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31. März 2019, 16:36 Uhr

Neue Apo gegen den Klimawandel

Keine Panik, Greta!

Ein Gastbeitrag von

Wer an den bevorstehenden Weltuntergang glaubt, dem bleibt nur Resignation. Wer sich von individueller Lebensänderung die Klimarettung verspricht, denkt zu klein. Nur ein Wandel, der auf Wettbewerb und Innovation setzt, kann gelingen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Klimawandel eine neue außerparlamentarische Bewegung auf den Plan rufen würde. Zu groß ist die Kluft zwischen immer neuen Alarmsignalen und der Trägheit von Politik und Gesellschaft. Dass Schülerinnen und Schüler die Avantgarde der neuen Apo (außerparlamentarischen Opposition) bilden, ist nur konsequent. Es geht um ihre Zukunft. "Weiter so" führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Anstieg der mittleren Temperaturen um die vier Grad im Verlauf dieses Jahrhunderts. Unser Planet würde zu einem unwirtlichen Ort. Milliarden Menschen wären von Unwettern und Dürren bedroht, die Küstenstädte durch steigende Meeresspiegel und gigantische Sturmfluten gefährdet, zahllose Pflanzen und Tierarten würden von der Erde verschwinden.

Die Neuauflage der Apokalypse

Solche ökologischen Verwerfungen dürften auch heftige soziale und politische Turbulenzen nach sich ziehen. Es liegt nahe, eine solche Welt als darwinistisches Szenario zu denken, in dem das Recht des Stärkeren herrscht und die Reichen sich gegen die Armen verschanzen. Bis an die Zähne gerüstete Staaten rivalisieren um knappe Ressourcen, Produktion und Konsum sind strikt reglementiert, die Wirtschaft staatlich gelenkt. Ein Teil der Gesellschaft huldigt einer aggressiven Nach-uns-die-Sintflut-Mentalität, parallel sucht eine neue Büßerbewegung das Heil im Rückzug auf ein selbstgenügsames, asketisches Leben.

Das klingt nach einer Neuauflage der Apokalypse. Mit diesem Narrativ wächst der empfindsame Teil der Jugendlichen in der westlichen Welt auf. Ihr Zukunftshorizont ist durch den Klimawandel verstellt. Das unterscheidet sie fundamental von der letzten großen Jugendbewegung. Die Studenten von 1968 berauschten sich an ihren Vorstellungen einer besseren Welt. Es ging - zumindest zu Beginn, vor dem Umkippen des Protests in Dogmatismus und Gewalt - um Love & Peace, Selbstbestimmung, sexuelle Freiheit und eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Der Grundzug war optimistisch, der Horizont offen. Technischer Fortschritt galt als eine linke Idee. Wer kann heute noch die Faszination für die erste Mondlandung nachvollziehen? Sie war ein Triumph von Naturwissenschaft und Technik über die Grenzen, die dem Menschen als Naturwesen gesetzt sind.

Der "westliche Lebensstil" als Wurzel des Übels

Die Stimmungslage heute könnte verschiedener nicht sein. "Fridays for Future" ist ein Protest gegen die potenzielle Katastrophe. Er wird getragen von den Kindern der Wohlstandsgesellschaft, die in den Segnungen der Moderne den Keim des Untergangs sehen. Für sie geht es nicht länger darum, Grenzen zu überwinden, sondern die Belastungsgrenzen der Natur als definitive Grenzen der Zivilisation anzuerkennen. Materieller Wohlstand, Vielfalt der Lebensstile, Konsumfreiheit, globale Mobilität, persönlicher Komfort, Fortschritt durch Technik - alles das ist ihnen zugleich selbstverständlich und suspekt.

Der "westliche Lebensstil" gilt als Ursache allen ökologischen Übels - wir produzieren zu viel, konsumieren zu viel, reisen zu viel, verbrauchen zu viele Rohstoffe und Energie. Die Klimakatastrophe erfordert deshalb eine "Wende zum Weniger" - und zwar hier und jetzt. Der kategorische Imperativ dieser Generation lautet "Du musst dein Leben ändern, um den Planeten zu retten". So lesen sie es in wohlmeinenden Medien, hören es von Professoren und Pfarrern, rauscht es durch Twitter und YouTube. Fleisch zu essen, Auto zu fahren oder in den Urlaub zu fliegen wird zur Frage der ökologischen Moral - und damit zum gefundenen Fressen für alle, die sich einen Mordsspaß daraus machen, grüne Vielflieger als falsche Propheten vorzuführen, die Wasser predigen und Wein saufen.

Wenn Moral und Lebenswelt allzu weit auseinanderklaffen, blüht die Doppelmoral. Zugleich wächst die Kluft zwischen der Biogemeinde, einer kaufkräftigen und kulturell tonangebenden Gruppe, und den "Normalos", die umso trotziger an ihrem herkömmlichen Lebensstil festhalten. Veganismus, Elektromobilität und handgefertigte Kleidung aus zertifizierter Biobaumwolle werden zum sozialen Distinktionsmerkmal. Darin steckt der Keim eines neuen Kulturkampfs, bei dem ökologische und soziale Frage eine explosive Mixtur bilden.

Freiheit bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit

Damit wir uns recht verstehen: Selbstverständlich ist es gut und richtig, mit dem Rad zu fahren und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Nur in Maßen Fleisch zu essen ist aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen sinnvoll. Darauf zu achten, dass für unseren materiellen Komfort keine Menschen geschunden, Tiere gequält oder ökologische Schweinereien begangen werden, ist ein Gebot des Anstands. Freiheit bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit.

Dennoch ist es grundverkehrt, die ökologische Frage zu privatisieren, statt sie zu politisieren. Die Lebensführung eines jeden Einzelnen ist von Strukturen abhängig, die wir nur gemeinschaftlich verändern können. Wer im Umland großer Städte wohnt, ist in der Regel auf das private Auto angewiesen, ob er will oder nicht. Wie der Strom erzeugt wird, der unsere elektrischen Geräte antreibt, ist eine Frage der Energiepolitik. Wer in einem weltweit vernetzten Unternehmen arbeitet, in der Kulturindustrie oder in der Forschung aktiv ist, zum globalen NGO-Business gehört oder in einer multinationalen Familie lebt, kann auf das Fliegen kaum verzichten. Die industrielle Tierhaltung kann durch Gesetze effektiver eingedämmt werden als durch individuelles Verhalten. Wer zur Miete wohnt, hat kaum Einfluss auf die Energieeffizienz seiner Wohnung und die Art der Heizung.

Es mangelt nicht an Sympathie für "Fridays for Future", sondern an politischen Weichenstellungen, um die ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Solange es um wohlfeile Appelle an die ökologische Moral geht statt um konkrete politische Forderungen, können sich auch Ministerinnen problemlos mit den Freitagsdemonstrationen solidarisieren. Alle zelebrieren ihre Besorgnis, und alles bleibt, wie es ist. Wirksamer als jede Bußpredigt wäre die Einführung einer sukzessiv steigenden CO2-Steuer oder eine entsprechende Ausweitung des europäischen Emissionshandels. Sobald die Preise die ökologische Kostenwahrheit spiegeln, wird das einen Wettlauf um Innovationen und Investitionen auslösen. Die Mehreinnahmen aus Umweltsteuern sollten als Pro-Kopf-Pauschale wieder an die Bürgerinnen und Bürger zurückfließen. Statt Marktwirtschaft und Unternehmertum zu verteufeln, müssen wir ihre Dynamik nutzen. Sie sind allemal die bessere Alternative zu einer ökologischen Planwirtschaft.

Vor allem aber springt der Appell zur Selbstbeschränkung viel zu kurz angesichts der Größe der ökologischen Herausforderung. Wenn es richtig ist, dass die globalen Treibhausgasemissionen ab sofort drastisch sinken müssen, um spätestens zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden, hilft es wenig, wenn wir Pullover tragen, statt die Heizung aufzudrehen. Eine CO2-Reduktion um 90 Prozent und mehr ist durch Verhaltensänderungen nicht zu erreichen. Auch der Ruf nach einem Abschied vom Wachstum geht ins Leere. Er ist an Weltfremdheit kaum zu überbieten. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Weltwirtschaft wird sich in den kommenden 20 Jahren annähernd verdoppeln. Dafür sorgen schon der Anstieg der Weltbevölkerung auf neun bis zehn Milliarden und das Streben von Milliarden Menschen, der Armut zu entkommen. Wer wollte ihnen das verwehren?

Mut zur Zukunft ist besser als Panik

Wenn wir verhindern wollen, dass die Schere zwischen Weltwirtschaft und Weltklima weiter auseinanderklafft, helfen keine moralischen Appelle, keine Fahrverbote hier und keine Bußübungen da. Dann hilft nur eine radikale Erneuerung unserer Produktionsweise auf der Basis erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe. Es geht um eine grüne industrielle Revolution, eine Entkopplung von Wohlstandsproduktion und Naturverbrauch. Das ist ambitioniert, aber keine luftige Utopie.

Wir können nicht zurück hinter die technisch-industrielle Zivilisation, sondern müssen vorwärts in eine ökologische Moderne, die auf eine intelligente Kooperation mit der Natur zielt. Ja, es gibt Belastungsgrenzen des Ökosystems, die wir tunlichst nicht überschreiten sollten. Wir kommen sonst in Teufels Küche. Sie zu respektieren, bedeutet aber keine Unterordnung der menschlichen Zivilisation unter eherne Schranken der Natur. Wir können auf zwei Quellen des Fortschritts bauen, deren Grenzen nicht absehbar sind: die Einstrahlung von Sonnenlicht auf die Erde und die menschliche Erfindungskraft. Die Umwandlung von Sonnenenergie, Wasser und CO2 in pflanzliche und synthetische Rohstoffe ist die Basis einer nachhaltigen Ökonomie; die Freisetzung menschlicher Kreativität ist die größte Produktivkraft von allen. Das wäre eine Ökologie der Freiheit, die auf Innovation statt auf Restriktion setzt. Auch sie kommt nicht ohne regulative Eingriffe aus, aber sie ist sich bewusst, dass ein Übermaß an Geboten und Verboten kontraproduktiv wirkt. Kluge Politik setzt Leitplanken für eine ökologische Marktwirtschaft, in der sich der Wettbewerb um die besten Lösungen entfalten kann. Zukunft entsteht nicht aus Verboten, sondern aus Erfindungen.

Man möchte Greta Thunberg zurufen: keine Panik! Panik beflügelt nicht, sie befördert Kopflosigkeit und rücksichtsloses Verhalten. Wer fest überzeugt ist, dass uns nur noch eine kurze Frist bleibt, um die finale Katastrophe zu verhindern, landet in Resignation oder Verzweiflung. Dann scheint jedes Mittel gerechtfertigt, den Untergang aufzuhalten, auch die Flucht in Gewalt. Katastrophenszenarien gibt es mehr als genug. Woran es fehlt, ist die Zuversicht, dass die ökologische Transformation der Industriegesellschaft zu einer Erfolgsgeschichte werden kann. Das ist, zugegeben, eine offene Wette. Aber eine bessere Alternative zu Demokratie und Marktwirtschaft haben wir nicht, um den Wettlauf mit dem Klimawandel zu gewinnen. Die Jungen haben allen Grund, ungeduldig zu sein und Regierungen wie Unternehmen Dampf zu machen. Aber am Ende werden wir nur gewinnen, wenn wir die große Mehrheit unserer Gesellschaften überzeugen, dass Klimaschutz, Wohlstand und eine freiheitliche Lebensform unter einen Hut zu bringen sind. Mut zur Zukunft ist besser als Panik.

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