Unterschied zur AfD "anständig" sei.

Sagt Frauke Petry, die die AfD mit zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung