Friedensnobelpreis Kohl-Fans träumen vom Titel

Zum x-ten Male ist Helmut Kohl für den Friedensnobelpreis nominiert - doch nun gehört der Altkanzler angeblich zum Kreis der Favoriten. Wird es diesmal klappen?

Altkanzler Kohl, Nachfolgerin Merkel: "Eine Frage von Krieg und Frieden"
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Altkanzler Kohl, Nachfolgerin Merkel: "Eine Frage von Krieg und Frieden"

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Berlin - Erst ließ sich der Jubilar von der Kanzlerin loben. Für die deutsche Einheit. Und die europäische Einigung.

Dann ermahnte er sie.

Es war im Mai, Helmut Kohl feierte seinen 80. Geburtstag mit Pomp und Prominenz in Ludwigshafen, und eben noch hatte die Bundesregierung ein bisschen mit den Milliardenhilfen für Griechenland gezögert. Da sagte der Altkanzler: "Viele bei uns tun so, als ginge sie Griechenland nichts an." Pause. Die europäische Einigung aber sei "eine Frage von Krieg und Frieden". Punkt.

Kohl mag seit einem Sturz vor zwei Jahren gesundheitlich angeschlagen, an den Rollstuhl gebunden sein und beim Sprechen nuscheln - doch die Politik lässt ihn nicht los. Europa und die Wiedervereinigung, das sind seine Lebensprojekte.

Um "Friedensarbeit vom Schreibtisch" geht es nicht

Nun könnte er dafür den Friedensnobelpreis 2010 erhalten. Den vielleicht prestigeträchtigsten Preis der Welt, den im Vorjahr US-Präsident Barack Obama erhielt.

Am Freitag um 11 Uhr wird die Entscheidung des vom norwegischen Parlament bestimmten Komitees bekanntgegeben. So viel scheint klar: Kohl gehört zum engeren Anwärterkreis, wie der norwegische TV-Sender NRK an diesem Donnerstag meldete. Doch wie groß sind seine Chancen wirklich?

Komiteechef Thorbjørn Jagland hat den Spekulationen bereits Schubkraft verliehen: "Wenn wir den Preis an eine Person vergeben, dann muss die oder der Betreffende für etwas eingestanden, persönliche Belastungen auf sich genommen und einen Kampf durchgestanden haben", sagte er der Zeitung "Drammens Tidende". Es gehe nicht um "Friedensarbeit vom Schreibtisch".

Schreibtisch? Das ist vielleicht kein gutes Zeichen für Kohl. Jaglands Aussage scheint eher auf den ebenfalls favorisierten chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo zu passen, der für seine politische Überzeugung in Haft sitzt. Oder auf die Russin Swetlana Gannuschkina von einer für Tschetschenen aktiven Flüchtlingshilfsorganisation. Oder auf die afghanische Menschenrechtlerin Sima Samar. Und Komiteeboss Jagland sagte auch noch: "Abgesehen davon, dass Mahatma Gandhi nie den Preis bekommen hat, ist die EU das größte Versäumnis des Komitees."

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Altkanzler zum 80.: Kohl lässt sich feiern
Andererseits: Helmut Kohl steht schon recht lang auf der Liste der Nominierten. Seit 1990 ist er noch jedes Jahr genannt worden. Derart favorisiert wie in diesem Jahr war er wohl noch nie. Und noch könnte der zwar körperlich eingeschränkte, geistig aber wache Kohl eine solche Auszeichnung bewusst entgegennehmen - und kommentieren. Er wäre nach Willy Brandt 1971 der zweite Bundeskanzler, der diesen Preis erhielte. Bisher wählte das Komitee insgesamt fünf Deutsche für den Friedensnobelpreis aus:

  • den Außenminister und vormaligen Reichskanzler Gustav Stresemann (1926),
  • den Pazifisten und Politiker Ludwig Quidde (1927),
  • den Journalisten Carl von Ossietzky (1935)
  • sowie den Arzt Albert Schweitzer (1952)
  • und Willy Brandt (1971)

Der SPD-Politiker Brandt erhielt die Auszeichnung, weil er mit seiner Ostpolitik "die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt" hatte und so die "Voraussetzungen für den Frieden in Europa" schaffte.

Ähnlich könnte es bei Kohl klingen. Zu Recht? Kohls Verdienste um Einheit und friedliches Ende des Kalten Krieges sind unbestritten; er ist "Ehrenbürger Europas", ein Titel, den die europäischen Staats- und Regierungschefs bisher überhaupt erst zweimal vergeben haben. Kritiker dagegen halten dem Altkanzler vor, seine angebliche Entschlossenheit, seinen Willen zur Einheit, im Nachhinein historisch zu verklären. In Wahrheit habe Kohl lediglich die sich ihm bietende Chance genutzt, heißt es dann. Er habe nur den Mantel der Geschichte gegriffen, der ihm gereicht wurde.

Merkel dankt, Kohl rüffelt

Viel schwerer aber wiegt für manche wohl der Makel, der Kohl selbst in den eigenen Reihen in Ungnade fallen ließ: die Parteispendenaffäre. Binnen kürzester Zeit bröckelte Ende der neunziger Jahre das CDU-Denkmal, das Verhältnis zur neuen Parteiführung war zerrüttet. Im Januar 2000 legte Kohl seinen Ehrenvorsitz nieder. Noch immer hat er die Namen der Spender nicht preisgegeben. Noch immer beruft er sich auf ein "Ehrenwort".

Inzwischen aber hat die Union wieder weitestgehend ihren Frieden mit dem "Alten" gemacht. Den Ehrenvorsitz will man ihm trotz der Basisinitiative einiger Kohl-Fans zwar nicht wieder antragen. Doch den Vorschlag für den Friedensnobelpreis unterstützt christdemokratische Prominenz schon seit einigen Jahren. Dies würde "seine überragende Lebensleistung für die europäische und deutsche Einigung zutreffend würdigen", erklärte noch in diesem März Christian Wulff, bevor er ein paar Monate später zum Bundespräsident gewählt wurde. Und das, obwohl Kohl mit der Parteispendenaffäre "über das Materielle hinausgehenden Schaden" angerichtet habe.

Sogar Angela Merkel könnte ihm den Preis nun wohl gönnen. "Kohls Mädchen" hatte einst öffentlich mit dem Ziehvater gebrochen, bevor sie den Parteivorsitz übernahm. Seitdem hat sie sich dem Werben für den Nobelpreis bis heute nie persönlich anschließen wollen. Doch auch hier hat die Zeit Wunden geheilt.

Zuletzt lobte sie ihren einstigen Förderer höchst pathetisch anlässlich des 20. Jahrestags des Vereinigungsparteitags von West- und Ost-CDU Anfang Oktober: "Lieber Helmut Kohl, Sie haben Standfestigkeit bewiesen, als andere wankelmütig waren." Der Altkanzler habe immer auf das Unrecht der DDR hingewiesen und für die Einheit geworben, "als andere sich mit der Teilung unseres Landes abfinden wollten". Dafür danke sie, die Ostdeutsche, ihm "auch ganz persönlich: Sie sind der Kanzler der Einheit".

Kohl begrüßte die Kanzlerin zwar mit Handkuss, mischte sich dann aber in ihre Tagespolitik ein, forderte "Positionen" ein, die auch längere Gültigkeit haben. Zum Beispiel in Sachen Aussetzung der Wehrpflicht: "Ich war immer jemand, der die Wehrpflicht aus Überzeugung vertreten hat", mahnte Kohl. Einige aus dem konservativen Flügel der Unionsparteien haben das alles sehr genau zur Kenntnis genommen. So wartet man in der Union gespannt auf den Freitagvormittag.

Wie auch auf der Frankfurter Buchmesse. Denn sollte das norwegische Nobelkomitee aus der Rekordzahl von 237 Nominierten tatsächlich Helmut Kohl auswählen, dürfte das den Organisatoren am Main wenige Stunden später einen Ansturm von Reportern aus aller Welt bescheren.

Für den Nachmittag hat der Altkanzler seinen Besuch angekündigt.

insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
henningr 07.10.2010
1. allles ist möglich
Zitat von sysopZum x-ten Male ist Helmut Kohl für den Friedensnobelpreis nominiert - doch nun gehört der Altkanzler angeblich zum Kreis der Favoriten. Wird es diesmal klappen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721820,00.html
Seit Obusher ihn für - ja für was eigentlich - bekommen hat, ist wohl alles möglich.
punkorrekt 07.10.2010
2. Wofür soll Kohl den Nobelpreis bekommen?
Zitat von henningrSeit Obusher ihn für - ja für was eigentlich - bekommen hat, ist wohl alles möglich.
Etwa für sein tapferes Verschweigen seiner Finanziers oder für sein "selbstloses" Engagement für Leo Kirch?
venicius 07.10.2010
3. Einfach nur noch eine lächerliche Veranstaltung.
Zitat von sysopZum x-ten Male ist Helmut Kohl für den Friedensnobelpreis nominiert - doch nun gehört der Altkanzler angeblich zum Kreis der Favoriten. Wird es diesmal klappen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721820,00.html
Man kann auch wirklich den Bock zum Gärtner machen. Den Friedensnobelpreis kann ohnehin niemand mehr ernstnehmen, nachdem Barack Obama ihn nur deshalb bekommen hat, weil er zur Hälfte ein Schwarzer als Präsident der USA ist und Mohandas K. Gandhi ihn nicht bekommen hat, weil er ein Schwarzer war. Einfach nur noch eine lächerliche Veranstaltung.
saul7 07.10.2010
4. ++
Zitat von veniciusMan kann auch wirklich den Bock zum Gärtner machen. Den Friedensnobelpreis kann ohnehin niemand mehr ernstnehmen, nachdem Barack Obama ihn nur deshalb bekommen hat, weil er zur Hälfte ein Schwarzer als Präsident der USA ist und Mohandas K. Gandhi ihn nicht bekommen hat, weil er ein Schwarzer war. Einfach nur noch eine lächerliche Veranstaltung.
Die Verleihung des Preises an Obama war eine unsinnige Aktion, die dem amerikanischen Präsidenten am Ende mehr schaden als nützen wird. Die Verleihung des Preises an Herrn Kohl würde den Preis abwerten .... Ein Albtraum eben!
Steff-for 07.10.2010
5. Nullleistung
Verglichen mit den exorbitanten Leistungen im Bereich der Naturwissenschaften, Medizin, Literatur betrachte ich den Friedensnobelpreis doch eher als eine peinliche Verlegenheitspreisverleihung für Leute, die so niemals die Chance bekommen würden, jemals einen Preis zu bekommen. DER Kohl jedenfalls hat dergleichen Ehre nicht verdient! Die Wiedervereinigung ist NICHT sein Werk. Er war nur zufällig zu dieser Zeit unser aller Kandesbunzler, welcher sein Volk in diesem Zuge auch noch dummdreist belogen hat. Aber... er wird ihn bekommen. Toll Helmut! Steff
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