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09. März 2011, 19:21 Uhr

Freispruch für NPD-Funktionäre

"Knick in der Optik"

Von Oliver Sallet

Sieg für die Zweideutigkeit: Wegen einer "rassistischen und herabwürdigenden" Darstellung in einem WM-Spielplan waren drei NPD-Funktionäre verurteilt worden. Ein Berliner Gericht sprach sie im Berufungsverfahren frei: Die Formulierung sei von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Auf den ersten Blick ist alles klar. Auf dem Heft vom Frühjahr 2006 ist ein Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft im typisch-weißen Trikot zu sehen. Leicht angeschnitten: Die Spielernummer 25, darüber in großen Lettern: "Weiß, nicht nur eine Trikotfarbe - für eine echte NATIONAL-Mannschaft".

Es war das Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, und wer sich einigermaßen für Fußball interessierte, der wusste: Die 25 ist die Nummer des Abwehrspielers Patrick Owomoyela - heute mit Borussia Dortmund auf Platz eins der Bundesliga.

Owomoyela wurde in Hamburg geboren, seine Eltern stammen aus Nigeria. Seine Hautfarbe ist schwarz - und das soll in einer deutschen Nationalmannschaft nicht so sein, fand die NPD. "Weiß, nicht nur eine Trikotfarbe" - eine klare Anspielung auf die Hautfarbe Owomoyelas, fand das Amtsgericht Berlin im April 2009 und verurteilte drei Mitglieder der NPD-Führung zu Bewährungsstrafen wegen Volksverhetzung und Beleidigung.

Fast zwei Jahre später streiten Anwälte und Staatsanwalt erneut um den Fall. Es sind die gleichen drei hochrangigen Parteifunktionäre der NPD, die an diesem Mittwoch wieder auf der Anklagebank sitzen. Der Parteivorsitzende Udo Voigt, Pressesprecher Klaus Beier sowie NPD-Vize Frank Schwerdt, der Ende der Neunziger Jahre bereits neun Monate hinter Gittern saß.

"Knick in der Optik"

Vor dem Richterpult nimmt die Diskussion bizarre Formen an. Mit einer Lupe haben sich die vier Anwälte und der Staatsanwalt versammelt und streiten darüber, ob auf dem Spielplan nun tatsächlich die Nummer 25 zu sehen sei - schließlich ist die untere Hälfte der Zahl leicht vom Schriftzug verdeckt. Einen "Knick in der Optik" wirft einer der Verteidiger seinen Kontrahenten vor, es könne genauso gut eine 26 sein, die damalige Nummer von Sebastian Deisler.

Fadenscheinig klingt auch die weitere Argumentationslogik der Verteidigung: "Weiß - nicht nur eine Trikotfarbe" sei gar nicht in Anspielung auf die Hautfarbe Owomoyelas bezogen gewesen. Vielmehr gehe es um eine "weiße Weste" im Profi-Fußball. Man wolle Kritik üben an Manipulation, Korruption und dem Ausverkauf des Fußballsports.

"Eine klassische Taktik der NPD" nennt das Owomoyelas Anwalt, Christian Schertz. Durch Verneblung und doppeldeutige Aussagen würde die Partei versuchen, einer möglichen Strafverfolgung zu entgehen. Er nennt den Spielplan eine "in besonderem Maße herabwürdigende und rassistische Darstellung."

Dann ergreift der Parteivorsitzende persönlich das Wort und macht keinen Hehl aus seinen rassistischen Vorstellungen für eine deutsche Nationalmannschaft: Er spricht vom "modernen Sklavenhandel" im Fußball, davon, dass Talente aus Ländern der Dritten Welt "zwangsgermanisiert" würden und fordert ein Abstammungsprinzip für die Nationalmannschaft.

Owomoyelas Anwalt kündigt Revision an

Schließlich entscheidet Richterin Birgit Dreyer auf Freispruch für alle drei Angeklagten. "Die Kammer ist überzeugt, dass das Titelblatt einen Bezug auf Herrn Owomoyela nimmt, dennoch konnte keine Strafbarkeit festgestellt werden", sagte sie in ihrer Urteilsbegründung, die auf der Anklagebank von breitem Grinsen und auf den Zuschauerplätzen von Beifall begleitet wurde. "Scharfe Kritik ist erlaubt, dennoch hat die Meinungsfreiheit Grenzen, zum Beispiel wenn die Menschenwürde angegriffen wird. Das ist hier nicht der Fall", begründete Dreyer ihre Entscheidung.

"Das ist eine totale Fehlentscheidung. Ich weiß nicht, wie ich das meinem Mandanten erklären soll", sagte Owomoyelas Anwalt Schertz und kündigte an, in Revision zu gehen. "Wir werden definitiv mit dem Deutschen Fußball-Bund die rechtlichen Schritte prüfen." Auch die Staatsanwaltschaft prüfe einen möglichen Einspruch, meinte Schertz.

mit Material von sid

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