Umfrage Jeder zweite Deutsche hat Ressentiments gegen Asylsuchende

Asylsuchende stoßen in der Bevölkerung auf wachsende Ablehnung. Das ist das Ergebnis einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie zeigt auch: Verschwörungstheorien sind weitverbreitet.
Asylsuchende im bayerischen Regensburg (Archivbild aus dem August 2018)

Asylsuchende im bayerischen Regensburg (Archivbild aus dem August 2018)

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

In Deutschland sind negative Einstellungen gegenüber Asylsuchenden weit verbreitet: Jeder Zweite äußert Vorbehalte, wenn er zu Asylsuchenden befragt wird. Das geht aus der neuen Mitte-Studie zu rechtsextremen Einstellungen hervor, die alle zwei Jahre von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegeben wird. Im Vergleich zum Jahr 2016 wuchs diese Gruppe sogar noch einmal, obwohl die Zahl der Asylsuchenden rückläufig ist. Die Studie, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird, lag dem SPIEGEL vorab vor.

Die Studienteilnehmer antworteten in der Befragung in vier bis fünf Abstufungsmöglichkeiten (von "stimme überhaupt nicht zu" bis "stimme voll und ganz zu") etwa auf Fragen wie:

  • "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland"
  • "Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt"
  • "Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit"

Die Autoren beobachten zudem mit Sorge eine Verankerung rechtspopulistischer Einstellungen in der Bevölkerung. "Sie sind in der Mitte normaler geworden", heißt es. Erstmals wurden die Teilnehmer auch zu Verschwörungstheorien befragt. Die Erkenntnisse überraschen: Viele Menschen glauben demnach, dass Politiker nur Marionetten anderer Mächte sind.

Skepsis gegenüber Asylsuchenden auf Höchstwert

Seit 2014 zeigt rund ein Fünftel der deutschen Bevölkerung feindliche Einstellungen gegenüber "Fremden". Die Werte seien stabil und auf einem hohen Niveau, schreiben die Verfasser der FES-Studie. Zugenommen hat hingegen die Bereitschaft der Befragten, sich in Antworten negativ über Asylsuchende zu äußern. Der Wert stieg von 49,5 Prozent im Jahr 2016 auf nun 54,1 Prozent an. Es ist das höchste Ergebnis, seitdem 2011 erstmals Meinungen über Asylsuchende abgefragt wurden.

Die Wissenschaftler schließen daraus: Die Debatte über Asyl und Zuwanderung habe an Härte zugelegt. Vorurteile und Abwertungen seien möglicherweise bei den Befragten bereits als Fakten verankert.

Stagnierender Rechtsextremismus, mehr Rechtspopulismus

Rechtsextreme Einstellungen werden vom Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Nur zwei bis drei Prozent der Befragten äußerten klar Meinungen in allen abgefragten Kategorien dieses Spektrums. In den vergangenen Jahren kam es bei den Werten kaum zu gravierenden Veränderungen. Auffällig ist jedoch, dass im Osten die Zustimmungswerte in den vergangenen zwei Jahren gesunken sind.

Rechtspopulistische Einstellungen sind dagegen in der Bevölkerung stabil verankert. Unter diesem Begriff versteht die Studie antipluralistische Überzeugungen, die ausgrenzend und national orientiert, aber nicht notwendigerweise gewaltnah sind. Sie bewegen sich (gerade noch) auf dem Boden des demokratischen Systems, ohne dieses konkret abschaffen oder angreifen zu wollen (mehr zu den Unterschieden zwischen den Begriffen "rechtsextrem" und "rechtspopulistisch" lesen Sie auch hier).

Rechtspopulistische Einstellungen sind laut der Studie durch mehrere Kennzeichen bestimmt: Darunter sind Skepsis gegenüber der Demokratie, Zustimmung zu Law-and-Order-Autoritarismus, sowie Abwertungen von Eingewanderten, Muslimen, Asylsuchenden und Sinti und Roma.

Jeder fünfte Befragte neigt demnach deutlich zu rechtspopulistischen Einstellungen, bei 42 Prozent lässt sich eine Tendenz dazu feststellen. Die Werte haben sich im Vergleich zu den Vorjahren kaum verändert. Deshalb lautet auch hier ein Teilfazit der Studie: Äußerungen aus diesem Bereich sind in der breiten Bevölkerung angekommen, gelten teilweise als normal und akzeptiert.

Werden die rechtspopulistischen Einstellungen in Korrelation zur Parteipräferenz der Befragten gesetzt, überraschen die Ergebnisse kaum. Hier liegt die AfD erwartungsgemäß vorn.

Osten kritischer gegenüber "Fremden"

In den neuen Bundesländern sind rechtspopulistische Einstellungen stärker verbreitet als im Westen. Das gilt vor allem für die Abwertung von "Fremden", sagt Franziska Schröter von der FES. Ablesbar ist das an den folgenden Punkten:

  • Fremdenfeindlichkeit: Osten 23 Prozent, Westen 18 Prozent
  • Abwertung von Muslimen: Osten 26 Prozent, Westen 19 Prozent
  • Abwertung Asylsuchender: Osten 63 Prozent, Westen: 51

Der Osten fühle sich insgesamt politisch machtloser als der Westen, das Vertrauen in die Demokratie sei geringer, sagt Franziska Schröter. Das Gefühl der kollektiven Wut auf die Zuwanderung ist in den neuen Ländern mit 52 Prozent deutlich höher als im Westen (44 Prozent).

Verschwörungstheorien weit verbreitet

Erstmals haben die Wissenschaftler auch die Zustimmung und Ablehnung zu Verschwörungstheorien abgefragt. Die Ergebnisse überraschen, denn sie offenbaren eine zunehmende Skepsis gegenüber Staat, Politikern und Medien.

So glaubt fast die Hälfte der Befragten (45,7 Prozent) an geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Ein Drittel (32,7 Prozent) ist der Meinung, Politiker und andere Führungspersönlichkeiten seien nur Marionetten anderer Mächte. Jeder Vierte (24,2 Prozent) meint, Medien und Politik steckten unter einer Decke.

Männliche Befragte (43,9 Prozent) glauben tendenziell eher an Verschwörungstheorien als Frauen (33,9 Prozent). Zudem sind Befragte mit niedrigerem und mittlerem Bildungsniveau empfänglicher als Personen mit einem hohen Bildungsniveau.

Verschwörungstheorien sind häufig in terroristischen und rechtsextremen Milieus beliebt. Bekanntestes Beispiel ist die sogenannte Reichsbürgerbewegung, die zunehmend in den Fokus der Sicherheitsbehörden gerät. Ein Teil der Anhänger dieser Bewegung gilt als rechtsextrem und gewaltbereit.

Die Wissenschaftler wollten in der Studie deshalb auch wissen, wie Anhänger von Verschwörungstheorien auf bestimmte Themenbereiche des rechten Spektrums antworten. Das Resultat: Asylkritische und fremdenfeindliche Einstellungen werden jeweils deutlich stärker von denjenigen Befragten geteilt, die Verschwörungstheorien eher zustimmen als von jenen, die diese ablehnen.

Grundsätzlich zieht das Forschungsteam aber auch positive Schlüsse aus dem Studienergebnis: Der Großteil der Deutschen befürwortet demnach die Demokratie, begrüßt Vielfalt und fordert eine Stärkung der EU (zu den vollständigen Ergebnissen geht es nach der offiziellen Veröffentlichung ab 11 Uhr hier ).


Daten zur Umfrage

Die Studie basiert auf repräsentativen Befragungen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung alle zwei Jahre in Auftrag gibt. Sie entstand in Kooperation mit dem Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld.

Die Daten wurden mittels telefonischer Repräsentativbefragung in der Wohnbevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit ab 18 Jahren erhoben. Insgesamt wurden 1890 Menschen zwischen September 2018 und Februar 2019 befragt.

Außerdem nutzen die Autorinnen und Autoren vorliegende Datensätze der Friedrich-Ebert-Stiftung aus den Mitte-Studien der Jahre 2006 bis 2016 und Datensätze des Langzeitprojekts "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF) vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) von 2002 bis 2011.

Grundlage der Befragung ist ein standardisierter Fragebogen, der Aussagen zu Vorurteilen gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Bevölkerungsgruppen und Gewalteinstellungen umfasst.

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