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Front gegen Atomkompromiss Künast droht Kanzlerin mit heißem Herbst

Der Atomkompromiss empört die Opposition: Grünen-Fraktionschefin Renate Künast erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie ihre Partei die Laufzeitenverlängerung stoppen will - und warum sie jetzt für ein Bündnis mit der Union schwarzsieht.

Renate Künast

Berlin - Für die Opposition ist der schwarz-gelbe Atomkompromiss eine Kampfansage: Die Grünen drohen der Bundesregierung mit einem heißen Herbst - von Massendemonstrationen bis zur Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. "Das wird die Kanzlerin noch bereuen", sagt , Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion, im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Ich glaube, dass sich Frau Merkel mit der Aufkündigung des Atomausstiegs einen gesellschaftlichen Großkonflikt aufgehalst hat." Die Bundesregierung hatte am Montag ihr Energiekonzept vorgestellt.

Dieses sieht eine Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke von durchschnittlich zwölf Jahren vor. Ein Teil der zusätzlichen Milliardeneinnahmen der AKW-Betreiber soll in den Ausbau regenerativer Energien gehen.

Merkels Atomkompromiss ist für Künast aber auch ein klares Signal gegen Schwarz-Grün. "Die Union zeigt damit, dass sie eine rückwärtsgewandte Partei ist", sagte sie.

Lesen Sie hier das vollständige SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Renate Künast und sehen Sie oben das begleitende Video mit der Grünen-Fraktionschefin:

SPIEGEL ONLINE: Frau Künast, Ihre Partei droht der Bundesregierung wegen der Laufzeitenverlängerung mit einem "heißen Herbst". Nehmen Sie den Mund da nicht ein bisschen voll?

Künast: Nein, ich glaube, dass sich Frau Merkel mit der Aufkündigung des Atomausstiegs einen gesellschaftlichen Großkonflikt aufgehalst hat. Diese blanke Interessenpolitik für die vier großen Atomkonzerne wird noch mehr Menschen als bisher auf die Straße treiben. Am 18. September wird es eine Riesendemonstration in Berlin gegen die schwarz-gelben Laufzeitverlängerungen geben. Die Grünen werden ihrerseits alle ihre Möglichkeiten innerhalb und außerhalb der Parlamente nutzen, um die Rolle rückwärts in der Energiepolitik zu verhindern. Wir werden auch vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen klagen, dass Schwarz-Gelb den Bundesrat umgehen will.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr wurde Schwarz-Gelb noch von einer Mehrheit gewählt - die offensichtlich nichts gegen eine Laufzeitverlängerung hatte. Wie soll da plötzlich die Mobilisierung gegen die Energiepolitik der Regierung gelingen?

Künast: Das liegt doch auf der Hand. Die Leute sagen sich: Warum sollen wir eine riskante Technologie nutzen, wenn der andere Weg risikolos ist und sogar mehr Arbeitsplätze verspricht? Das Schauspiel, das uns Schwarz-Gelb vorführt, entgeistert mich - so entsteht Politikverdrossenheit.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Künast: Erst hieß es: Wir schauen, wie weit man mit erneuerbaren Energien kommt - erst danach wird eine AKW-Laufzeitentscheidung getroffen. Nun hat Merkel es so zusammengezimmert, dass jeder in der Koalition damit leben kann. Und dann umgeht Schwarz-Gelb auch noch den Bundesrat. Das wird die Kanzlerin noch bereuen.

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Grafiken: Energiegutachten für die Regierung

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SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie sich aus Karlsruhe?

Künast: Das Verfassungsgericht hat sich als Korrektiv unserer Demokratie erwiesen. Die Bundesländer bekommen eine Menge Pflichten aufgebürdet - und dann sollen sie nicht mitreden dürfen? Natürlich werden Union und FDP auch aus jeder kommenden Landtagswahl ihre Schlüsse ziehen können. Dieses Land lässt sich nicht veräppeln: Zig Milliarden Euro zusätzlicher Gewinne für die Energieriesen und dafür ein paar hundert Millionen für den Netzausbau - das sind wirklich Peanuts.

Grünen

SPIEGEL ONLINE: Der -Freund Röttgen ist als Umweltminister der große Verlierer des Koalitionsbeschlusses. Schmerzt Sie das?

Künast: Ich habe keine Freunde, die grün blinken und schwarz fahren. Natürlich könnte man Röttgen, auch weil seine Sicherheitsforderungen plötzlich keine Rolle mehr spielen, als Verlierer bezeichnen. Aber das ginge nur, wenn der Umweltminister etwas ehrlich gewollt hätte. Röttgen ist allerdings ein Januskopf: Er hat sich weit genug gegen lange Laufzeitverlängerungen positioniert, um im Verhältnis zu den Hardlinern als der vermeintlich Vernünftige dazustehen - und damit ihm die AKW-Gegner nicht pausenlos Ärger machen. Andererseits hat sich auch Röttgen für eine moderate Laufzeitverlängerung ausgesprochen, die er nicht begründen kann, um im konservativen Lager Rückendeckung zu behalten. Das zeigt: Der Umweltminister spielt falsch.

SPIEGEL ONLINE: Ist Schwarz-Grün im Bund nach dem Beschluss dieser Unions-geführten Koalition noch möglich?

Künast: Die Union zeigt damit, dass sie eine rückwärtsgewandte Partei ist. So passen die nicht zu uns. Eine grüne Regierungsbeteiligung 2013 wird das Ziel haben, diese Atombeschlüsse rückgängig zu machen. Ich kann die Koalition nur warnen, eine rechtliche Konstruktion auszutüfteln, die Parlamente später durch etwaige Milliardenrückzahlungen bindet.

SPIEGEL ONLINE: Also wäre 2013 die Rücknahme der Laufzeitverlängerung eine Koalitionsbedingung für Schwarz-Grün?

Künast: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist immer grüner Kern - das steht bei uns in der Geburtsurkunde. Diese Hürde haben wir gegenüber jedem möglichen Koalitionspartner - die hatten wir auch gegenüber der SPD.

Was Künast der Sarrazin-Debatte abringen kann - und warum sie über eine mögliche Spitzenkandidatur in Berlin weiter schweigt

SPIEGEL ONLINE: Das SPD-Mitglied Sarrazin erhitzt auch in der dritten Woche die Gemüter in der Republik. Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Wulff haben sich beide in die Debatte eingeschaltet - war das richtig?

Künast: Dass der Bundespräsident sich zwischendurch geäußert hat, war juristisch unklug - denn wer die letzte Entscheidung trifft, sollte sich vorher in Schweigen hüllen. Die Entgeisterung über die sarrazinsche Vererbungslehre war allerdings so groß, dass wohl niemand mehr schweigen konnte - selbst die Kanzlerin nicht. Allerdings merken wir jetzt, auch an den scharfmacherischen Forderungen aus der Union, dass die Debatte schwieriger ist als gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Künast: Ich wäre dafür, wieder auf eine andere Ebene zu kommen: Ruhig, beharrlich und gezielt - voller Respekt gegenüber jeder Religion - darüber zu debattieren, was zu tun ist. Und das ist einiges, auf unserer wie auf Seite der Migranten. Es geht um knallharte Regeln des Zusammenlebens - das müssen wir klarmachen. Und dann merkt man doch schnell, dass es kein Religionsproblem, sondern ein Schichtenproblem ist. Die Grünen waren die ersten, die schon vor Jahren ein schlüssiges Integrationskonzept vorgelegt haben. Trotzdem will ich nicht behaupten, wir Grüne hätten alles richtig gemacht. Beispielsweise haben wir zu spät erkannt, dass Multikulti von anderen oft nicht als Integration verstanden wird. Dass es nämlich nicht heißt, jeder kann machen, was er will. Sondern dass es auch den Migranten Anstrengungen abverlangt: Spracherwerb, Akzeptanz demokratischer Werte, Bildung für die Kinder etc.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Partei steht so gut da wie nie zuvor. Sind die Grünen die neue Volkspartei?

Künast: Ich glaube nicht, dass das Konzept klassischer Volksparteien mit um die 40 Prozent Wähleranteil eine große Zukunft hat.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind die Grünen eben eine kleine Volkspartei.

Künast: Ich habe ein generelles Problem mit dem Konzept Volkspartei: Aus meiner Sicht vertreten SPD und Union ungefiltert verschiedene Interessengruppen - und versprechen jeder das Blaue vom Himmel. Da will ich mit den Grünen nicht hin - wir müssen immer das Ganze sehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das sehen die Volksparteien doch auch.

Künast: Ich erlebe das anders. Die sogenannten Volksparteien addieren gewöhnlich Einzel- und Gruppeninteressen und glauben, dabei komme ein schlüssiges Konzept für das Gemeinwohl heraus. Sie haben nicht den Mut, sich bei einem Teil der Gesellschaft auch mal unbeliebt zu machen. Wir Grünen sehen in den guten Umfragewerten keinen Grund zum Übermut, sondern höchstens einen Anlass zu noch mehr Verantwortungsbewusstsein für diese Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin sind die Grünen neuerdings sogar stärkste Partei in den Umfragen - mit Ihnen als Spitzenkandidatin?

Künast: Natürlich freue ich mich über die tollen Umfragewerte. Zur Spitzenkandidatur sage ich: Erst gibt es eine Debatte bei den Berliner Grünen um ihr Programm - dann kommen Personalentscheidungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange soll das Versteckspiel noch gehen?

Künast: Noch einmal: Erst kommt die Programmdebatte, dann das Übrige.

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