Friedenskonzert für Ukraine Warum die Zuschauer Selenskyj nicht zu sehen bekamen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte eine spezielle Grußbotschaft für die Besucher eines Friedenskonzerts in Berlin aufgenommen. Doch dort wurde das Video nicht gezeigt. Was war da los?
Spendensammler am 20. März 2022 für das Konzert am Brandenburger Tor: Rede von Selenskyj wurde am Platz nicht gezeigt

Spendensammler am 20. März 2022 für das Konzert am Brandenburger Tor: Rede von Selenskyj wurde am Platz nicht gezeigt

Foto: Adam Berry / Getty Images

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Bis weit in die Nacht harrten die Menschen vor dem Brandenburger Tor aus. 15.000 waren am vergangenen Sonntag gekommen, um ein Zeichen für den Frieden und gegen den Krieg in der Ukraine zu setzen. Auf einer Tribüne vor dem einstigen Symbol der deutschen und europäischen Teilung traten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler auf. Mit der Aktion sollten außerdem Spenden für die Ukraine gesammelt werden.

Die Besucherinnen und Besucher hörten unter anderem David Garrett, Marius Müller-Westernhagen, Clueso, Michael Patrick Kelly, Fury in the Slaughterhouse, In Extremo, Mia, Mine, Peter Maffay, Revolverheld, Sarah Connor, Silbermond, The BossHoss und Zoe Wees.

Sie hörten auch Natalia Klitschko singen und reden, die Frau des Bürgermeisters von Kiew und Ex-Profiboxers Vitali Klitschko.

Was sie nicht hörten: Die Worte, die der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an sie richten wollte.

Selenskyj ist, um es vorsichtig auszudrücken, ein viel beschäftigter Mann in diesen Tagen. Man sieht ihm an, wie wenig er schläft, wie ihn der Krieg mitnimmt, in den sein Land gezwungen wurde, das er zusammenhalten muss, dessen Fortbestand auf dem Spiel steht. Man muss davon ausgehen, dass die russische Führung ihm nach dem Leben trachtet.

Egal, welche Bitte an ihn herangetragen wird, er hat also derzeit fast immer Besseres zu tun.

Dennoch hatte der ukrainische Präsident sich die Zeit genommen, eine mehr als sechsminütige Videobotschaft einzusprechen. Gerichtet an Berlin, an die Zuhörer des Friedenskonzerts. Sie liegt dem SPIEGEL in Gänze vor. Doch gesendet wurde sie nicht.

»Wir haben gewartet und gewartet und gewartet«

Der ukrainische Botschafter Andrej Melnyk

»Wir haben gewartet und gewartet und gewartet«, sagt der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrej Melnyk. Schließlich stand der Diplomat, wie er erzählt, wegen der Sache im Austausch mit der Präsidialkanzlei in Kiew: »Ich war am Ende selbst überrascht«, erzählt Botschafter Melnyk den für ihn denkwürdigen Verlauf des Abends.

Warum also wurde die Rede am Brandenburger Tor selbst nicht ausgestrahlt? Fürchteten einige der Organisatoren zu deutliche Worte des ukrainischen Präsidenten?

In einer Ansprache an den Bundestag vor einigen Tagen hatte Selenskyj scharfe Kritik geübt, er hatte Deutschland vorgehalten, vor allem an die Wirtschaft zu denken. Selenskyj, der die Verteidigung seines Landes organisieren muss, fordert häufig eine Flugverbotszone oder Waffen, wenn er andere Länder adressiert.

Wolodymyr Selenskyj spricht per Videoübertragung am 17. März 2022 im Bundestag

Wolodymyr Selenskyj spricht per Videoübertragung am 17. März 2022 im Bundestag

Foto: IMAGO/Thomas Trutschel/photothek.de / IMAGO/photothek

Diese neue Ansprache an die Deutschen war viel weniger konfrontativ. Selenskyj nennt Kiew darin »das neue Berlin«. Er beginnt mit der Tonaufnahme einer Luftalarmsirene: »Mit diesem Ton leben wir schon seit 25 Tagen«. Er spricht nicht über Waffen, sondern über lächelnde Kinder, Freiheit, er ruft zu Wirtschaftssanktionen auf.

Es war eine zurückhaltende Rede, angepasst an das Publikum, an die Friedensdemo. So wie es zuvor an ihn herangetragen worden war.

Die ukrainische Botschaft schickte sie auch an den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), für den es keine Frage war, das Video am Abend in Fernsehen auszustrahlen. So konnte das Land seine Worte hören. Nur jene hörten sie nicht, an die sie gerichtet waren.

Denn es gab Unstimmigkeiten unter den Organisatoren, bis zuletzt, wie aus deren Antwort auf eine schriftliche Anfrage des SPIEGEL hervorgeht.

So habe, heißt es in der Antwort, unter allen Initiatoren, Veranstaltern sowie Musikerinnen und Musikern Konsens bestanden, dass die Kundgebung »ohne Wortmeldungen von aktiven Politiker:innen durchgeführt werden sollte, um Instrumentalisierungen des Themas der Kundgebung zu vermeiden«.

Trotzdem habe sich der »Organisationskreis« aus verschiedenen Gründen dazu entschieden, Selenskyj als Präsident der Ukraine um eine Videobotschaft zu bitten. »Dabei spielte zum Beispiel eine Rolle, dass er nicht als üblicher Politiker gesehen wurde, sondern als Symbol für die Ukraine, die zu Wort kommen sollte.«

Es klingt ein bisschen, als sei es eine Ehre für Selenskyj, bei »Sound of Peace« reden zu dürfen, die ihm gnädigerweise gewährt wurde.

Andere in der Runde erkannten dagegen offensichtlich die Tragweite einer solchen Anfrage. Es sei »in diesem Entscheidungskreis« vermittelt worden, dass das Statement »auch abgespielt werden muss, wenn man es anfragt«, heißt es in der Antwort.

So habe er das von Anfang an gesagt, sagt der grüne Europaabgeordnete Erik Marquardt. Er ist über die Flüchtlingshilfekampagne »Leave No One Behind« in die Veranstaltung involviert gewesen und hatte den Wunsch nach einer Rede Selenskyjs nach Kiew übermittelt, wie er erzählt.

Doch offensichtlich kam es dennoch zu internen Problemen in der Gruppe hinter dem Konzert. Die Absprache sei »nicht mit allen Beteiligten unmissverständlich kommuniziert« worden, weitere Beteiligte seien davon ausgegangen, »dass entschieden sei, das Selenskyj-Video nicht zu zeigen«, teilt »Sound of Peace« in dem Schreiben mit.

Offenbar gab es in dem Bündnis einige, die die Veranstaltung als strikt unpolitisch verstanden, und andere, die das nicht so sahen. Wie soll das auch aussehen, eine unpolitische Kundgebung für den Frieden? Was es offensichtlich nicht gab: klare, geteilte Entscheidungsstrukturen.

Technische Probleme zum Schluss

Schließlich werden in der Antwort von »Sound of Peace« auch noch andere Gründe aufgezählt, warum das Video nicht gezeigt wurde: Erschwerend sei hinzugekommen, dass das Video erst kurz vor 20 Uhr am Sonntag mit deutschen Untertiteln vorgelegen habe, heißt es. Nach Angaben Marquardts sei das Video am Nachmittag auf Ukrainisch eingetroffen, dann habe man erst übersetzen und Untertitel einbauen müssen.

Warum ausgerechnet dies eine Ausstrahlung verhindert haben soll, obwohl das Konzert zu diesem Zeitpunkt noch fast zwei weitere Stunden andauerte, erschließt sich nicht vollständig.

In dem Schreiben heißt es weiter, dass »kurz vor dem Ende der musikalischen Kundgebung um 22 Uhr der Versammlungsleiter« die Zuschauer gefragt habe, »ob sie das Video noch sehen wollten, was durch die kurzfristige Entscheidung aber technisch nicht möglich war«.

»Hätten wir ein paar Minuten mehr Zeit gehabt, hätten wir das Problem lösen können.«

Versammlungsleiter Stephan Hüttner

Botschafter Melnyk hält den Hinweis auf technische Probleme für eine Ausflucht. »Ich denke, dass pazifistische oder pseudopazifistische Gründe dabei eine Rolle gespielt haben, die Rede nicht zu zeigen«, sagte er dem SPIEGEL. Immerhin, sagt er: Dem Grünenpolitiker Marquardt, einem der Mitorganisatoren, sei der Vorgang sehr unangenehm gewesen. »Er hat sich bei mir entschuldigt, er war am Boden zerstört«, so Melnyk.

Der Versammlungsleiter des Abends, Stephan Hüttner, sagt, es haben am Ende wirklich ein technisches Problem gegeben: Man habe in der Eile auf dem Speichermedium das richtige Video nicht gefunden. »Der Anmelder hat dann in dieser Sekunde entschieden, die Veranstaltung zu beenden. Hätten wir ein paar Minuten mehr Zeit gehabt, hätten wir das Problem lösen können.«

Aber die Zeit habe gefehlt, weil die interne Abstimmung vorher so lange gedauert habe. So endete das Konzert ohne Selenskyjs Rede.

Botschafter Melnyk informierte den ukrainischen Präsidenten noch am späten Sonntagabend in einem Telefonat darüber. Er habe, erzählt er, nur die Botschaft übermittelt können, dass das Video wenigstens im Fernsehen des RBB lief.

Und er habe Selenskyj gesagt, dass es da vermutlich viel mehr Zuschauer gehabt habe als am Brandenburger Tor.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.