Uwe Schneidewind

200 Jahre Friedrich Engels Die Kraft der bürgerlichen Systemkritik

Uwe Schneidewind
Ein Gastbeitrag von Uwe Schneidewind, Die Grünen
Ein Gastbeitrag von Uwe Schneidewind, Die Grünen
Friedrich Engels gilt als Revolutionär und Vordenker des Sozialismus – und vielen schon deshalb als Figur von vorgestern. Dabei zeigt er etwas anderes: Erfolgreiche Systemkritik kommt oft aus dem Bürgertum.
Friedrich Engels

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Die vorherrschende Engels-Rezeption verliert sich oft in zwei Extremen: Auf der einen Seite gibt es den orthodoxen kapitalismuskritischen Zugriff auf Engels Arbeit. Es wird dann darum gestritten, wo und in welchem Umfang die damals formulierte Kapitalismuskritik weiter gültig ist. In der Regel verlassen diese Diskussionen die Blasen ausgewählter wissenschaftlicher Zirkel nicht. 

Auf der anderen Seite der Engels-Rezeption existiert eine ausgeprägte Berührungsangst mit der politischen Dimension des Werks von Marx und Engels. Dies ist verständlich angesichts der Erfahrungen mit den sozialistischen und kommunistischen Realexperimenten im 20. Jahrhundert. Die Folge ist eine Flucht in die schillernde Vielschichtigkeit der Person Friedrich Engels: der Textilfabrikant und sozialistische Autor, der polyglotte Herrenreiter und Straßenkämpfer, der Frauenheld und treue Freund. 

Doch jenseits dieses letztlich historisierenden Zugriffs liefert Friedrich Engels mit seinem Denken und Wirken durchaus auch Orientierung für aktuelle Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch. Zwei davon scheinen besonders interessant.

Die Beziehung von Wissenschaft und Politik

Was die wissenschaftliche und publizistische Arbeit von Friedrich Engels so wirkungsvoll machte, war die enge Verknüpfung von Empirie mit Theoriearbeit. Dazu kam eine Lust auf eine radikale Interdisziplinarität, wie wir sie heute kaum noch finden. Studien wie die 1845 publizierte zur »Lage der arbeitenden Klasse in England« waren eine Form qualitativ-empirischer Soziologie, wie sie leider selten geworden ist. Dabei wäre so eine Form der Zeitanalyse in Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs von zentraler Bedeutung.

Die empirische Basis im Zusammenspiel mit den theoretischen Analysen machte die Kraft der wissenschaftlichen Arbeit von Karl Marx und Friedrich Engels aus. Es entstand eine polit-ökonomische Analyse, die für historisch-soziale und ökonomische Zusammenhänge nach ähnlichen Gesetzlichkeiten suchte wie die, an denen sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts die boomenden Natur- und Technikwissenschaften orientierten. Dieser »historische Materialismus« schoss in seinem Objektivierungs-Anspruch über das Ziel hinaus, wie wir heute wissen. Aber er war von dem tiefen Wunsch geprägt, aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu durchdringen und sich diesen interdisziplinär zu stellen.

Sowohl qualitativ-empirische Untersuchungen als auch Disziplinen-übergreifende Theoriearbeit sind heute in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eher auf dem Rückzug.

Die Kritik an der heutigen Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird jedoch immer lauter. Aufgeklärte Wirtschaftsstudierende, die »Economists4Future« oder die Vertreter einer »Öffentlichen Soziologie« verbindet der Ruf nach einer Sozialwissenschaft, die Orientierungswissen für Gesellschaften im Umbruch schafft.  Der Geist einer Wissenschaft, die Zeitanalyse und politische Relevanz miteinander verbindet, hat daher im Vergleich zur Mitte des 19. Jahrhunderts nichts an Relevanz verloren.

Systemkritik aus der bürgerlichen Herzkammer

Ein weiteres Phänomen der Wirkgeschichte Friedrich Engels ist von überraschend hoher aktueller Relevanz: die Kraft einer Systemkritik, die aus der bürgerlichen Herzkammer des Systems kommt. Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 als Sohn eines vermögenden bergischen Industriellen geboren. Sein tiefer Einblick in die Zusammenhänge und Spielregeln des Unternehmertums seiner Zeit, seine herausragende Bildung, seine Sprachkompetenz, seine ökonomischen Ressourcen: All das entsprang seiner bürgerlichen Herkunft aus einer führenden (Wuppertal)-Barmer Textilfabrikanten-Familie. Es war die Grundlage dafür, sowohl theoretisch als auch politisch praktisch wirken zu können. 

Heute gilt gleiches für die charismatischen und zumeist hochgebildeten Stimmen der Fridays-for-Future-Bewegung, aber letztlich auch für die (ökologische) Systemkritik der Grünen, deren Wählergruppen überwiegend aus den gebildeten und wohlhabenden Milieus kommen . Die katholische Kirche mit der päpstlichen Enzyklika Laudato Si (2015) reiht sich in die Stimmen der Systemkritik derzeit genauso ein wie der Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Die Systemkritik gewinnt zunehmend an bürgerlicher Kraft. 

Die Kritik an den ökologischen und sozialen Verwerfungen der modernen globalen Ökonomie ist bei den aktuellen Bewegungen ähnlich klar wie einst bei Friedrich Engels. Sie haben aber den klassenkämpferischen Elan verloren. Sie wissen vielmehr um die Notwendigkeit eines »radikalen inkrementellen Wandels« (Maja Göpel). 

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Uwe Schneidewind wechselte von der Wissenschaft in die Politik: Seit dem 1. November 2020 ist er Oberbürgermeister von Wuppertal, das von einer Koalition aus Grünen und CDU regiert wird. Als Wirtschaftswissenschaftler forschte Schneidewind zuvor über gesellschaftliche Transformationsprozesse. Er war Professor an und Präsident der Universität Oldenburg und leitete danach von 2010 bis 2020 das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Damit ist ein Wandel der vielen kleinen Weiterentwicklungen des Wirtschaftssystems gemeint, die in ihrer Summe am Ende doch zu einem radikalen Umbau in ökologischer und sozialer Hinsicht führen: von einer ökologischen Steuerpolitik, dem konkreten infrastrukturellen Umbau der Städte, der selektiven Neuorganisation von Eigentumsverhältnissen in Bereichen der Daseinsvorsorge, der Kraft von zivilgesellschaftlichen Bewegungen, von Vorreiter-Unternehmen und urbanen Laboren, von einer neuen Kultur der Genügsamkeit. 

Die »Große Transformation« ist kein revolutionäres Projekt im Sinne von Marx und Engels mehr. Sie entsteht durch das Zusammenwirken vieler Einzelbausteine, getragen durch vielfältige »Change Agents« und flankiert durch eine dazu passende Politik. 

Deswegen erklärt der Grünenvorsitzende Robert Habeck, dass »radikaler Wandel keine Koalitionen scheuen sollte und insbesondere mit und nicht gegen den Rechtsstaat erfolgen muss«. Letztlich werden bürgerliche schwarz-grüne Bündnisse damit zum neuen Motor für den systemischen Wandel erklärt. 

Was damit als Parallele zu Engels bleibt: Die bürgerliche Selbsttransformation ist der Motor für die Systemveränderung. 

Neue Labors für den radikalen inkrementellen Wandel

Was folgt aus der Erkenntnis, dass das Zusammenspiel von Wissenschaft, Zeitanalyse und Politik nichts an Aktualität verloren hat, der Systemwechsel aber als radikaler inkrementeller Wandel gedacht werden muss?

Experimentierorte gewinnen an Bedeutung, in denen dieses Zusammenspiel erprobt und vorangetrieben wird. Gerade Großstädte sind solche »Reallabore«. Hier ist es möglich, konkretes Engagement und Erfahrungen vor Ort mit Theoriearbeit von Wissenschaft zu verbinden: bei Zukunftsentwürfen für das zukünftige Wohnen und Leben in der Stadt, beim Nachdenken über neuen urbanen Wohlstand genauso wie bei der Energie- oder Verkehrswende in Städten.

Dafür braucht es Orte, an denen sich Politik, Wissenschaft, Kultur und Stadtgesellschaft in neuer Form miteinander verknüpfen. »Seitenwechsel« von Personen von der einen in die andere Sphäre können dabei hilfreich sein. In Engels Geburtsstadt Wuppertal, die ihren berühmtesten Sohn in diesem Corona-Jahr vornehmlich via Internet feiern konnte , sind dafür in den letzten Jahren viele Grundlagen gelegt worden, die es weiter auszubauen gilt. Sich Friedrich Engels als Vorbild zu nehmen, heißt daher, auch seinen Geburtsort zu einem solchen Experimentierort für die Transformation zu machen – und damit an seine Tradition als Transformationshauptstadt anzuknüpfen, die auf die industriellen Ursprünge Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

All das sind Gründe, warum eine Skulptur des »Jungen Engels« durchaus auch in das Amtszimmer eines grün-schwarzen Oberbürgermeisters gehört.