G-8-Gipfel Stell dir vor, es ist Demo - und kaum einer geht hin

Enttäuschung bei den Gipfelgegnern, Verwunderung bei Polizei und Politik: Statt wie erwartet 100.000 Demonstranten erschien in Rostock höchstens ein Viertel davon. Die in Schwerin geplante Neonazi-Demo blieb verboten, die Rechten trafen sich daraufhin an mehreren Orten unangemeldet.


Rostock/Schwerin - Damit hatte wohl kaum jemand gerechnet. Nach all den Vorbereitungen und Berichten über die G-8-Kritiker war für heute mit einem riesigen Protest gegen die Globalisierung in Rostock gerechnet worden. 100.000 Teilnehmer erwarteten die Veranstalter - auch die Behörden hielten die Zahl für realistisch. Und dann heute das: Nur rund 25.000 Menschen zog es zur zentralen Anti-G-8-Kundgebung nach Rostock.

Zwei Demonstrationszüge zogen seit dem Mittag gegen das Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrieländer und Russlands im Ostseebad Heiligendamm durch die Stadt. Am Nachmittag trafen sich beide im Zentrum der Stadt. Der Einsatzleiter der Polizei, Gerhard Danzl, beschrieb den bisherigen Verlauf des Protests als friedlich. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE kam es allerdings in der Langen Straße zu ersten Ausschreitungen. Dabei flogen Flaschen, Eier und Steine. Polizeisprecher Axel Falkenberg sprach von "Steinwürfen in erheblichem Umfang" aus den Reihen von Autonomen. An einer Bank seien Scheiben eingeworfen worden. Die Polizei blieb defensiv.

Die Veranstalter wollen sich mit den bisherigen Zahlen noch nicht zufrieden geben. Man könne noch gar nicht sagen, wieviele Menschen tatsächlich an den Demonstrationen teilnähmen, sagte eine Vertreterin gegenüber SPIEGEL ONLINE.

In Schwerin mussten sich die Neonazis kurzfristig doch einem Verbot ihrer Demonstration gegen die Globaliserung beugen. Die rechtsextreme NPD und ein linkes Antifa-Bündnis scheiterten mit dem Versuch, mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts für heute geplante und von der Stadt Schwerin verbotene Demonstrationen doch noch durchzusetzen. Die NPD erhielt die Nachricht vom Demonstrationsverbot erst heute Vormittag gegen zehn Uhr - da saßen zahlreiche Aktivisten bereits in Bussen auf dem Weg nach Schwerin.

Das von der NPD angerufene Bundesverfassungsgericht will nach Angaben einer Sprecherin erst nach dem Wochenende entscheiden. Die Richter hätten sich angesichts der Kürze der Zeit nicht in der Lage gesehen, eine Entscheidung zu treffen. In der vergangenen Nacht hatte das Oberverwaltungsgericht Greifswald das Demonstrationsverbot der Stadt Schwerin bestätigt.

Die Polizei setzt das bestehende Versammlungsverbot konsequent durch. Wie eine Sprecherin sagte, wurden am Vormittag etwa 150 nach Schwerin gereiste Demonstranten aus der linken Szene vor dem Hauptbahnhof in Gewahrsam genommen. Sie seien den von der Polizei ausgesprochenen Platzverweisen und mehrfachen Aufforderungen, in den Zug zu steigen, nicht nachgekommen. Unter ihnen befänden sich auch Vermummte, die ihrer Kleidung nach dem schwarzen Block zuzuordnen seien. Der größte Teil von ihnen war laut Polizei mit dem Zug aus Hamburg angereist. Beamte bildeten einen regelrechten Kessel um das Gelände und hinderten die Linken am Weitergehen.

An den Kontrollstellen an den Zufahrtstraßen nach Schwerin wiesen Polizisten anreisende Teilnehmer der verbotenen Demos ab. Dabei handelte es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aber lediglich um vereinzelte Fälle.

Nach dem Verbot für die NPD-Demonstration in Schwerin haben sich die Rechtsradikalen an verschiedenen Orten zu spontanen, nicht angemeldeten Kleindemonstrationen getroffen. Rund 140 zogen durch das Brandenburger Tor in Berlin. Polizisten hätten sich den Rechten in den Weg gestellt, seien von diesen aber beiseitegeschoben worden. Dem Spuk sei dann aber mit Verstärkung schnell ein Ende gemacht worden, sagte ein Sprecher. 13 Demonstranten wurden festgenommen. Der Protestzug habe sich dann schnell aufgelöst. Unklar sei bislang, wohin sich die Neonazis zurückgezogen haben und ob sie weitere spontane Demonstrationen in der Hauptstadt planten.

Auch im schleswig-holsteinischen Lauenburg sammelten sich Rechte zu einer ersten spontanen Protestaktion.

In Lüneburg trafen am Mittag fünf Busse mit rund 350 Neonazis ein. Die Gruppe zog in einer nicht angemeldeten Demonstration mit Transparenten durch die Stadt. Drei Busse sind inzwischen wieder abgefahren, nachdem die Polizei ein Versammlungsverbot ausgesprochen hat. Von der Lüneburger Polizei war zu hören, die Demo habe sie "aus der kalten Hose" erwischt."

Weitere Demonstrationen sind noch in Güstrow zu erwarten. "Es waren wohl gut 1000 NPD-Anhänger Richtung Schwerin unterwegs. Die machen nun woanders Halt", sagte ein Polizeisprecher.

ler/phw/dpa/ddp

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