Führungskrise in Bayern Gerüchte über Seehofer schockieren CSU

Der Machtkampf in der CSU wird schmutzig. Nach einem Bericht über eine Affäre von Horst Seehofer fragt sich die ganze Partei: Wer hat das finstere Gerücht über den möglichen Stoiber-Nachfolger gestreut?


Wildbad Kreuth - Edmund Stoiber inszeniert Normalität. Bayerische Staatskanzlei, vierter Stock, Kabinettssitzung. Die Kameraleute dürfen ein paar Minuten rein: Stoiber zeigt sich tatkräftig, macht mit beim frohgemuten Kraftgelächter. Es ist seine Schicksalswoche. Jetzt kommt es auf gute Bilder an.

Seehofer, Stoiber: "Unanständig, dass so etwas in den Medien gestreut wird"
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Seehofer, Stoiber: "Unanständig, dass so etwas in den Medien gestreut wird"

Zuvor hat er Landtagspräsident Alois Glück (CSU) zum Krisengespräch empfangen, eine halbe Stunde; danach kam Fraktionschef Joachim Herrmann. Glück sagt später bei der Fraktionsklausur in Kreuth: "Wir haben uns sehr gut und konstruktiv ausgetauscht." Ergebnisse? "Es gibt keinen Anlass zu Spekulationen." Herrmann sagt: "Sehr gut" sei es gewesen bei Stoiber, "ernsthaft". Man werde in Kreuth darüber sprechen, ob die Fraktion mit Stoiber in die Wahl ziehe. Er habe Stoiber "meine Wahrnehmungen mitgeteilt", sagt Herrmann. Die CSU findet wieder zu Harmonie, Eintracht, Ruhe - das sollte die Botschaft des Tages sein.

Dann kam es anders.

Erst langsam, dann wie ein Lauffeuer brach sich in der CSU Empörung über einen Bericht der "Bild"-Zeitung Bahn. Sie hatte auf Seite 2 getitelt: "Machtkampf in der CSU wird schmutzig - Parteifreunde streuen Gerüchte über die heimliche Freundin von Horst Seehofer." Der Verbraucherminister, heißer Anwärter auf den CSU-Vorsitz, habe eine Geliebte, wird da behauptet: Die Zeitung zitiert einen CSUler, Seehofer solle vor einer Kandidatur für den Parteivorsitz "erst einmal seine Familienverhältnisse in Ordnung bringen".

"Viele hässliche Menschen unterwegs"

Rasch steht in der CSU die Frage im Raum: Wer hat ausgerechnet an jenem Tag, der Stoibers Schicksalswoche einläuten sollte, eine Schmutzgeschichte über Rivale Horst Seehofer in den Medien lanciert?

In Kreuth empören sich die CSU-Granden. Generalsekretär Markus Söder nennt den "herrschenden Stil, der mit Gerüchten und Unterstellungen arbeitet, unerträglich". Partei-Vizechefin Barbara Stamm: "Das ist unterste Schublade. Hier wurde eine Grenze überschritten." Sie vermutet offen eine politische Kampagne gegen Seehofer. Sie wünsche das ihrem ärgsten Feind nicht. "Das ist eine private Sache", sagt Landtagspräsident Glück. "Ich bedaure, dass das Privatleben eines Politiker so Gegenstand der Medien wird." Henning Kaul, umweltpolitischer Sprecher der Fraktion, findet die Sache "verrückt". Es seien "viele hässliche Menschen in diesen Tagen unterwegs".

Besonders pikant ist: Die ganze CSU-Führungskrise hat damit begonnen, dass Stoibers Staatskanzlei das Privatleben von Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli ausgeforscht hat. Jetzt die Enthüllungen über Seehofer - das gibt der Geschichte eine gewaltige Fallhöhe. Wer immer die Informationen an "Bild" lanciert hat, riskiert seine politische Zukunft.

Erinnerungen an den Showdown Waigel-Stoiber 1993

Pauli kommentiert den Seehofer-Bericht bei "Cicero" so: "Eine solche Schlagzeile ist das, was man wohl auch in meinem Fall gern gehabt hätte." Erneut werde ein Politiker durch angebliche Privatgeschichten politisch zu diskreditieren versucht. Sie hoffe, dass die Öffentlichkeit erkenne, "dass hier schmutzige Wäsche gewaschen wird, um jemandem bewusst zu schaden".

Stoiber beeilt sich heute, die Berichte über Seehofer zu verurteilen. Er finde es "unanständig, dass so etwas in den Medien gestreut wird". Seehofer habe sein "uneingeschränktes Vertrauen" und sei "ein politisches Alpha-Tier unserer Partei". Er "ist und bleibt für höchste Ämter erste Wahl".

Die Staatskanzlei steckt nicht dahinter, das ist Stoibers klare Botschaft. Wer aber dann?

Die CSU zerfällt in diesen Tagen in viele Interessengruppen. Viele der Spitzenpolitiker ringen um Einfluss und um Stoibers Erbe - entsprechend viele Verdächtige gibt es. Wer will Seehofer schaden? Oder will einfach jemand mittels des Schmutz-Berichts den Druck auf Stoiber hoch halten - damit die Krise den Ministerpräsidenten und CSU-Chef noch mehr beschädigt?

Die Frage beschäftigt auch die Landtagsabgeordneten bei der Klausur in Kreuth. Unter ihnen macht das Gerücht die Runde, die Seehofer-Geschichte sei aus dem Umfeld der Münchner Staatskanzlei gestreut. Aber es gibt auch Spekulationen, CSU-Bundestagsabgeordnete würden dahinter stecken, die sich in der Woche zuvor in Kreuth getroffen hatten. Landtagspräsident Glück sagt, er habe "keinen Anlass, das mit der Partei in Verbindung zu bringen". Soll wohl heißen: Suchen Sie woanders - zum Beispiel im Staatsapparat.

"Bild" nimmt Stoibers Staatskanzlei in Schutz

Der Bayerische Rundfunk (BR) verdächtigt schließlich in seinem Radioprogramm ganz öffentlich das Umfeld der Staatskanzlei. Die "Bild"-Chefredaktion reagiert empört, schickt ein Fax an den BR, das SPIEGEL ONLINE vorliegt: "Die Behauptung, Gerüchte um Minister Seehofer wären gezielt aus dem Umfeld der Staatskanzlei an 'Bild' gestreut worden, ist blanker Unsinn!"

In Kreuth vermuten Beobachter, der Kampf um Stoibers Nachfolge im Parteivorsitz sei schon ausgebrochen. Seehofer galt bisher als erste Wahl. Er hatte sich seit Wochen in der CSU-Krise bedeckt gehalten. Manche fragten schon: Wo steht der Horst? Am Wochenende schließlich bekannte er sich klar zu Stoiber: "Ich werde niemals gegen Edmund Stoiber als Parteivorsitzender oder in anderen Funktionen kandidieren."

Für die SPD ist der Fall Seehofer ein Zeichen, "mit welch üblen Machenschaften innerhalb der CSU agiert wird", sagte Landes-Vizechef Florian Pronold. Anscheinend solle Seehofer fertig gemacht werden: "Das Ganze hat Methode und zeigt die moralische Verkommenheit innerhalb der CSU." SPD-Chef Kurt Beck forderte: "Es muss so bleiben, dass in Deutschland die Privatsphäre von Politikern nicht zur Disposition stehen darf, zumal wenn es nichts mit dienstlichen Obliegenheiten zu tun hat."

Klar ist: Die Geschichte um Seehofer erhöht den Leidensdruck in der CSU. Viele bei der Fraktionsklausur in Kreuth erinnerte die Seehofer-Geschichte an den Machtkampf zwischen Stoiber und Theo Waigel 1993 um die Nachfolge von Ministerpräsident Max Streibl. Stoiber konnte sich damals unter anderem auch deshalb durchsetzen, weil Waigels Beziehung zur Skisportlerin Irene Epple (die er später heiratete) an die Presse lanciert wurde. Das Ende der Ära Streibl lähmte die Partei monatelang - es war eine der tiefsten Krisen der CSU.

Unvergessen ist auch, wie Streibl seinerzeit bis zuletzt nicht einsehen wollte, dass seine Zeit vorbei war. Er lebte in seiner eigenen Welt, ignorierte Ratschläge. Dann kam Stoiber und übernahm.

Stoiber könnte ein ähnliches Schicksal drohen. Es sei mit ihm "schlimmer als bei Streibl", sagt jetzt ein CSU-Präsidiumsmitglied.

Nur ein Königsmörder hat sich bisher nicht vorgetraut.

Sebastian Fischer, Wildbad Kreuth



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