G-8-Gipfel Merkel feiert ihren Klimawandel

Zaunbau, Proteste, Klimastreit: Wochenlang gab es nur negative Nachrichten vom G-8-Gipfel in Heiligendamm. Damit ist jetzt vorerst Schluss. Merkel verkündete die erste Einigung der Regierungschefs zum Klimaschutz - und sonnte sich im Gipfelglanz.

Von und , Heiligendamm


Heiligendamm - Nun hat sie es also doch geschafft. Am Nachmittag des ersten Gipfeltages ist Angela Merkel wieder Gipfelkönigin. Um kurz nach drei taucht sie plötzlich im Briefingraum in Heiligendamm auf. Ein Raunen geht durch den Raum, die Reporter hatten nur mit dem deutschen Sherpa Bernd Pfaffenbach gerechnet. Doch die Kanzlerin will das erste Ergebnis ihres G-8-Gipfels selbst verkünden: die Einigung auf ein Klimaschutz-Kommuniqué.

Gleich nach dem internen Briefing eilt sie raus vor die Fernsehkameras. Vor der grandiosen Kulisse von Heiligendamm sagt sie: "Dieser politischen Erklärung entkommt niemand." Auch US-Präsident George W. Bush nicht, soll das heißen. So will die Kanzlerin alle Zweifler zum Verstummen bringen, die - wie die Grünen - den Kompromiss umgehend als "wischi waschi" kritisieren.

Hartnäckig hatte Merkel auf den EU-Klimazielen bestanden, und gemeinsam mit den anderen Europäern hat sie den widerspenstigen Bush zumindest ein Stück in ihre Richtung ziehen können. Bis 2050 wollen die G8 nun eine Reduzierung der Treibhausgase um mindestens die Hälfte "ernsthaft in Betracht ziehen" - auch die USA. Es ist eine butterweiche Formulierung, doch Bush hatte eigentlich gar keine Zahl im Abschlussdokument lesen wollen.

Endlich die richtigen Bilder aus Heiligendamm

Die Weiße Stadt am Meer erstrahlt in der Sonne, der Himmel ist blau, die Europäer haben sich zumindest teilweise durchgesetzt: Merkel ist zufrieden. Heute Abend flimmern endlich die richtigen Bilder von Heiligendamm in die Wohnzimmer.

Videos zu den G-8-Protesten

Greenpeace-Protest
Polizei zwingt Ballon zur Landung"

Die Wochen zuvor hatten ganz im Zeichen des Zaunbaus und der Proteste gestanden. Heiligendamm, so schien es, würde zum Fiasko werden. Die Kommentatoren maulten über die Millionenkosten, die Teilnehmer schienen in den entscheidenden Fragen heillos zerstritten. Schon war die Rede von der "späten Rache des Gerhard Schröder", der einst den Gipfelort ausgesucht hatte. Selbst am ersten Gipfeltag dominierten Bilder einer spektakulären Schlauchboot-Aktion von Greenpeace.

Bis Merkel vor die Kameras trat. Der Moment könnte den Wendepunkt in der Gipfelberichterstattung markieren: Von nun an rückt die Inszenierung der Mächtigen wieder in den Vordergrund.

Niemand käme auf die Idee, den G-8-Klimakompromiss historisch zu nennen. Auch Merkel vermeidet das Wort "Durchbruch", was ihr sonst schnell von den Lippen geht. Doch reicht ihr der Text aus, um von einem "sehr guten Ergebnis" zu sprechen. Später beschwört die Bundesregierung in einer offiziellen Erklärung dann doch noch den unvermeidlichen "Durchbruch".

Bush macht bei Kyoto mit

Vor allem zwei Punkte gelten als Fortschritt für den Klimaschutz: Zum einen ist der größte Treibhausgas-Produzent USA, der das Kyoto-Protokoll abgelehnt hatte, nun bei den Verhandlungen über ein Kyoto-Nachfolgeabkommen engagiert. Zum anderen hat sich der Club der führenden Industrieländer die Schlussfolgerungen des Uno-Klimarats (IPCC) zumindest allgemein zu eigen gemacht und die Reduktion der Treibhausgase zum grundsätzlichen Ziel erklärt.

Das ist mehr, als mancher zuletzt erwartet hatte. Dennoch bietet der Kompromiss genug Angriffspunkte. Merkel hatte selbst die Messlatte hoch gehängt, als sie vor dem Gipfel versprochen hatte, "keine faulen Kompromisse" einzugehen. Sie wollte die Reduzierung der Treibhausgase um die Hälfte bis 2050 verbindlich festschreiben und die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen. Dafür wird sie nun in Haft genommen - von Greenpeace, Oxfam und anderen enttäuschten Umweltschützern. Denn eins enthält das Abschlussdokument nicht: verbindliche Reduktionsziele für die USA und Russland. Hier hat Bush sich durchgesetzt.

Merkel hält dagegen, dass die G8 immerhin mit der Anerkennung des IPCC-Berichts dessen Sichtweise akzeptiert hätten. Im IPCC-Bericht wird eine Erderwärmung von 1,5 bis 2,5 Prozent als Grenzwert genannt, ab dem es schwierig wird.

Merkel: "Schwere Krise verhindert"

Die Kanzlerin erinnert auch an die Ausgangslage vor dem Gipfel: Kanada habe zuletzt erklärt, die Kyoto-Ziele nicht einhalten zu können. Japan kämpfe noch, die USA hätten gar nicht erst das Abkommen ratifiziert, die Schwellenländer keine Reduktionsziele genannt, und schließlich habe man vor der Aussicht gestanden, dass das Kyoto-Protokoll 2012 ausgelaufen wäre.

In Heiligendamm sei also verhindert worden, dass das Klimaschutzabkommen "in eine schwere Krise stürzt", folgert Merkel. Ganz ohne Pathos kommt ein G-8-Gipfel eben doch nicht aus. Es gehört zum Drehbuch, dass die Anführer hier Geschichte schreiben. Mit Blick auf die Uno-Klimaverhandlungen in Bali im Dezember erklärt Merkel ähnlich kraftstrotzend: Jetzt seien "erstmal die Straßen frei, um dort mal wieder agieren zu können". Bis 2009 sollen nun die Umweltminister der Uno-Länder das Kyoto-Nachfolgeabkommen aushandeln.

Der Weg zur Einigung war steinig. Am Mittwoch hatten die Delegationen den ganzen Tag an den Papieren gefeilt, am Donnerstagmorgen stand der Klimaschutz bereits in der ersten Arbeitsgruppen-Sitzung der Regierungschefs auf der Agenda. Danach setzten sich die Delegationen noch einmal zusammen, um die Formulierungen aus der Runde abzustimmen. Vor allem die Geschlossenheit der Europäer - neben Merkel der Franzose Nicolas Sarkozy, der Italiener Romano Prodi und der Brite Tony Blair - ist von entscheidender Bedeutung. Blair hatte am Morgen den US-Präsidenten beim Frühstück und einem Spaziergang hinter dem Kurhaus noch einmal bearbeitet. Blair, dessen letzter Gipfel es war, ließ danach verbreiten, man werde sich auf eine substanzielle Reduzierung der Treibhausgase einigen.

Merkel ging es von Anbeginn vor allem um eines: die Uno nicht außen vor zu lassen. Die Initiative des US-Präsidenten, eine eigene Klimakonferenz der 10 bis 15 wichtigsten Emittenten einzuberufen, war als Soloschritt interpretiert worden. Man habe nur "beste Chancen" auf eine Einigung beim Klimaschutz, wenn man den Uno-Prozess "als Fundament nimmt", sagt Merkel. Zu glauben, die Schwellenländer jenseits des Uno-Prozesses zu Ergebnissen zu bringen, "das glaube ich nicht". Ähnlich hatte sich die Kanzlerin bereits am Mittwoch im persönlichen Gespräch mit Bush geäußert.

Welches Stück Arbeit dabei geleistet werden musste, lässt sich indirekt aus einer Bemerkung der Kanzlerin heraushören: Was die Passagen zur Uno angehe, habe man "um jedes Wort gerungen". Aber die Arbeit hat sich gelohnt. Der Gipfel ist gerettet, und sie kann dem zweiten Tag entspannt entgegen sehen. Morgen wird dann die Aufstockung der Entwicklungshilfe verkündet.



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