G-8-Gipfel Merkels Start zur Tour de Charme

Der Glanz der "Miss World" ist verblasst. Libyen-Krieg, Euro-Krise, IWF-Nachfolge - außenpolitisch stand Angela Merkel zuletzt immer öfter in der Kritik. Nun will die Kanzlerin international wieder punkten, wenigstens mit schönen Bildern. Den Auftakt zur Charmeoffensive macht der G-8-Gipfel.

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Berlin - Für die Begrüßung der Kanzlerin nimmt sich der Präsident extra viel Zeit. So viel wie für keinen anderen seiner Gäste. Demonstrativ fröhlich herzt Nicolas Sarkozy Angela Merkel, Küsschen links, Küsschen rechts, eine Umarmung, sogar zum kleinen gemeinsamen Bad in der ausgewählten Zuschauermenge führt er sie, während der scharfe Wind vom Ärmelkanal an ihren Haaren zupft. Dann schreiten die beiden lachend über den roten Teppich in die Villa Le Cercle.

Schöne Bilder sind das zum Gipfel-Auftakt der G-8-Staaten. Bilder, die von Harmonie, Freundschaft und Wertschätzung zeugen sollen.

Merkel kann das gerade gut gebrauchen. Denn zuletzt lief es nicht gerade rund auf dem internationalen Parkett. Einst zur "Miss World" hochgelobt, hat der internationale Ruf der Kanzlerin arg gelitten. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier attestiert der Regierungschefin außenpolitische Lethargie. Deutschland versage als Führungsmacht, konstatiert Ex-Außenminister Joschka Fischer. Der European Council on Foreign Relations analysiert die deutsche Außenpolitik als "zunehmend ausweichend, abwesend und unvorhersehbar". Und die "Zeit" fragt besorgt: "Ist Deutschland in der Welt isoliert?"

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Französisches Präsidentenpaar: Nachwuchs bei den Sarkozys
Ganz so schlimm ist es nicht. Denn für die Isolation ist Deutschland als stärkste Wirtschaftsmacht Europas zu wichtig. Dennoch entstand in den vergangenen Monaten immer häufiger der Eindruck, dass sich die Bundesregierung mit der Kanzlerin an der Spitze in wichtigen außenpolitischen Fragen ins Abseits manövriert hat.

  • In der Euro-Krise sträubte sich Merkel lange gegen Milliardenhilfen für pleitebedrohte EU-Staaten. "Madame Non" wurde sie dafür gescholten, bis sie am Ende sogar einem permanenten Rettungsschirm ihren Segen gab. Für Ärger sorgte die Kanzlerin vor ein paar Tagen, weil sie auf einer Parteiveranstaltung indirekt den Arbeitseifer von Griechen, Spaniern und Portugiesen in Frage stellte.
  • Im Uno-Sicherheitsrat irritierte Deutschland die traditionellen Verbündeten mit seiner Enthaltung in der Frage eines Militäreinsatzes in Libyen. Die Bundesrepublik stand plötzlich an der Seite von Russland und China. Selbst die Außenpolitiker in den eigenen Reihen verstanden die Welt nicht mehr.
  • Mit ihren plötzlichen Plänen für einen raschen Atomausstieg steht die Bundesregierung international ziemlich einsam da. Die radikale Kehrtwende in der Atompolitik wird vielerorts belächelt.
  • Bei der Vergabe internationaler Spitzenposten ging die Bundesrepublik zuletzt leer aus. Erst ging Merkel Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber als Kandidat für den Posten des EZB-Präsidenten von der Fahne. Nun, wo ein neuer IWF-Boss gebraucht wird, hatte sie wieder keinen deutschen Anwärter parat.

Deutschland als Außenseiter - wie kann das einer Regierungschefin passieren, die immer noch als mächtigste Frau der Welt gilt? Sind es nur die bewegten Zeiten, in denen sich schwieriger glänzen lässt?

Manche der außenpolitischen Probleme lassen sich innenpolitisch erklären. So ist der Atomausstieg seit der Fukushima-Katastrophe zu Merkels Lieblingsprojekt geworden. Diesen Kurs muss sie nun auch international verteidigen. Die harte Haltung in der Euro-Krise ist zu großen Teilen der wachsenden Europa-Skepsis in der deutschen Bevölkerung geschuldet. Deutsche Soldaten in immer neue Kriegsgebiete zu schicken, kommt beim Wähler ebenfalls nicht gut an.

Sarkozy macht schon Wahlkampf

Manchmal ist im internationalen Geschäft auch mehr Offensive gefragt, als die Naturwissenschaftlerin Merkel sie normalerweise an den Tag legt. Das gilt vor allem im Gerangel um die Spitzenjobs. Axel Weber ließ die Kanzlerin auch deshalb hängen, weil er sich nicht ausreichend unterstützt fühlte. Das Werben hinter den Kulissen reichte ihm nicht, er wollte keine Schachfigur sein.

Kaum war Weber aus dem Rennen, preschten die Franzosen vor und brachten den Italiener Mario Draghi in Stellung. Mangels Alternativen musste auch Merkel Draghi unterstützen, ausgerechnet einen Vertreter aus einem südeuropäischen Schuldenstaat. Den Spitzenjob beim IWF reklamierte Nicolas Sarkozy gleich für seine Landsfrau Christine Lagarde. Auch hier blieb Merkel nur noch, deren Eignung zu loben.

Nun ist Sarkozy derzeit sehr daran gelegen, Stärke zu demonstrieren. Der französische Präsident will im nächsten Jahr wiedergewählt werden, da nimmt er - wenn es darauf ankommt - wenig Rücksicht auf Freunde. Das gilt auch für den Nahost-Konflikt: Sarkozy brachte jüngst die einseitige Anerkennung eines Palästinenserstaates im Herbst durch die Uno ins Gespräch - was Merkel ablehnt.

Immerhin, die schönen Bilder gönnt ihr Frankreichs Präsident in Deauville. Und weil inhaltlich auf solchen G-8-Gipfeltreffen ohnehin nicht viel zu holen ist, sind diese Aufnahmen für Merkel der Auftakt zu einer kleinen außenpolitischen Rehabilitationsmaßnahme: Die Kanzlerin im elitären Club der Mächtigen, das sieht immer gut aus.

Die Charmeoffensive wird in den kommenden zwei Wochen fortgesetzt. Nächste Woche bricht Merkel nach Asien auf. In Indien bekommt sie den Jawaharlal Nehru Award for International Understanding, in Singapur wartet eine Orchideen-Zeremonie auf die Kanzlerin. Am 6. Juni fliegt Merkel dann nach Washington, um dort den höchsten zivilen Orden der USA, die Freiheitsmedaille, entgegenzunehmen. US-Präsident Barack Obama richtet für Merkel bei dieser Gelegenheit auch ein Staatsbankett aus, eine Ehre, die es für einen deutschen Politiker zuletzt 1995 gab, nämlich für Helmut Kohl.

Dann kann die Kanzlerin den Präsidenten auch gleich einladen, endlich zum Staatsbesuch nach Deutschland zu kommen. Denn auch dass Obama Merkel als Staatsoberhaupt noch nicht beehrt hat, wird ihr schon als außenpolitisches Krisensymptom ausgelegt.

insgesamt 17 Beiträge
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Baikal 26.05.2011
1. Merkel merkt..
Zitat von sysopDer Glanz der "Miss World" ist verblasst. Libyen-Krieg, Euro-Krise, IWF-Nachfolge*- außenpolitisch*stand Angela Merkel zuletzt immer öfter in der Kritik. Nun will die Kanzlerin international wieder punkten, wenigstens mit schönen Bildern. Den Auftakt zur Charmeoffensive macht der G-8-Gipfel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,765087,00.html
.. dass ihre Zeit in Berlin nur mit einer krachenden Niederlage enden kann und auch wird, die bringt sich jetzt in Position für die nächste Untat: ständiger Präsident Europas werden, nach Rompelpompel aus Belgien könnte das sogar klappen und sie quakt dann aus Brüssel den Merkelmurks.
sxyxs 26.05.2011
2. DDR-angie
Die alte ist nur noch erbärmlich.Hofft jetzt dass man ihr den kopf tätschelt wenn sie was sagt u tut sowieso das was Zar Kotzi ihr befiehlt(mehr Geld in den Rettungsfond,devot sein u schnautze halten wenn wichtige internationale Entscheidungen getroffen werden u immer weiter zahlen) u versucht der Öffentlichkeit weisszumachen das als selbstständige Entscheidung zu verkaufen,was sie mit den immerselben einstudierten 2 NLP-Handgesten zu unterstreichen versucht.
chgogolok, 26.05.2011
3. Huch !
Deutschland ist isoliert! Von der "Nazikeule" mal abgesehen ist die Angst vor einer Isolierung d a s rhetorische und diplomatische Mittel, mit dem man die deutsche Außenpolitik von jeher verunsichern und manipulieren kann. Merkel tut sicher hier allerdings in besonders negativer Weise hervor. Man kann, sollte sogar abweichende, manchmal auch einsame Positionen vertreten, nur sollte man die auch vorher formuliert haben, dabei bleiben und seinen Standpunkt immer wieder offensiv und engagiert vertreten. Sobald aber Merkel der Wind ins Gesicht bläst, rudert sie zurück und/oder bietet fragwürde Kompensationshandlungen an, um die Partner zu beschwichtigen (Beispiel Lybien). Oder sie springt mit markigen Worten zur Euro-Stabilität als Tiger, lässt sich von Sarkozy, Zapatero und Berlusconi regelrecht weichkochen und landet als Bettvorleger. Oder erst wird ein mühsam in trockene Tücher gebrachter Atomdeal in Hinterzimmermanier aufgekündigt, um das Ganze nach Fukushima dann wieder wieder rückwärts abzuwickeln. Der denkende Mensch ändert ja manchmal seine Meinung, aber Merkel hat soviel Rückgrat wie ein ausgelutschter Kaugummi. Es geht gar nicht so sehr um inhaltliche Standpunkte sondern die wachsweiche und inkonsequente Art, in der sie die Postionen immer wieder wechselt, wenn sie nur genug unter Druck gerät. Dass die Verbündeten verärgert sind, wäre noch zu verkraften. Dass aber Merkel bzw. die deutsche Außenpolitik zur Lachnummer wird, lässt für den deutschen Einfluss Schlimmes befürchten.
avollmer 26.05.2011
4. Seit wann gibt es Probleme in der Außenpolitik?
Seit Merkel Kanzlerin ist? Oder erst seit Guido Westerwelle Außenminister ist? Wer hat sich für ein Libyen-Nein stark gemacht? Westerwelle oder Merkel? Wer glänzt in Sachen Eurokrise mit Abwesenheit und Wegtauchen? Merkel oder Westerwelle? Wer hat sich zum IWF noch gar nicht geäußert? Merkel oder Westerwelle? Es ist verständlich, dass der Außenminister nach der Maxime verfährt, dass wer viel macht auch viele Fehler macht und deshalb wer nichts macht auch keine Fehler macht. Womit er eine Methode gefunden hat Fehler zu vermeiden. Als U-Boot macht man sich im Ausland aber nicht beliebt, schon gar nicht als deutsches. Der Außenminister sollte deshalb ständig sichtbar, global präsent und auf klarem Kurs sein. Genscher hat das demonstriert, unübersehbar omnipräsent und mit festem Wertegerüst. Manche ausländischen Amtsträger sind schon beim Anblick eines hellgelben Pullovers zusammengezuckt oder in Freude ausgebrochen.
Maxjonthal 26.05.2011
5. Was für eine Überraschung!
Zitat von sysopDer Glanz der "Miss World" ist verblasst. Libyen-Krieg, Euro-Krise, IWF-Nachfolge*- außenpolitisch*stand Angela Merkel zuletzt immer öfter in der Kritik. Nun will die Kanzlerin international wieder punkten, wenigstens mit schönen Bildern. Den Auftakt zur Charmeoffensive macht der G-8-Gipfel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,765087,00.html
Nun,diese beiden ehrenwerten Herren würden wohl kaum A.Merkel zu guter Außen(oder sonstwelcher)politik gratulieren. Das liegt ja in der Natur der Sache.Da könnte man genauso den Vegetarier fragen was er von Fleisch hält... Und "Die Zeit",nun ja,ist die SO wichtig? Der ECoFR als eine von was weiß ich wie vielen Lobbybanden soll wohl für die internationale Komponente sorgen.
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