G-8-Nachwehen Von besonnen bis brutal - Gipfelgegner und Polizei überziehen sich mit Vorwürfen

Seit drei Wochen ist der G-8-Gipfel Geschichte, doch der Protest geht mit Härte weiter - verbal: Globalisierungskritiker bezichtigen die Polizei der Willkür und sexueller Übergriffe. Die kontert, die Gewalt sei derart eskaliert, dass Beamte sogar die Waffe hätten ziehen können.

Von Ingo Arzt


Berlin/Heiligendamm - Vom Sicherheitsbollwerk zum Gartenzaun - das Symbol der Abschottung der G 8 vom Rest der Welt soll demnächst in Teilen Rosen und Katzen schützen. Der Hersteller des zwölf Kilometer langen Sicherheitswalls rund um den Gipfelort Heiligendamm teilte heute mit, dass 1,2 Kilometer des Zauns an eine sächsische Rosenzucht in Borsdorf bei Leipzig gehen. Ein Tierheim in Schlage bei Rostock erhält 40 Meter für ein neues Katzengehege. Weitere mehrere hundert Meter gehen jeweils an Veranstaltungsfirmen in Mecklenburg- Vorpommern und ein Brandenburger Recyclingunternehmen. Das Zaunbauunternehmen bestätigte damit einen Bericht der "Schweriner Volkszeitung". Ein Drittel des Zauns fand bis heute keine Abnehmer und landet auf dem Schrott.

Anfang Juni hatte der 12,5 Millionen Euro teure Zaun samt Überwachungstechnik Tausende Gipfelgegner auf Distanz vom Tagungsort gehalten. Und auch wenn bis Ende August auch die letzten Reste abgebaut sein werden, der Kampf um die Deutungshoheit über Auseinandersetzungen, die sich Sicherheitskräfte und Globalisierungskritiker an der technischen Sperre (Polizeijargon) lieferten, wird wohl auch dann längst nicht vorbei sein.

Denn noch immer beschäftigen die Proteste rund um das Treffen Gipfelgegner, Polizei und Politik. Im Innenausschuss des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern erstatteten heute Innenminister Lorenz Caffier (CDU) und der Leiter der Sondereinheit "Kavala" Bericht - hinter verschlossenen Türen. Dass damit alles zu aller Zufriedenheit geklärt ist, ist schon jetzt ausgeschlossen. Der Rostocker Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Terpe sprach sich bereits für einen Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag aus. Auf der Tagesordnung würde Terpe gerne die Beteiligung der Bundeswehr an den Sicherungsmaßnahmen sehen. Auch forderte er Aufklärung über die Bedingungen, unter denen in Gewahrsam genommenen Demonstranten festgehalten wurden.

Jedenfalls sorgt der Umgang der Polizei mit den aufgegriffenen Protestlern im Lager der Globalisierungskritiker weiter für Empörung. Gestern trafen sich in Berlin etwa 100 Organisatoren und Teilnehmer der Anti-G-8-Aktionen, um noch einmal geballt mit massiven Vorwürfen gegen Polizei und Staat in die Offensive zu gehen. Mit dabei im ver.di-Gewerkschaftshauptquartier waren auch Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele und der Datenschutzbeauftragte des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Karsten Neumann.

Demonstrantinnen beschuldigen Polizisten

Zahlreiche Betroffene hatte die Bewegung aufgeboten. Nüchtern und sachlich berichteten etwa die Atomkraftgegner Heiko Jäger und die sechsfache Mutter Kerstin Rudek, dass sie die "Kavala", die den Einsatz zum Schutz des Gipfels koordinierte, wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verklagen wollen. Nach eigenen Angaben saßen die aus dem Wendland angereisten Demonstranten nach einer Kontrolle ihres Auto-Konvois auf der Autobahn am Flughafen Rostock-Laage über zwölf Stunden in einer der so genannten Gefangenensammelstellen (Gesa) - grundlos, wie sie erklärten. Die Gesas waren ins Gerede gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass hier in Gewahrsam oder festgenommene Demonstranten teilweise in Käfigen festgehalten wurden.

Ein junger Demonstrant war sichtlich um Fassung bemüht, als er auf dem Podium mit zittriger Stimmer von seiner Haft vom 3. bis zum 9. Juni erzählte. Die Polizei hatte in seinem Auto ein Transparent mit der Aufschrift "Freiheit für alle Gefangenen" gefunden und ihn daraufhin festgenommen. Das Landgericht Rostock folgte der Argumentation der Polizei, es handle sich um einen Aufruf für eine Straftat.

Während es sich bei derartigen Berichten um aktenkundige Fälle handelt, sind andere kaum nachprüfbar. Eine anonyme Aktivistin einer Gruppe, die Frauen und Männer nach sexuellen Übergriffen betreut, erhob auf dem Podium schwere Vorwürfe gegen Beamte: So hätten sich festgenommenen Frauen vor männlichen Polizisten nackt ausziehen müssten. Andere Frauen sollen in den Gesas mit dem Hinweis auf einen "ganz dunklen Raum" von männlichen Polizisten eingeschüchtert worden sein.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.