Ein Fest für Friedrich "Wenn Sie wollen, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei"

Überraschend war die Entscheidung nicht. Aber wie sich die "Junge Union" auf ihrem Deutschlandtag für eine Urwahl ausgesprochen hat, das war großes Theater. Und ein Geschenk an den Stargast Friedrich Merz.

Friedrich Merz (l.) und der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban Deutschlandtag 2019
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Friedrich Merz (l.) und der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban Deutschlandtag 2019

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Wenn ein ehemaliger Politiker in der Provinz eine Rede hält, ist das normalerweise nicht der Rede wert.

Wenn es sich bei dem ehemaligen Politiker um Friedrich Merz handelt, liegt die Sache anders. Im Saarland würde er an diesem Freitagabend vor einer Jungen Union (JU) sprechen, die in ihm einen konservativen Heilsbringer sieht.

Das ist durchaus der Rede wert. Vor allem, weil ihn die JU in einem sehenswerten Akt politischen Theaters als ihren Mann auf ihren Schild hob - mit einem tagungsstrategischen Handstreich.

Auf seinem "Deutschlandtag 2019" in Saarbrücken wollte der Nachwuchs am Samstag darüber abstimmen, ob künftig die Parteimitglieder von CDU und CSU über die Besetzung von Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur entscheiden.

Nicht nur ein Affront gegen die Parteichefin

Allein das konnte schon als Affront gegen die ohnehin schwächelnde Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) gewertet werden - auch wenn der JU-Vorsitzende Tilman Kuban betont, das Thema "offen diskutieren" zu wollen. AKK, für die eine Rede in Saarbrücken eigentlich ein Heimspiel sein sollte, wird erst am Sonntag erwartet. Nach einer endlosen Riege von ausschließlich Männern.

Und nach der Abstimmung über die Urwahl.

Sollte der Antrag auf Urwahl eine Mehrheit bekommen, würde er satzungsgemäß auch beim CDU-Parteitag im November verhandelt werden. Käme er in Leipzig durch, wäre das traditionelle Zugriffsrecht der Parteivorsitzenden dahin - und das Rennen für andere Aspiranten wieder offen.

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Hier kommt Friedrich Merz ins Spiel. Er kommt in der gedruckten Tagesordnung gar nicht vor, kommt kurzfristig den weiten Weg ins Saarland, nach einem Telefonat mit Tilman Kuban. Mit seinem Auftritt am Eröffnungstag wird aus dem Affront ein politischer Angriff.

Eine überwältigende Mehrheit im Saal sieht ihn als den besseren Kanzlerkandidaten. Er sich selbst vermutlich auch. Applaudiert wird ihm im Stehen, ihn empfangen Plakate mit dem Aufdruck "Mehr Sauerland für Deutschland".

"Auch ich hätte Fehler gemacht"

Friedrich Merz weiß die Gelegenheit zu nutzen. Artig lobt er seinen Vorredner Kuban als "Rampensau, das war rich-tig gut" und dankt seinem Fanklub für die Unterstützung "im letzten Jahr", namentlich im Rahmen der Regionalkonferenzen. Da konnte sich AKK noch knapp gegen ihn durchsetzen. Er beschwört eine Zeit, die die Union "wieder spannend" gemacht hätte. Wäre doch schön, soll das bedeuten, wenn es so spannend weiterginge.

"Un-ein-ge-schränkt" stehe er hinter seiner Zusage, AKK als Vorsitzende zu unterstützen. Gleich darauf spielt er auf die Fehler seiner Konkurrentin an und erklärt loyal: "Auch ich hätte Fehler gemacht, vielleicht andere, vielleicht schwerer", was seine jungen Freunde nicht gerne hören: "Nein!", ruft jemand. "Doch, doch, doch", beharrt Merz genüsslich, wobei seine ausgestellte Loyalität sich plötzlich wie Konzilianz anfühlt.

In seiner Rede schreitet er gravitätisch Innen- wie Außenpolitik ab, ganz kritischer Beobachter von Verhältnissen, für die er nicht verantwortlich ist. Spricht über die Rentenversicherung und pocht auf Bedürfnisprüfung. Schon die Grundrente sei aus konservativer Sicht eigentlich "ein Schritt zu weit", Applaus, aber in einer Koalition müsse man eben Kompromisse machen, Gelächter.

"Es gibt keinen Dieselskandal"

Zur Umweltpolitik stellt Merz fest: "Ja, wir müssen etwas tun", wir hätten mit dem "Klimawandel auf dieser Welt ein ernsthaftes großes Problem". Aber? "Aber wenn wir es lösen wollen, wird das Deutschland alleine nicht können." An einem Wachstumsmarkt wie der Luftfahrt sollte "die europäische Technologie entscheidend teilhaben" in den nächsten "zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahren".

Dazu gehöre Offenheit für verschiedene Technologien, Offenheit vor allem für die "modernste" Technik "in der ganzen Welt, die auch aus Deutschland kommt und einen nachhaltigen Beitrag dazu leisten kann", alle Klimaziele zu erreichen: den Diesel. Denn: "Es gibt keinen Dieselskandal. Es gibt einen Betrugsskandal".

Das Wort "Dieselskandal" sei ein politischer Kampfbegriff der Umweltverbände, führt Merz aus und wendet sich unvermittelt plötzlich an den anwesenden Paul Ziemiak. Der ehemalige JU-Chef und CDU-Generalsekretär von AKKs Gnaden habe es verpasst, da gegenzusteuern: "Wir müssen wieder in der Lage sein, Begriffe zu prägen in der Debatte", schimpft Merz. Unter einem Generalsekretär Heiner Geißler wäre das "nicht möglich gewesen". Paul Ziemiak guckt wie Paul Ziemiak.

Nicht nur ruft Merz verstorbene CDU-Granden auf. Er zitiert Wilhelm Röpke ("Jenseits von Angebot und Nachfrage"), das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper und Francis Fukuyamas berühmten Irrtum vom "Ende der Geschichte". Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits bei der geopolitischen Weltordnung im 21. Jahrhundert angekommen: "Sind wir bereit, da mitzumachen in dieser Weltliga?"

Zuletzt bringt er Passagen aus einem aktuellen Kommentar von Springer-Chef Matthias Döpfner zum Vortrag und schließt: "Wie freiheitlich und wie menschlich wir die Zukunft unseres Landes und der EU gestalten, diese Verantwortung liegt auf Deutschland und in Deutschland auf CDU und CSU. Wir werden die politische Auseinandersetzung darum führen müssen. Und wenn Sie wollen, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei". Deutlicher kann man sich als Kanzlerkandidat kaum empfehlen.

Mut zur Führung

Ob die Delegierten wohl wollen? Tilman Kuban jedenfalls strahlt über seinen Coup, lauscht dem Applaus, der will nicht enden und geht über in deutsches Liedgut: "Oh, wie ist das schön, sowas hat man lange nicht geseh'n!" Kuban bestellt unterdessen zwei Bier ("Zwei Bier!") auf die Bühne, kämpft ein Weilchen mit den Kronkorken und stößt mit Merz an: "Es soll auch noch Leute geben", ruft er, "die im Malle-Urlaub mal ein Bier trinken!"

Ein schönes Bild, mit dem es sein Bewenden gehabt haben könnte - wenn dem Affront nicht noch ein dramaturgisch-psychologischer Handstreich folgen würde.

Denn wegen des "großen Medieninteresses" wird der umstrittene Antrag 3 auf Urwahl überraschend vorgezogen. Was eigentlich am Samstag besprochen und beschlossen werden sollte, wird nun unter dem Eindruck von Merz' Bewerbungsrede fix wegdiskutiert.

Und dies durchaus so "offen", wie Kuban das im Vorfeld treuherzig versprochen hatte. Kritik an der Urwahl gibt es durchaus. Man dürfe nicht den gleichen Fehler wie die SPD machen, müsse Mut zur Führung zeigen. Es überwiegen allerdings die Fürsprecher, wiederum alles Männer, die ihre Union gerne als "Mitmachpartei" sehen, Basisdemokratie etablieren und ungern einen "Trend" verschlafen würden. Außerdem müsse man der SPD ihren Demokratiebonus streitig machen.

Der Worte sind rasch genug gewechselt, man möchte alsbald Taten sehen und zur Abstimmung schreiten, "denn wir wollen doch alle nicht zu spät zur Party kommen!".

Einem Geschäftsordnungsbeitrag auf Ende der Debatte wird stattgegeben. Von den 278 stimmberechtigten Delegierten im Saal des Congresszentrums votieren 107 gegen den Antrag, 170 dafür. Die Begeisterung für ihren Heilsbringer scheint größer gewesen zu sein als für die Urwahl.

Trotzdem dürfte es nun wesentlich möglicher werden, dass Friedrich Merz in absehbarer Zeit kein ehemaliger Politiker mehr sein wird.



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fvaderno 12.10.2019
1. Wenn man den Namen Friedrich Merz hört ...
...dann muss man auch 'Black Rock' erwähnen. Vor seiner Rückkehr in die Politik arbeitete er offen für diese Investitionsgesellschaft. Ich halte es für ziemlich sicher, dass diese Rückkehr sehr gut geplant im Sinne dieser Firma ist. Einige Äußerungen während seiner Kandidatur zum Vorsitz der CDU ließen darauf schließen. Man bedenke, weit über sechs Billionen (!) werden von denen verwaltet. Und es ist auch nicht so abwegig, dass sie zu denen gehören, die oft mit dem Prädikat 'Heuschrecken' versehen werden. Macht es nicht Angst, wenn solch Institutionen mit weit größerer Finanzkraft als die Bundesrepublik immer mehr Einfluß und MAcht bekommen?
ziehenimbein 12.10.2019
2. Das mit dem ehemaligen Politiker
sollte schon so bleiben! Merz besetzt nur eine Randposition, gut um der AFD ein paar Prozent abzunehmen, aber er wird nicht alle mitnehmen können. Er wünscht sich jemand wie Geißler, der wäre ihm aber haushoch überlegen und damit die bessere Wahl. Fraktion'svorsitzender, das war sein Zenit, mehr geht nicht!
shrufu 12.10.2019
3.
Wenn man den Artikel so liest könnte man meinen das einzige Problem mit Merz wäre die Männliche-Malle-Stimmung..
theoripp 12.10.2019
4. Lasch es
Weder AKK noch Merz werden für die CDU besonders gute Wahlergebnisse im Bund erzielen. Armin Laschet dagegen schon. Insofern kann man der CDU nur wünschen, dass es Laschet wird. Mir wünsche ich dagegen Merz - dann gibt es wieder Platz für linke Mehrheiten im Bund.
Tahlos 12.10.2019
5. Nunja
"ehemaliger Politiker" trifft es bei Merz ja recht gut. Das er inzwischen zu einem waschechten Lobbyisten mutiert ist, der seine letzte Chance gekommen sieht, nochmal auf einen Führungsposten in einer Partei zu kommen, ist ja kein echtes Wunder. Die Hintergründe sind dabei nichtmal zweitrangig - seine Vorstellung einer Zukunft ist ja inzwischen mehr oder weniger bekannt. Blackrock wirds ihm danken. Das Teile der CDU "Jugend" auf ihn reinfällt ist bei der Menge an Berufsjugendlichen ohne irgendeine echte Erfahrung im Berufsleben nicht anders zu erwarten.
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