Führungsstil der Kanzlerin Kann Merkel Krise?

In schwierigen Zeiten beweisen solche Regierungschefs Stärke, die beherzt handeln. Trotz Rezession und Bankennot hat die deutsche Kanzlerin aber vom normalen Gang der Regierungsgeschäfte noch nicht auf Störfall geschaltet. Sie zaudert sich in die Krise.

Aus Stuttgart berichtet Christoph Schwennicke


Stuttgart - Es gibt Regierungschefs, die sind wie geschaffen für die Krise. Es gibt Regierungschefs, die blühen auf in der Krise.

Und es gibt Angela Merkel.

Kanzlerin Merkel: Ihr Politikstil ist auf den Normalfall ausgerichtet - nicht auf den Störfall
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Kanzlerin Merkel: Ihr Politikstil ist auf den Normalfall ausgerichtet - nicht auf den Störfall

Winston Churchill ist der ersten Kategorie zuzuordnen. Kaum ein Staatsmann der jüngeren Geschichte verkörpert Stärke, Entschlusskraft und Führungswillen wie der große Brite, der seine Landsleute vor der sicheren Niederlage gegen Hitlers Kriegsmaschinerie bewahrt hat. Großbritannien vertraute sich diesem alten und erfahrenen Mann zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs an, nachdem die wankelmütige und letztlich tödlich-naive Appeasement-Politik Chamberlains gescheitert war. Churchill, so war das Gefühl der Bevölkerung, würde die Stärke besitzen, Großbritannien vor dem Untergang zu bewahren.

Was der Insel vor allem die Kraft gab, sich gegen die Invasion zu stemmen, war Churchills seither unerreichtes Vermögen, die richtigen Worte im richtigen Moment zu finden. Er schrieb all seine wichtigen Reden selbst, arbeitete an jedem Satz so lange, bis die Sätze das Zeug zur Ewigkeit hatten. Dass auch Churchill von düsteren Gedanken des Untergangs angewandelt war, erfuhren seine Landsleute erst, als es nicht mehr schaden konnte und er seine Memoiren auf Chartwell aufgeschrieben hatte, für die er zu Recht den Literaturnobelpreis bekommen hat.

Zur zweiten Kategorie, den Aufblühern, zählen derzeit Churchills Amtsnachfolger Nummer zehn, Gordon Brown, und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Brown sieht aus wie der erste Gewinner der internationalen Finanzkrise, die dabei ist, sich zu einer Weltwirtschaftskrise auszuwachsen. Seine Abwahl und Ablösung durch den Konservativen David Cameron sah schon wie eine sichere Sache aus, Brown hatte als Premier und damit Generalist zu normalen politischen Zeiten munter dilettiert und wirkte wie ein John Major von Labour. Major war nach der Ära von Margaret Thatcher als Regierungschef eine eher unbedeutende Episode; nach zehn Jahren Blair schien Brown das gleiche Schicksal sicher.

Doch in der Krise fand er sein Thema und seine Bestimmung. Mit der Weltfinanz war Brown als Schatzkanzler vertraut, lange bevor die Krise hereinbrach. Und mit einem Mal wurde aus dem verunsicherten Verlegenheitspremier ein Winston Churchill des 21. Jahrhunderts. So wie der Soldat und frühere Kriegsminister Churchill der Richtige für die Zeit des Zweiten Weltkriegs war, erweist sich Finanzexperte Brown als glückliche Fügung des Schicksals für die Briten in Zeiten des Zusammenbruchs des globalen Finanzsystems.

Nicolas Sarkozy schließlich, dessen Hyperventilismus die Franzosen schon bald nach der Wahl nicht mehr ertragen konnten, erweist sich jetzt ebenfalls als idealer Krisenmanager. Er blüht auf, nicht weil er wie Brown besonders viel von der Sache verstünde, sondern weil er endlich weiß, wohin mit all seiner überschießenden Energie. Selbst jene Franzosen, die ihrem hibbeligen Präsidenten bisher mit Skepsis gegenüber standen, fühlen sich in der Krise nun gut bei ihm aufgehoben.

Im neuen SPIEGEL 49/2008:

Angela Mutlos
Das gefährliche Zaudern der Kanzlerin in der Wirtschaftskrise

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Auf den Kanzler kommt es an. Nie galt dieser Satz so sehr wie in Zeiten wie diesen. Wenn es so schlimm komme wie jetzt, schrieb der Kolumnist Max Hastings dieser Tage im britischen "Guardian", könne man gut nachvollziehen, wie Moses, El Cid, die Jungfrau von Orleans und Jesus von Nazareth eine solche Gefolgschaft hervorrufen konnten. "In Zeiten wie diesen", schrieb Hastings, "sollten wir uns über politische Führungsfiguren freuen, die es genießen, eine Krise zu bewältigen."

Ist das hier so? In Deutschland traut man sich kaum diese Frage aufzuwerfen, so als habe man Angst davor, eine ungemütliche Antwort darauf zu bekommen.

Die Frage lautet: Kann Merkel Krise? Ist Deutschland in der Krise bei ihr in guten Händen?

Jeder Kanzler dieses Landes hat bisher eine Krise beschert bekommen, und die meisten sind in ihr über sich hinausgewachsen. Gerhard Schröder war ein Meister der Krise. Manchmal schien es, als beschwöre er Krisen künstlich herauf, um seine Fähigkeiten auszuspielen. Er ist im Jahr 2002 nur wiedergewählt worden, weil er sich als Krisenkanzler bewährt und inszeniert hatte. Schröder hatte die Gabe, den Instinkt für das richtige Wort und die richtige Geste im richtigen Moment. Er hatte nicht viel Zeit, nach den Terroranschlägen vom 11. September nachzudenken. Aber er wusste genau, was es zu bedeuten hatte, wenn er den Vereinigten Staaten die "uneingeschränkte Solidarität" versprach. Und er sprang beherzt in die Gummistiefel, als der Regen das Elbsandsteingebirge flutete.

Angela Merkel verfügt über diese Gaben nicht. Sie spricht nicht präzise. Sie ist eine rhetorische Grobmotorikerin. Was sie sagt, liegt leicht einen Halbton neben dem, was sie eigentlich sagen wollte. Ihr ganzer Politikstil ist auf den Normalfall, nicht den Störfall angelegt. Sie betrachtet Politik als eine Angelegenheit, die vom Ende her zu denken ist. Sie erfreut sich daran, länger als andere warten zu können auf den richtigen Moment.

In der Krise aber kann man nicht vom Ende her denken. In der Krise muss man vom Anfang her denken. Und intuitiv und beherzt das tun, was zum richtigen Ende führt. Man kann nicht auf einen selbstgewählten Moment warten. Man hat ihn nicht in der Hand.

Ihr bisheriges Handeln in der Krise lässt sich kurz zusammenfassen: too little, too late.

In diesen Wochen zerbröselt das Wenige, das sich Angela Merkel zum Ziel ihrer ersten Legislatur gesetzt hat. Die Klimakanzlerin, die US-Präsident George W. Bush in Heiligendamm zu bekehrt haben schien, sieht sich dem Druck aus den eigenen Reihen und der Automobilindustrie ausgesetzt, die europäischen Klimaziele hintanzustellen – keine Zeit für solche Sperenzchen jetzt. Schon einmal hat sie diesem Druck nachgegeben, als sie sich bei der CO2-Grenzwertdebatte für die spritschluckenden Dickschiffe aus deutscher Produktion und gegen ihre Überzeugungen einsetzte.

Das zweite erklärte Ziel, der ausgeglichene Haushalt bis 2011, ist schon für hinfällig erklärt worden. Und Merkels Weigerung, vorzeitig die Steuern zu senken, stößt auf Kritik in den eigenen Reihen. Die Möglichkeit besteht, dass von dieser ersten Amtszeit nicht mehr bleibt als eine misslungene Gesundheitsreform.

Und eine Kanzlerin, die einen Aufschwung von ihrem Vorgänger geerbt und einen Abschwung nicht beherzt abgefedert hat.

insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
cathys 01.12.2008
1. Nein!!
Zitat von sysopIn schwierigen Zeiten beweisen solche Regierungschefs Stärke, die beherzt handeln. Trotz Rezession und Bankennot hat die deutsche Kanzlerin aber vom normalen Gang der Regierungsgeschäfte noch nicht auf Störfall geschaltet. Das wirft die Frage auf: Kann Merkel Krise? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,593667,00.html
Nein, sie kann es nicht! Die erste Frau als Kanzlerin in Deutschland - was für eine SCHANDE! War aber nicht anders zu erwarten bei dieser Biographie (Kohls Mädel / DDR Vergangenheit)!
uwen, 01.12.2008
2. Sie macht das richtig
Zitat von sysopIn schwierigen Zeiten beweisen solche Regierungschefs Stärke, die beherzt handeln. Trotz Rezession und Bankennot hat die deutsche Kanzlerin aber vom normalen Gang der Regierungsgeschäfte noch nicht auf Störfall geschaltet. Das wirft die Frage auf: Kann Merkel Krise? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,593667,00.html
Bezüglich der aktuellen Finanzkrise weiß sie eben, genau wie Steinbrück, daß Konjunkturprogramme herausgeschmisssenes Geld sind, das irgendwann wieder erarbeitet werden muß. Deshalb begnügt sich mit symbolischen Gesten, um die Kritiker ruhig zu stellen.
Ausgewandert, 01.12.2008
3. Unsinn
In der Krise gilt nicht nur: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" sonder auch "Ruhe ist die erste Kanzlerpflicht". Ich will niemanden, der plötzlich mit meinen Steuergeldern Aktionismus mit zweifelhaftem Nutzen treibt und am Ende nur die Staatsverschuldung wächst.
LouisWu 01.12.2008
4. Nicht schlecht, das Mädel.
Zitat von sysopIn schwierigen Zeiten beweisen solche Regierungschefs Stärke, die beherzt handeln. Trotz Rezession und Bankennot hat die deutsche Kanzlerin aber vom normalen Gang der Regierungsgeschäfte noch nicht auf Störfall geschaltet. Das wirft die Frage auf: Kann Merkel Krise? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,593667,00.html
Im Moment versuchen die Medien mit allen Tricks, eine Krise herbeizureden. Es steigert die Auflage ja auch ungemein, wenn man Schlagzeilen wie "500.000 Jobs in Gefahr?" bringen kann. Eine Zeitung mit der Überschrift "Kein Grund zur Sorge" kauft doch niemand. Obwohl ich kein CDU-Wähler bin, muß ich anerkennen, daß Merkel ihre Sache bisher ganz gut gemacht hat, besser als der "Basta"-Fürst der Gasröhren. Und, erstaunlich: Nach einer aktuellen Umfrage wünscht sich eine Mehrheit der Bundesbürger die Fortsetzung der großen Koalition nach den nächsten Wahlen. Ich auch, weil ich es angenehm finde, daß in einer großen Koalition keine Klientelbedürfnisse bedient werden müssen/können. Daß Westerwelle sich in der Opposition einen Wolf sitzt, ist ein weiterer Pluspunkt, den ich "billigend in Kauf nehme" ;-).
mursilli 01.12.2008
5. Kanzlerin Merkel
Zitat von sysopIn schwierigen Zeiten beweisen solche Regierungschefs Stärke, die beherzt handeln. Trotz Rezession und Bankennot hat die deutsche Kanzlerin aber vom normalen Gang der Regierungsgeschäfte noch nicht auf Störfall geschaltet. Das wirft die Frage auf: Kann Merkel Krise? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,593667,00.html
Sie sollte das Sahnehäubchen auf die Wiedervereinigung sein, nämlich die Spitzenbesetzung aus dem Osten. Sie sollte aber auch die Forderung "Frauen an die Macht" befriedigen. Das qualifiziert nicht zwingend für die Bewältigung einer Krise. Daß Helmut Schmidt den deutschen Herbst '77 bestanden hat, war ihm, vermutlich nur ihm beschieden als einem energisch zupackenden Politiker bei der Hamburger Flutkatastrophe. Merkel durfte dem letzten Ministerpräsidenten der DDR de Maiziere den Kaffee reichen und ward fortan Kohls Mädchen. Anschließend hat sie die CDU-Granden geschickt ausmanövriert. Auf den Angriff aus dem Hinterzimmer waren sie nicht gefaßt. Dann wurde sie mit einem sehr dünnen Wahlergebnis zur Überraschung des gefühlten Wahlsiegers Schröder Kanzlerin. Der Jubel über die Zeitenwende war nicht nur groß bei Alice Schwarzer. Eine Maggie Thatcher ist sie nicht. Jetzt müssen wir mal sehen.
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