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Asien-Cup 2011 in Doha

Asien-Cup 2011 in Doha

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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Wandel durch Kuhhandel

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Als Fußballfan steht man kurz vor Beginn der Fußball-WM in Katar vor der schwierigen Frage: Gucken oder Boykottieren? Unser Autor hat sich für Zugucken entschieden. Und verweist als Alibi auf Robert Habeck.
aus DER SPIEGEL 45/2022

Lange Zeit hatte ich die Hoffnung, die Weltmeisterschaft in Katar würde doch noch abgeblasen. Dass die korrupte Fifa doch noch zur Besinnung kommt, einsieht, dass man so einen Quatsch einfach nicht macht. Aber das war extrem naiv. Eher wird die Mafia zum Männergesangsverein.

Eine kurzfristige Absage des Turniers hätte mich jedenfalls von einem moralischen Dilemma befreit. Wie soll ich als Liebhaber des Fußballs mit dieser WM umgehen? Mache ich mich schuldig, wenn ich sie im Fernsehen anschaue? Einerseits interessieren mich die Spiele tatsächlich. Andererseits würde ich Fifa und Co in ihrer Annahme bestärken, dass man Fußballfans alles zumuten kann.

Natürlich ist die Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar eine der dummdreistesten Aktionen der Fußbalgeschichte, ja eine bodenlose Frechheit. Sie dürfte (wie die Vergabe der WM 2006 an Deutschland) das Ergebnis von Korruption sein. Sie ist klimatechnisch eine Katastrophe. Sie ist vor allem menschenrechtlich eine Katastrophe. Weil ihr Tausende Arbeiter, die die Sportstätten errichtet haben, zum Opfer fielen. Und weil sie einer menschrechtsfeindlichen Diktatur als Marketing- und PR-Maßnahme dient, die sich mit dem Glanz des beliebten Sports weißwaschen will.

Wie die profitgeile Fußball-Funktionärs-Elite mit Katar verfährt, hat der im Volksmund als »Kaiser« bekannte Franz Beckenbauer schon früh in aller Schönheit demonstriert. Als er nach einem Katarbesuch auf die Missstände auf den Baustellen und die Lage der Arbeitssklaven angesprochen wurde: »Also, ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum«, erklärte er. Die Menschen dort seien weder in Ketten gefesselt, noch hätten sie irgendwelche Büßerkappen auf dem Kopf. Seitdem nenne ich Beckenbauer nicht mehr Kaiser, sondern Emir. Jedenfalls war das jahrelang das Motto: Nichts hören, nichts sehen. Trotzdem was sagen. Und kassieren natürlich.

Andere wie Sigmar Gabriel, der Uli Hoeneß der SPD, leugnen zwar nicht alle Missstände in Katar, verweisen aber auf die enormen Fortschritte, die es auch wegen der WM-Vergabe angeblich bereits gegeben habe. Wandel durch Kuhhandel. Wie effektiv dieses Verfahren ist, hat man am vorerst letzten Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft gesehen: Wladimir Putins Russland.

Andererseits darf man sich schon fragen, ob Fußballfans im Umgang mit der Diktatur in Katar wirklich konsequenter sein müssen als, sagen wir, der deutsche Vizekanzler, der in Hoffnung auf Flüssiggas neulich sogar einen Bückling vor dem Emir machte.

Als Fußballfan, der in schmutzigen Kompromissen erprobt ist, bin ich Habeck natürlich dankbar. Er ist quasi mein Alibi. Und wenn beim nächsten Mal wieder eine Diktatur mit dem größten Fußballfest der Welt geadelt wird, schaue ich wirklich nicht mehr zu. Ganz in echt.

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