Nikolaus Blome

Klimaschutz Die Freitags-Revolutionäre

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
"Fridays for Future" schärfen ihre Systemkritik nach - und werden vollends links-fundamental. Ob das der Bewegung guttut?
Leonardo DiCaprio unterzeichnete angeblich den offenen Brief der FFF-Bewegung an die Staats- und Regierungschefs

Leonardo DiCaprio unterzeichnete angeblich den offenen Brief der FFF-Bewegung an die Staats- und Regierungschefs

Foto: Emma McIntyre/ Getty Images

Ende vergangener Woche, kurz vor dem großen EU-Gipfel, veröffentlichten Greta Thunberg und Luisa Neubauer einen Brief an die Staats- und Regierungschefs . Einige wenige Medien in Deutschland vermeldeten das kurz und erwähnten, dass auch Schauspieler wie Leonardo DiCaprio unterzeichnet hätten.

Diese desinteressierte Nonchalance ist mir ein Rätsel: Zwar sind die im Brief vorweg angeführten Vorwürfe und Klimaschutz-Forderungen bekannt und der völlig legitime politische Streit darum ebenso. Darüber hinaus jedoch handelt es sich um einen wirklich fulminanten Text, der sich nur als Kriegserklärung lesen lässt. Gemeint sein muss, wenn auch nicht wörtlich erwähnt: der globale Kapitalismus, wie wir ihn kennen, mit allen Vorteilen und Nebenwirkungen.

"Unser derzeitiges System ist nicht 'kaputt' - das System tut genau das, was es soll und wofür es geformt wurde. Es kann nicht länger 'repariert' werden. Wir brauchen ein neues System", heißt es in dem Text, den ich auf Anhieb nur auf Englisch im Netz gefunden habe. Das wäre nicht ganz fair gegenüber den vielen Grundschülern und Kitakindern, die auf FFF-Demonstrationen in Deutschland mitgelaufen, aber des Englischen nicht mächtig sind. Immerhin heißt es als Referenz an diese Gruppe an anderer Stelle im Text, dass "selbst ein Kind" erkennen könne, dass die Klimakrise "nicht innerhalb des heutigen Systems zu lösen" sei.

Unerwähnt bleibt dabei, wie die Alternative zum derzeitigen System aussehen soll. Für Leser ist das unbefriedigend, aus Sicht der Verfasserinnen und Verfasser allerdings politisch (und handwerklich) klug: Umfängliche Ausführungen dazu könnten massiv abschreckend wirken, außer vielleicht für wirklich Hartgesottene.

So bleibt es bei der Kriegserklärung an ein "System", das systemimmanent daran scheitere, genug gegen Klimawandel und Erderwärmung zu tun. Weil ich ausdrücklich nicht zu denen gehöre, die FFF als pseudopolitische Kinderei eines saturierten Wohlstandsmilieus abtun, nehme ich diese Philippika ernst. FFF sind einfach zu groß und mobilisieren zu viele (auch künftige) Wähler, und wenn es im Zusammenhang mit Klimaschutz nicht deplatziert klänge, müsste man sagen: Geht es bald nach diesem Grundsatztext, werden sich viele auf dem Planeten warm anziehen müssen.

"Wenn wir eine Klimakatastrophe verhindern sollen, müssen wir es möglich machen, Verträge aufzulösen und bestehende Geschäfte und Vereinbarungen über Bord zu werfen, und zwar in einem Ausmaß, das wir uns heute nicht einmal im Ansatz vorstellen können. Und diese Art des Handelns ist politisch, wirtschaftlich und rechtlich nicht möglich innerhalb des heutigen Systems."

Mehr und radikaler geht nicht, möchte ich meinen. Mitglieder etwa der Antikapitalistischen Linken, einer Untergruppierung der Linkspartei, dürften mit Neid auf diesen Satz blicken. Sie wurden oder werden für ähnliche Ansichten von einzelnen Landesämtern für Verfassungsschutz als Linksextremisten beobachtet. Begründung: Sie dokumentierten damit den Wunsch nach einem "grundsätzlichen Systemwechsel" und dem Ende der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung durch einen "Bruch mit den kapitalistischen Eigentumsstrukturen", wie es 2019 im Verfassungsschutzbericht hieß.

Dessen Sichtweise muss man sich gewiss nicht immer zu eigen machen, aber es könnte sich die Frage stellen, warum eine solche Truppe mit nur tausend Mitgliedern wegen ihrer Ziele beobachtet wird, nicht aber eine Bewegung, die Hunderttausende mobilisiert. Statt eines neugierigen Anrufs vom Verfassungsschutz bekamen Vertreterinnen von FFF vor dem EU-Gipfel einen Termin bei Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Auf den Fotos ist zu sehen, dass viel gelächelt wurde. Vorab gelesen oder ernst genommen hat Frau von der Leyen den Text also nicht.

Dabei sieht sich FFF ausweislich des offenen Briefes als breite Front, die keinen Unterstrom von Unzufriedenheit oder Unbehagen auf der Welt unerwähnt lässt, sondern sie allesamt eingemeinden will. Mit der Klima- und Umweltgerechtigkeit werde es nämlich nichts, heißt es, "solange man die sozialen und rassistischen Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen ignoriert, die das Fundament unserer modernen Welt gelegt" hätten.

Deren Liste ist lang: "Ob es der Kampf für soziale, Rassen-, Klima- oder Umwelt-Gerechtigkeit ist, ob der Kampf für Geschlechter-Gleichberechtigung, Demokratie und die Menschenrechte oder für die Rechte von indigenen Völkern, LGBTQ sowie von Tieren, ob es die Presse- und Meinungsfreiheit ist oder (…). Wenn wir keine Gleichheit haben, haben wir nichts."

Ich bin kein Marketingexperte, aber die Gefahr einer gewissen Verwässerung des ursprünglichen Anliegens sehe ich durchaus, wenn "alles miteinander zusammenhängt", wie es in dem Text weiter heißt. Ich bezweifele zudem, dass es klug ist, Klimaschutz und Kapitalismus als unversöhnliche Feinde gegeneinander in Stellung zu bringen. Der Kapitalismus gilt als lern- und kompromissfähiges System, mehrere Milliarden Menschen haben sich mit ihm angefreundet, etliche Hunderte Millionen verdanken ihm den Aufstieg aus schlimmster Armut.

Darum haben selbst so starke Ideologien oder Systeme wie der Sozialismus und China erkannt, dass der Kapitalismus ihnen entweder überlegen ist oder es zumindest ratsam erscheint, sich mit ihm zu arrangieren. "Fridays for Future" sind dabei, sich für einen anderen Weg zu entscheiden und sehr energisch nach links außen abbiegen zu wollen. Schade. Das ist eine Sackgasse.