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Alexander Neubacher

Klimaschutz Fridays for Capitalism

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Wer das Klima wirklich schützen will, sollte nicht gegen Kapitalismus demonstrieren, sondern dafür.
aus DER SPIEGEL 54/2020
Greta Thunberg am 16. Oktober in Berlin

Greta Thunberg am 16. Oktober in Berlin

Foto: PONTUS LUNDAHL/ AFP

Macht der Kapitalismus das Klima kaputt? Ja, sagt die Aktivistin Carola Rackete: "Der Kapitalismus zerstört unsere Lebensgrundlage." Ja, sagt Linkenpolitiker Bernd Riexinger: "Kapitalismus verträgt sich nicht mit Klimaschutz." Ja, sagen die Fridays-for-Future-Demonstranten mit Pappschildern, auf denen "Kapitalismus tötet" und "Burn Capitalism" steht. Nun könnte man an die Zeiten der Systemkonkurrenz erinnern: Es war nicht der Kapitalismus, in dem es der Umwelt besonders dreckig ging, sondern das sozialistische Alternativangebot.

Die DDR war eine Kloake. In ihren letzten Jahren lag der Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 um 50 Prozent höher als in der alten Bundesrepublik, obwohl die Wirtschaftsleistung pro Kopf viel kleiner war. Dabei schrieb die DDR schon 1968 den Umweltschutz in ihrer Verfassung fest, 1972 gab es ein eigenes Umweltministerium, mehr als 14 Jahre früher als im Westen. Doch nur weil der Sozialismus schlecht für die Umwelt war, muss der Kapitalismus nicht automatisch gut gewesen sein. Und ist die DDR-BRD-Vergleicherei nicht eh eine "einfallslose 20.-Jahrhundert-Debatte", wie die Aktivistin Luisa Neubauer sagt?

Mein Eindruck ist, dass die Kapitalismuskritik einem Missverständnis aufsitzt. Viele Klimaschützer glauben, der Kapitalismus beruhe auf Ressourcenverschwendung. Das ist ein Irrtum. Der Kapitalismus ist die Kunst des Mangels. Wenn es darum geht, mit begrenzten Mitteln klug umzugehen, ist der Kapitalismus unschlagbar. Der Rohstoffverbrauch in Deutschland und Europa war jahrelang gesunken, derweil die Wirtschaft wuchs. In der Landwirtschaft wurden in den vergangenen 30 Jahren weniger Düngemittel ausgebracht, trotzdem sind die Ernteerträge heute höher. In einem Mobiltelefon stecken mehr Anwendungen als früher Geräte im Elektronikfachgeschäft. Sind Ressourcen knapp, läuft die kapitalistische Fortschrittsmaschine an.

Fridays-for-Future-Demonstration am 16. Oktober vor dem Kanzleramt in Berlin

Fridays-for-Future-Demonstration am 16. Oktober vor dem Kanzleramt in Berlin

Foto: JOHN MACDOUGALL / AFP

So ist es seit Beginn der industriellen Revolution, die Digitalisierung hat das Tempo weiter erhöht. Eine Bedingung gibt es: Es muss sich lohnen. Die Mehrzahl aller Innovationen wird nicht von staatlichen Einrichtungen erbracht, sondern von Unternehmen – weil es sich auszahlt. Genau diese Bedingung war beim Klimaschutz nicht erfüllt, solange es keinen Preis für den Ausstoß von CO2 gab, der die Kosten angemessen widerspiegelt. Kapitalismuszugeneigte Ökonomen debattieren nur noch darüber, ob Emissionszertifikate die beste Lösung sind oder CO2-Steuern. Dass es einen CO2-Preis braucht, bezweifelt niemand.

Ich halte das Gerede vom Kapitalismus als Klimakiller deshalb nicht nur für falsch, sondern für gefährlich. Es gefährdet eine sinnvolle Klimapolitik. Wer binnen weniger Jahrzehnte 90 Prozent CO2 einsparen will, braucht neue Technologien. Man sollte nicht gegen den Kapitalismus demonstrieren, sondern dafür.

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